Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 23 (1.9.1890)
- Date
- 1890-09-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Kleine Chronik. Wien. Wie die ,Deutsche Zeitung' meldet, sind den politischen Behörden erster Instanz in Niederösterreich bereits die nöthigen Weisungen bezüglich der Durchführung des Gesetzes zur ,Regelung der nutzeren Nechtsverhältnitze der isr. Neligionsgenossenschaft' zugeganzen. Wie«. Wie wir bereits miigetheilt. beschäftigt sich der Wiener Eultusvorstand sehr eingehend mit der Reviston de» Lehrplanes für denjüdischen Religionsunterricht. Ein diesbezügliches Referat der Schulsection werden w׳'r in nächster Nummer veröffentlichen. Wien. Vorige Woche ist in Baden bei Wien der bekannte Industrielle, Herr Eduard Geiringer, im 71. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene genoss wegen seines biederen Charakters hohes Ansehen in der Kaufmannswelt und war auch in der übrigen Wiener Gesellschaft als Wolthäter der Armen bekannt. Ein ehrendes Andenken ist ihm gesichert. Wrag. Zur Erinnernng an die edle Königin Louise von Pceutzen erzählt Karl Wiesenthal in der ,israel. Gemeindezeituug' folgende Episode, die sich so manche Berliner Kreise zu Herzen nehmen könnten: Die Königin war einst im Herbste des Jahres 1809 in Berlin spazieren gegangen und zwar in Gemeinschaft einer sehr stolzen Hofdame, deren Nachkommen heute noch eben so stolz in Preußen sich breit machen. Es war kurz vor den jüdischen Laubhüttenresttagen. Die Königin wollte sich mit Absicht ins Judenviertel begeben. Ein solches gab eS dazumal gewissermaßen in Berlin noch. Mit Abneigung -folgte-ihr'die.Hofdame dahin. A!S nun die hochedle Königin mitten im Geräusche des Judeuviertels war, da lachte sie herzlich über das ׳Treiben! Plötzlich gewahrte sie eine bejahrte Judenfrau, der es sehr sauer wurde, den schwer bepackten Korb aufzunehmen. Da sprang die edle Königin herbei und half ihr den Korb ausheben. — ,Majestät! 'Pfui! Um Gotteswillen! Königin!' rief die Hofdame, ,wie mögen Sie sich mit dem alten Judenweibe so gemein machen!' Die edeldenkende Königin blickte die eitle Hofdame mit zürnenden Angen an: ,Schweige Sie! Menschenliebe, die ein Jeder üben soll, kann nie in's -Gemeine hinabsinken. In dieses schmutzige Revier verliert sich nur der eingebildete Stolz einer — Hofdame!' Das war eine Antwort, mein freundlicher Leser. Die schon erwähnte, 1810 erschienene Chronik beschließt diese Episode mit dem trefflichen Verschen: Zu Ihr drang jeder Klage leiser Hauch — Sie fühlte jeden Schmerz — Selbst für ein Judenweib empfand sie auch! — O, welch' königlich Herz! HropplM, am 19. August. (Der 18. August in Jägerndorf.) Alljährlich am Geburtstage unseres erhabenen Kaisers wird seit einer :Reihe von Jahren in der Cnltusgemeinde Jägerndorf dieser Tag besonders feierlich und würdig begangen, so dass der ,18. August in! jägerndorf' sich einer gewissen Berühmtheit in ganz Schlesien, und -darüber hinaus bereits erwarb. Unter der Leitung des dortigen Cantors. der bereits 23 Jahre in dieser Gemeinde wirkt und Schüler von Sulzer und Goldstein ist, des Herrn S. Grünblatt, wird alljährlich ein Fest-Gottesdienst im Tempel veranstaltet, der hier in der ganzen -Geg eud eine Berühmtheit erlangte. Zu diesem Gottesdienste erscheinen auch sämmtliche Spitzen der Behörden in Jägerndorf: Der Bezirshauptmann mit den Beamten, der Bürgermeister, Gemeinderäthe. Offieiere, Postbeamte, Veteranen, Feuerwehr 11. s. w.. und eine sehr große Anzahl christliche Mitbürger. Auch gestern wurde in Jägerndorf ein solcher feierlicher Gottesdienst abgehalten, zu welchem oben angeführte Behörden und zahlreiche Deputationen in voller Gala erschienen waren, darunter auch viele preußische Staatsbeamte. Punkt 11 Uhr ׳Vormittags, nachdem der verdienstvolle Cultusvorstcber. Herr Jul. Pollak. -die erschienenen Gäste auf die ihnen zugewiesene Plätzen geleitet hatte, begann der feierliche Gottesdienst mit dem Snlzer'schen ^latowo (in C), welcher von dem trefflich einstudirten aus circa 30 Personen bestehenden gemischten Chore in vorzüglicher Weise zu Gehör gebracht wurde. Cantor Grüublatt t rächte das darin vorkommende Cautor-Solo mit seiner prächtigen und sympathischen Bariton-Stimme zur besten Geltung. Hierauf sang der Chor den herrlichen (Königspsalm) 61 von LewandowSki, der durch seine bezaubernde Melodie und überraschend schönen Harmonien die Zuhörer auf's Angenehmste berührte, während .Herr Cautor Grünblatt das darin vorkommende, etwas undankbare Cantor-Solo mit Orgelbegleitung sehr verständnisvoll und sympathisch zu Gehör brachte. Sr. Ehrwürden Rabbiner Anschlowitz bestieg nachher die Kanzel und hielt eine von echt patriotischem Geiste durchdrungene Festrede, welche auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. -Nach Aufführung des Halleluja von Sulzer