Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-09-01 · Heft 23 (1.9.1890) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 23 (1.9.1890)
Date
1890-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/1304829-3453172-3453195--2931-3457233
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 LMI ר,י:,■•31־■^»? י - L2-L Wobei jedoch im Kriegsfälle jüdische Aerzte requirirt werden sollten; jüdischen Juristen wurde die Ausübung der Praxis untersagt, respective von der Einwilligung des Justizministers abhängig gemacht, der sie stets verweigerte; jüdische Ingenieure wurden aus dem Eisenbahudieust entfernt; die Aufnahme in die Gymnasien und Universitäten so erschwert, dass selbst der geringe, durchs Gesetz gestattete Procentsatz nicht eingehalten wurde. Das war noch ganz logisch, denn wozu klassische Erziehung und höhere Bildung, wenn man dieselbe zu verwerthen nicht gestattet? Die Akademie der Künste wurde für Inden ganz geschlossen; der Eintrilt ins Conservatorium nur denen gestattet, welche die Grlaubuis zum Aufenthalt in Petersburg vom Stadt-Hanptmann hatten, allein diese wurde beständig verweigert; Handwerker und Kausteute in der Ausübung ihrer Gewerbe und Geschäfte bis auf's Aeußerst bedrückt. Mit einem Wort, es ward ein Druck ausgeübt, wie ihn keine andere Nation ruhig ertragest haben würde. Doch Alles dieses erschien noch nicht genügend. Das waren alles blos vom Minister oder den Localbehörden erlassene Verorduungen, die leicht umgestoßen werden konnten, sobald etwa eine liberale Richtung eingeschlageu werden oder-ein human gesinnter Minister ans Ruder kommen sollte. Man wollte diesen Zustand auf gesetzgeberische Weise sanctioniren lassen. Alles, was setzt in der Praxis angewandt worden war, sollte jetzt seine Sanction durch den Ncichsrath und dann durch die Billigung des Zaren erhalten. Auf diese Weise war man sicher, dass der Druck, den man auf die Juden ausüben wollte, um sie zu vernichten, um ihnen Len ferneren Aufenthalt in Rußland unerträglich zu machen, nicht mehr von einem Personenwechsel abhängig sein würde. Trotzdem sich herausstellte, dass bei der angeblichen nibilistischm Verschwörung in Paris die Juden nicht die Hauptrolle gespielt hatten (die einzige Jüdin Bromberg wurde freigeiprochen und Mendelssohn gab man als einen Urenkel des berühmten jüdischen Philosophen aus, um den verderblichen, zersetzenden Ginstuss des deutschen Zudenthums auf seine russische Glaubensgenossen zu constatiercn), nahm die russische Hetzpresse doch Veranlassung, den russischen Juden die ungebcucrlichflen Anklagen ins Gesicht zu schleudern, und der ,Grashdanin* ging sogar so weit, die Forderung zu stellen, dass Rußland dem Beispiele der n itlelalterlichen Spanier folgen und sämmtliche Juden verjagen solle. Als Ersatz dasür, dass die Juden aller bürgerlichen Rechte für verlustig erklärt wurden, ist vorgejchlagcn worden, sie der Militärpflicht zu entbinden. Man wollte damit dem Vor׳ würfe begegnen, dass man den Inden Neckte nebme und doch fortfahre, die Blutpflicht einzufordcrn. Damit sollte das System beschönigt werden.' Ein gleich trauriges Bild wird in anderen Blättern entworfen. So schreibt man der ,Freis. Zeitung" aus Rußland: .Auf dem Lande sollen Juden in Rußland nicht wohnen, das ist eine, wenn auch officiell dcmeutirte, so doch längst bekannte, feststehende Thatsache. In Städten, namentlich in den größeren, sollen Juden auch nicht wohnen. Unter solchen Umständen bleibt denselben nichts übrig als auszuwandern. Dazu ist jedoch ein Auslandspass erforderlich, der aber von den Beamten entweder gar nicht gegeben wird, oder so theuer ist, dass eS den nrmen Leuten — und solche wandern meist aus — unmöglich ist, sich einen solchen Pass zu verschaffen. Den Leuten bleibt also «ichts übrig, als sich bis an die Grenze