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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-09-01 · Heft 23 (1.9.1890) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 23 (1.9.1890)
Date
1890-09-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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- -L — die Gesinnung Friedricks des Großen den Juden gegenüber. Friedrich Wilhelm II. von 1787—1797 nahm sich eben so wenig Der Juden an. Dessen Negierung hatte sich im Gegentbeil auf den positiven christlichen Standpunkt gestellt, war demnach PrincipieÜ und philosophisch den Inden feindlich gesinnt und erließ ein seiner Zeit viel beiprochencs Neligionscdict. Da blieb kein Raum, Gerechtigkeit gegen Andersglaubende zu üben, obwohl damals in Berlin durch ein? Reihe ausgezeichneter Männer und Frauen jüdischen Glaubens die sociale Vereinigung mit Allem, was die Hauptstadt Hervorragendes an Kunst und Wissenschaft besaß, ohne Hindernis sich vollzog. Die Katastrophe des Jahres 1806 führte unter Friedrich Wilhelm III., regierte von 1790— 1840, die preußische Negierung zur Erkenntnis der wahren Ursache, durch die der Staat ins Unglück gestürzt wurde. Als eine der wesentlichsten wurde die Ungleichheit der Rechte, in welcher die Staatsangehörigen lebten, erkannt. Die berühmte Gesetzgebung, welche von der Zeit des Tilsiter Friedens au, constguent ins Leben gerufen wurde, stellte Len Staat auf ganz neue Grundlagen Und flößte ihm frisches, kräftiges Leben ein. Ein Glied dieser Gesetzgebung war das Edict vom 11. März 1812, wodurch die Juden zu Staatsbürgern erklärt, ihnen gleiche Rechte und Pflichten zuerkannt, und fast alle Erinnerungen an die frühere Ungleichheit vertilgt wurden. Nur Lu Bezug, ihrer Zulassung zu Slaatsämtern behielt Paragraph 9 1s dem Könige vor, zu erwägen, in wie fern die Juden zu diesen zuzulasicn sind, sprach also nicht ihre Unfähigkeit zu Liesen aus, sondern unterwarf die Frage einer weiteren Berathüng. In Folge dieses Edictcs eilte eine große Zahl jüdischer Jünglinge und Männer im folgenden Jahre unter die Waffen, um an dem Kriege gegen die Franzosen Thcil zu nehmen. Viele starben den ehrenvollen Tod im Felde, andere zeichneten sich durch Tapferkeit derart aus, dass sie zu Officieren befördert wurden. Eine weitere Anzahl jüdischer Jünglinge ergriff mit Eifer die neu eröffnete Aussicht au/ öffentliche Aemter und befleißigte sich der Wissenschaft, die sie einst lebreu zu dürfen hofften. Allein mit der Wiederkehr des Friedens änderte sich der Zustand auf eine betrübende Weise. Das Edict wurde zwar nicht zurückzenommen; allein da im Jahre 1807 in Folge des Tilsiter Friedens der Umfang des preußischen Staates im Osten wesentlich verkleinert, im Westen alle Länder jenseits der Elbe verloren gingen, so wurde die Geltung des Edicts auf die damals zu Preußen gehörigen Länder beschränkt. In den Ländern hingegen, die seitdem wieder mit Preußen vereinigt wurden, ward das Edict nicht eingesührt, sondern laut Paragraph 16 der Bundesacte die Inden in den Rechten, welche ihnen in den Staaten, wo sie gewohnt, eingeräumt waren, belassen. Diese waren aber in einigen dieser Provinzen noch auf der untersten Stufe mittelalterlicher Gesetzgebung, und das bunteste Gemisch von sogenannten Judengesetzen kam im preußischen Staate zum Vorschein. Eine Folge davon war, dass, auch die Ueberfiedlüng von einer Provinz in die ändere, sofern ungleiches Recht dort herrschte, nicht zugelassen wurde. Man war aber wenigstens berechtigt, zu erwarten, Lass in der Nheinproviuz und in den Provinzen, die früher zum Königreiche Westphalen gehörten, wo der Code Napoleon galt und demnach die bürge! liche Gleichheit der Juden' mit den Christen gesetzlich war, die preußische Negierung den Wortlaut der Bundesacte eben so ängstlich treu ausführen und die Rechte der Juden nicht antasten würde. Weit gefehlt, hier war