trat der Herr Rabbiner begleitet von dem Cantor und den Vorstehern vor die offene Bundeslade und sprach ein inniges Gebet für Kaiser und Reich, an welche» sich die Volkshymne begeisternd anschloß. Damit war der FestgotteSdienst beendet. Die anwesenden geehrten Gäste sprachen dem Vorstande sowie den Fnnctionären besonder» Dank nnd Anelkennung für die schöne nnd erhebende Feier ans. lind wahrlich, wer einem solche» Gottesdienst in Jägerndorf am 18. August beigewohnt, dem bleibt diese feierliche Stunde noch lange in freudiger Erinnerung! — Nach׳ mittag arrangirte Herr Cantor Grünblatt mit seinem so tapferen Chore einen Ausfluz ins Freie, welchem sich eine große Anzahl Gemeinde-Mitglieder anschlossen. Eine recht freudige und gemüthliche Stimmung hielt die tapferen Sänger und Sängerinnen bis spät am Abend beisammen, und als die Nacht bereits angebrochen, wurde mit Sang und Klang wieder in die Stadt marschirt. So der 18. August in Jägerndorf. ' 8 — ud. Budapest. , Pesti Hirlap" hatte im Leitartikel seiner Nnmnrec vom 18. v. M. die Behauptung anfgestellt. es sei im Laufe dieses Jahres gelungen, den Minister Grafen Cs.iry zu bewegen. Lass er jene Verordnung zurnckziehe, welche die katholischen Geistlichen anivies, von der Taufe der znm Christenthum übertretenden Israeliten den die Matrikel führenden Rabbiner zu verständigeu " Wie nun ״Orß. Ert.'t von competenter Stelle erfährt, beruht diese Behauvtuug auf einer gänzlich irrigen Information. Minister CZaky hat die fraglich.׳ Verordnnng nicht zurückgezogen, dieselbe besteht auch heute unverändert in Kraft. Nur jene Bestimmung dieser Verordnung, das» dem getauften Israeliten der Matrikelauszug erst daun anSgefolzt werden könne, wenn von dem, von der Taufe amtlich verständigten isra.'litifchen Matrikelführer die Verständigung von der errolgten Richtigstellung seiner Matrikel eingelaufen ist, wurde mit Rücksicht auf die An« forderungen des praktischen Lebens dahin modisiciert, dass in dringenden Fällen der Matrikelanszuz anch vor dem Einlangen der erwähnte» Antwort ausgefolgt werden kann. London. In einem Artikel des ReichstagsmitgliedeS Phillipp Samhammer, in welchem derselbe die Art nnd Weise schildert, wie in der Riesenstadt London nicht nur durch bestorganisirte Vereine und Anstalten der Armnlh und- Noth gesteuert wird, sondern an׳h durch die freie Pnvatwohlthätigk'it führt er u. A. folgende» Beispiel an, in welchem der Geist echtjüdischer Wohlthätigkeit vollständig zum Ausdruck kommt: ,Der höchste Grad privater Wohlthätigkeit aber wurde mir bekannt in dem Hause de» Alderman» Geo Phillips, dem Sohne des verstorbenen Lord-Mayors Phillips in London; dieser reich mit GlückSgütern gesegnete Herr wohnt mehrere Meilen von London ans einem alten Adelssitz in Hatford, einem Paradies auf Erden. I» der City von London ist er Mitbesitzer eines Riesengeschäftes von Weltruf; in Hatford wohnen um ihn herum viele Arme, die nur in der Landwirthschaft thätig sind. Keine Industrie bringt dort irgend welchen Nebenverdienst während des langen Winters, nnd so hat den» die hochgebildete, wahrhaft edeldenkende Gattin des MrS. Phillips eine sinnreiche Einrichtung für die Armen in Hatsord getroffen. Sie hat Penny-Diners eingerichtet, welche täglich an 72 Arme verabreicht werden. In feinem Taktgefühl will man den Armen nicht ein Geschenk geben, für welches sie dankbar sein müßten, nein, sie sollen in den Genuss zu Recht treten dadurch, das» sie einen Penny zahlen, nnd welcher Arme brächte wohl nicht einen Penny auf? Es war mir vergönnt, mit Mrs. Phillips, deren Sohn und Tochter einem dieser PennyrDinner» beiznwohnen. Ein eigens dazu bestimmter Heller, freundlicher Saal diente ausschließlich j.nem Zwecke, bereit» saß eine Anzahl Bedürftiger an den sauberen Tischen, meist alte Männer nnp hochbetagte Weiber. Mit freundlichem Gruße erhoben sie sich bei unserem Eintritt; als die Z ir herangekommen war, füllte sich der Saal vollständig, denn Keiner, kein Einziger fehlte. Die dampfenden Riesenschüsseln wurden anfgetragen; Mrs. Phillips, den Ernst der Sache erfassend, band sich eine hohe weiße Schürze um, wir Ander» erhielte» gleichfalls unsere Posten. Heute gab es Zungen-Nagout mit Gemüse und Kartoffeln; wahrend die mildthäthige Frau mit schneeweißem Haar und fenersprühenden schwarzen Augen daS Fleisch ans den Teller legte, hatten wir mit der Zutheilnng von Brod, Kartoffeln und Gemüse zu lhn». Was war La geboten für einen Penny! Da brauchte keiner zum zweiten Male zu verlangen; während des VertheilenS wurden freundliche Worte mit den armen Empfängern gewechselt, gewiss die beste Würze eines solchen Mahles. Auszeübt als ein Ans» stutz wahren inneren Bedürfnißes werden Wohltaten dankbar entgegen-- genommen; denn dann allein verlieren sie die Härte, welche sich s» leicht an sie knüpft. (״Magdeb. Wochfchrst.")