durchzuschlazen und Liese auf Schleichwegen zu überschreiten. Das gelingt jedoch nur einem kleinen Theil, während die übrigen in grenzenlosem Elend zurückbleiben. Unser Gewährsmann sprach vor Kurzem zwei Juden - aus der Kiewer Gegend, welche sich auf vorstehend bezeichnete Art durchgeschlagen haben und nach Amerika auswanderten - Frauen und Kinder mussten sie vorläufig zurücklassen. Dieselben bezeichneten als ׳Grund ihrer Answandernug die unerträgliche Behandlung, die den Juden durchwegs seitens der russischen Behörden zu Theil wird und die es ihnen fall unmöglich macht, in Rußland auch ferner ihr Fortkommen zu find׳«.* Im ,Journal des Debats' veröffentlicht, wie die ,,Magd. Wochschrft." schreibt, Leroy Beaulieu, der bekannte Kenner russischer Verbältniße, einen längeren Artikelüber die I u den f rag e in Rußland. Die Schlusssätze des ohne Leidenschaft und für Rußland wohlwollenden Artikels lauten : ,Vier bis fünf Milllouen Juden ist viel, selbst für ein Reich von 120 Millionen Seelen. Aber ist es eine kluge Politik, diese Millionen Semiten, die man weder verbrennen noch wie einst in Spanien verschiffen kann, sich zu Feinden zu machen und ihre Abneigung in den Westprovinzen den Widerstand des deutschen und des polnischen Elements verstärken zu lassen? Ist es vorsichtig, sie in geschlossenen Massen in den am wenigsten russischen Gegenden des Reiches, an der Grenze rivalisirender Reiche und in der Nähe der Hauptmächte des Dreibundes anzuhäufen? Die Freunde Rußlands dürfen sich diese Frage vorlegen.' Die Bkdmglmgeit eines guten Gesangs- Unterricht!׳.*) Von JosefSittard. (Schluss.) Hat der Schüler sich mit den in unserm Artikel ausgeführten Grundlehren einigermaßen vertraut gemacht, so kann mit der Ausbildung der Mittellage begonnen weide»; sie begreifr jene Töne in sich, welche der Stimme am naiürlickne» liegen und ohne alle und jede Anstrengung angeschlagen werden können. Die Ausbildung der Mittellage ist die einzig richtige Basis eines rationellen Gesangsunterrichts, jedes nuatürlicke Forcieren des Organs nach der Tiefe oder Höbe kann den Berluil der Stimme nach sich ziehen. Die ersten Uebnugeir haben zunächst das Hexachord. die Sechstonreibc nicht zu überschreilen; diese Töne müssen ferner ans alle Vokale geübt werden. Doch achte man hierbei auf zweierlei: Erstens lasse man den Schüler diese Töne gleichmäßig, und zwar in einem und demselben Stäikegrad, unter Beobachtung all' d r b reils gegebenen Vorschriften singen, dann aber versuche er, den Ton leise und im dunklen Klanggepräge mit Falsett zu beginnen, und ohne die Lage, also auch das Colorrt zu ändern, in das Brustregister überzngeheu; doch darf die Stellung des Kehlkopfes hierbei nicht im geringsten geändert werden. Sobald der Ton in das Brustregister übergegangen, muß der Kehlkopf erhöht, der Schlund ausgedehnt und erweitert werden, denn dadurch erhält der Ton ein helleres Colorit. Beim Abnehmen nimmt der Brustton eine etwas dunklere Schatlirung an, die Stellung des Kehlkopfs wird eine tiefere und dessen obere Mündung, also der Pbarynx, zieht sich zusammen, um bei dem nunmehr eintretenden Negisterwechsel einen Ruck zu vermeiden. Hieraus gehe der Schüler langsam aus dem Brustregister in das Falsett über, dehne den Pharynx ans und lasse den Ton nach und nach verhallen. Für durchaus verwerflich muß der von manchen Lehrern empfohlene Hauchansatz erklärt werden; nicht nur dass der Schüler eine unnölhige Menge Luft verbraucht, er lernt auch nicht den einzelnen Ton fest und bestimmt ansetzen und gewöhnt sich das leidige Ziehen des Tones von unten an. Haben sich die angegebenen Uebungen zunächst auf die einzelnen Töne der dem Organ am günstigsten gelegenen Tonreihe *) S. ״österr.-unzar. Ccmtoren-Zeitrmz' Nr. 22.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.