man weniger gewissenhaft, die Juden wurden von allen Staatsämtern fern gehalten, sogar zum Ehrenamte eines Geschworenen wurden sie nicht zugelassen. Apotheken zu erwerben, wurde ihnen untersagt, selbst die Freiheit, einen beliebigen deutschen Namen ihren Kindern" zu geben, wurde ihnen eine Zeit lang abgesprochen. Ebenso wurden sie zur Uebernahme von Communalämtern, die ihnen das Edict von 1812 ansdiücklich zugesprochen hatte, für unfähig erklärt. Im Militärdienste!ossten sie nicht weiter als bis zum Unterofficier vorschreiten. Mit einem Worte es wurden ihnen eine ganze Fülle von Zurücksetzungen, Nechtöbeschränknugen. aus keinem anderen Grunde in Aussicht gestellt, nur weil sie eben nicht Christen waren. Selbst die Bestrebungen der Juden, ihren Gottesdienst zeitgemäß nach dem׳Bedürfnis der fortgeschrittenen Bildung cinzurichten, wurde durch Cabilielsorbre verboten. Der ausgesprochene Zweck aller dieser retrograden. Gesetze war, Ein Mnjtlerlkbkn. Erzählung von M. Ti nt u er, Cantor und Lehrer in Buuzlau, Preußisch-Schlesien. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung und Schluss) Juzwischt»! wurde der Tisch serviert, und die heitere Laune schien auch nicht lauge auf sich warten zu lassen. Simon gab seinen Mienen Len Ausdruck der Wärme, während sein Inneres eisig kalt war. Er spielte diese Rolle mit Widerwillen. Ob's Sara wohl wahruahm? Nach Beendigung der Mahlzeit nahm Simon seinen Platz am Elavier ei», er schlug eS auf und ließ ein Lied ohne Worte aus längst vergangenen Tagen dahinrauschen, ein Lied, in dem sein Denken und Fühlen Ausdruck fand. Plötzlich erhob er sich und sprach den Wunsch aus, eine kleine Promenade zu machen. Moritz nahm den Arm seines Cousins und zog ihn hinaus in die schneidende Herbstlust. Die Landschaft lag bereits düster vor ihnen, sie hatte das Bild des Unbehaglichen angenommen, harmonierend mit der Stimmung Simons. «Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht\-— «Meine Mutter ist schon lauge in daß ewige Heim eingekehrt, ihren Hügel habe ich besucht, ihn neuerdings schmücken lassen", begann Simon endlich, ,ich habe sie leider kgum gekannt. Auch ist es mir nicht vergönnt gewesen, meinen Vater lauge zu besitzen; ich habe Niemandem Liebe und Dankbarkeit zollen können, ich habe mein Herz wie ein verzückter Träumer verloren." Bei diesen Worten stieß er ein leises ,Ach" aus und wandte sich nach einer kleinen Panse an Moritz mit der Frage: ,Sage mir, lieber Freund, liebst Du die Musik?" Moritz warf einen durchdringenden Blick auf den Fragenden, dann antwortete er bestimmt: ,Wie ein Bruder seine Schwester, wie ein Bräutigam seine Braut, ich glaube doch, Dich dessen schon oft genug versichert zu haben." ,Junger Freund, Hute Dich, den frommen Sinn zu verlieren, sonst wirst Du niemals die wahre Musik verstehen und empfinden, sondern nur Noten lesen und abspieleu. Für uiich ist die Musik keine Musik, wenn sie nur blendet und berauscht. Das schönste Antlitz, a!!S den! kein Herz spricht, lässt mich gleichgültig. Nicht nur die Genialität allein wirkt auf das Gemüth, sondern der warme sich übertragende Herzschlag muß den Vo!t!ag der Musik durchzittern. Sieh mich an Moritz, alle Furchen auf meiner Stirn, die hohlen Augen, die blassen- Wangen sind beredte Zeugen von den Fragen, die ich an das Lebe» stellte. Ich warne Dich vor solchen Grübeleien." Im Laufe der Unterhaltung näherten sich die beiden Freunde ihrer Wohnung, da hörten sie eine liebliche Stimme erschallen, welche Moritz ohne Zweifel sofort als die seiner Schwester erkannte. Simon blieb wie gefesselt stehen und lauschte dem Gesäuge, da glitt ein Zug freudiger Ueberraschung über sein Antlitz und er sagte: ״Dieses Lied ist mir bekannt, ich hörte es schon' einmal." ,Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Tönt ein Lied mir immerdar —*

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