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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-09-01 · Heft 23 (1.9.1890) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 23 (1.9.1890)
Date
1890-09-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 die Juden zu veranlassen zum Christeuthume überzugehen. ,König Friedrich Wilhelm III. bekannte sich ohne Hehl zu dieser Tendenz. Das Unglück des Staates hatte nur vorübergehend, mit -Hilfe erleuchteter Staatsmänner, wir lieimeu nun Stein und Muke, in ihm die Kraft erweckt, geiuude und richtige Maximen zur Geltung zu bringen. Sobald aber die Gefahr vorüber war, verfiel er wieder nach pbaraoniicher Weise in jene beschränkten Änschaunngen, die ihn ungeachtet persönlicher Rechtschaffenheit zu so vielen unheilvollen Maßuahmen gebracht haben. Durch den Widerspruch von Gesetz und Willkür entstand eine derartige Menge von Unznträglichkeiten, dass die Negierung selbst das ׳Bedürfnis fühlte, dem Wirrwarr durch eine Gesetzvorlage ein Ende zu machen. Am 29. April 1824 erschien eine königliche Ordre, dass bevor im Wege der allgemeinen Gesetzgebung vorgegangen werde, zuvörderst die Provirzialstände mit ihren Anträgen gehört werden sollen. Bis 1828 wäbrte die Aussprache!dieser Versammlungen, die leider sammt und sonders für Beschränkung und Zurücksetzung der Juden übereinstimmtcn, allein in so bunter mannigfacher Verworrenheit, da's unmöglich war, ähre Wünsche zu berücksichtigen,- ohne der Bestimmung der Bundes-- acte noch mehr nahe zu treten und die Juden in einen für sie und den Staat verderblichen Zustand zu bringen. Das Jahr 1830 unterbrach alle bisherigen Arbeiten der Negierung, denn die neuen Gesichtspunkte, die in Folge der Juli-Nevolution zu berücksichtigen waren, stimmten mit jenen Vorarbeiren nicht überein. Im Februar 1832 erschienen in mehreren Zeitungen von oben in'pirirte Artikel über einen Entwurf einer allgemeinen Judenorduung für Dreußen, der in vielen Hauptpunkten mit dem Gesetze vom 1. Juli 1833 über die Verhältniße der Juden des Großherzogthum Posen nbereinstimmte. In beiden wurden die Juden in Staatsbürger und Schutz- Hilden oder (in naturalisirte und geduldete Inden) getheilt. In diesem Entwurf sollten die Juden der ersten Elaste von allem -Staatsdienst, vom Avancement in der Armee über den Feldwebel Hinaus, von der Theilnahme au der ständischen Repräsentation und von allen Gemeindeämtern ausgeschlossen lein. Sie sollten aber, um zu dieser Elaste zugelassen zu werden, einer Kunst oder einer Wissenschaft sich gewidmet haben, oder den Besitz und die Bewirthschaftung eines ländlichen Grundstückes Nachweisen, oder endlich in einer Stadt ein namhaftes stehendes Gewerbe mit einiger Auszeichnung betreiben. Ferner sollten diejenigen naturalisirt werden, welche in einer Stadt ein Grundstück von mindestens 2000cte schuldenfrei oder wenigstens 5000rte besäßen. Die Inden der zweiten Elaste sollten sich erst nach zurückzelegtem 24. Lebensfahr verehelichen dürfen, sich nicht auf dem Lande niederlasten und das städtische Bürgerrecht nicht erwerben. Sie wurden vonr Handel unter dem Schutz kaufmännischer Rechte ausgeschlossen und der Hausirhandel ihnen völlig untersagt. Das Schankgewerbe sollte nur auf Grund eines besonderen Gutachtens der Ortspolizei gestattet, auf dem Laude ihnen ganz entzogen sein. Darlehengeschäfte sollten sie nur gegen gerichtlich anfgeuommene Schuld» urkunden abschließen dürfen. Schuldansprüche für verkaufte Getränke sollten keine rechtliche Gültigkeit haben. Beiden Elasten war die Ehe mit Ausländerinnen nur dann gestattet, so Letztere ein Vermögen von mindestens 5000rte in die Ehe brachte. Dieser Entwurf, mit dem Anspruch voller Znverlästigkeit auftretend, erregte Bestürzung und Schrecken bei allen Juden, und eine Anzahl Zeitungsartikel und Brochüren erschienen gegen ihn. Nießer erhob seine Stimme dagegen in seiner Zeitung und schrieb ,Betrachtungen über die Verhältniße der jüdischen Preußen*, die nachher als eigenes Buch Altona 1834 erschienen. Es ertegt wahrhafte Bewunderung, wenn mau erwägt, in welch' kurzer Zeit Nießer über einen und denselben Gegenstand so mannigfach und doch immer so neu und originell schreiben konnte. Nur aus seiner außerordentlichen Begabung wie aus den verschiedenen Principieu, welche die Staaten in ihrer Judenbehandlung befolgten, lässt sich diese Erscheinung einigermaßen erklären. Jedes dieser Principe wurde von Nießer auS den verhüllenden Beiwerken hervorgezogen, zergliedert und seine Unhaltbarkeit nachgewiesen. In Baden war das Recht der Jude» scheinbar anerkannt, dennoch wurde» ihnen fortwährend Schwierigkeiten in den Weg gelegt, um sie nicht dazu gelangen zu lassen. In Preußen war cs die unverhohlene Absicht, die Juden in eine jo unerträgliche Lage zu bringen, dass Er sammelte seine Erinnerungen und cencentnrle sie aus die längstvergangenen Jahre der Dirigentenzeit in Mähren. Der Gedanke daran machte ihn lachen. O, diese verkannte Carriere, die am Hungerstuche nagen lässt, dieses beneidete, glänzende Elend. Ins Familienzimmer zurückgekehrt, fragte Simon nach Beendigung des Liedes nach dem Componisten desselben. Sara sah lächelnd ihren Bruder an. ״Von wem?" wiederholte Moritz betroffen: .Sie, Herr Simon, sind selbst der Componist dieses herrlichen so allgemein beliebten ׳LiedeS, besonders der dritte Vers ist so innig musikalisch tief empfundene ״Nicht wecke Dich des Sängers Kehle Erschließend Deiner Augen Schein — Doch kling es leis' durch Deine Seele, Die Lieb', die Liebe wacht allein." .Bitte, sehen Sie, hier steht ihr Name gedruckt, erwiderte Sara, ihren Blick senkend. Simon trat an das Pianoforte heran und drückte sich krampfhaft an dasselbe an. Sei» Antlitz überzog eine Todtenbläffe. Mit bebenden Zippen erklärte er nun, dass das Lied von ihm sei, dass schon eine geraume Zeit verfloffen wäre, seitdem er diese Composition der -Oeffentlichkeit übergeben habe. Ja, damals! Frau Ascher befreite Simon aus dieser höchst unangenehmen Situation, indem sie ihn aufforderte, an dem 'Abendessen theilzunehmen. Die liebenswürdige alte Frau machte heute die Honneurs und sorgte wie gewöhnlich für leibliche und geistige Unterhaltung. Um den runden Tisch saßen die fünf Personen in scheinbarer Gemüthlichkeit zusammen. ,Mir spukt noch immer die Melodie des Liedes im Kopse umher — ich kann sie nicht loS werden', meinte Moritz. ,Das macht das Geurüth, das in der Melodie verbunden ist, das tiefe Empsinden des Componisten*. rief die Mutter. .Dieser Simon ist ein Genie, das ist über jeden Zweifel erhaben. Er versteht es doch, so warme HerzenStöne anzuschlagen. Seine Musik schmeichelt sich nicht nur dem Gehör ein, sondern auch dem Herzen. Er bezaubert und ergreift.' Simon war heute zum Erstaunen Aller bei der heitersten Laune. Sein Helles Lachen that der kleinen Gesellschaft recht wohl. In später Abendstunde erhob er sich endlich und sprach: ,Für heute meine Lieben, muß ich ausbrechen, so gern ich noch bei Euch geblieben wäre. Wichtige Angelegenheiten, die ich erledigen muß, zwingen mich, von Euch allen nun herzlichen Abschied zn nehmen.* .Auf Wiederfeh'n!* Am andern Morgen empfing Herr Leberecht einen Brief folgenden Inhaltes: ,Meine UnvergefSlichen! Gestern Abend in meiner Wohnung avgelangt, fand ich ein Schreiben vor, LaS mir eine schleunige Abreife uörhig machte. Empfangen Sie meinen innigsten Dank für die liebenswürdige Aufnahme und warme Theilnahme, welche Sie mir alle während meine» Aufenthaltes iu Ihrem Haufe äußerten. Ich entziehe

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