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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-09-01 · Heft 23 (1.9.1890) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 23 (1.9.1890)
Date
1890-09-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische Canioren - Zeitung. Oen.tra-l-Org*a.2^. __ > Prünnmcralions-Prcis.! Kür Kantoren nnd ßurinsöeamte in Heslerrcich-Htngarn für die IntereAn der Glntoren Medactkoir Ndmiuistratiou Wien Ganzjährig . . . . .fl. 4.— Halbjährig.fl. 2.— Kür Kantoren nnd KnrtusSeamke im Anstand um! Gckuäbemilten. II. Novaragasse Nr. 27. Inserate werden billigst berechnet. Ganzjährig.8 Mark oder 4 Nnbei. Erscheint jeden z r l; n t e n Tag. Manuscripte werden nicht relournirt. Kür private nnd Anstitnlr Ganzjährig.fl. 6.— Begründer: Obercauror Jacob Bauer. Avonnementsuni» Znsertionsöcträge sind in Wien zahtSar. Nr. 23. Wien, 1. September 1890. 10. Jahrgang. Russische Barbarei. Die traurige und bedauernswerte Lage, in der sich unsere unglücklichen Glaubensgenossen in Nnssland befinden, hat in der ganzen civilisirten Welt aufrichtiges Mitleid und energische Proteste gegen die barbarischen Maßnahmen der russischen Negierung wachgerufcn. Wohl ist die letztere bemüht, in der ossiciellen Presse ihre Grausamkeiten zu beschönigen und in Abrede zu stellen, aber wahrheitsgetreue Berichterstatter strafen diese gleißnerischen Neden Lüge, und in diesem Sinne schreibt auch ein gut unterrickteter Correipondent der ,Frankfurter Zeitung* Folgendes: ,Die Verhältniße haben sich wirklich so gestaltet, dass die Lage der russischen Juden geradezu eine unerträgliche geworden ist; sie hat sich von Jahr zu Jahr verschlimmert und es scheint sich jetzt zu erfüllen, was 1882 die ,Nowoje Wremsa' dem damaligen Minister des Innern, dem General Jgua!jew, riet, nämlich: dass er den Inden in Nnssland den Aufenthalt so unerträglich mache, dass dieselben sich gezwungen sähen, sammt und sonders das Land zu verlassen. Jgnatjew hat redlich das Seinige gethan. Die von ihm erlassenen Maßregeln betreffend die jüdische Bevölkeruug auf dem Lande waren so drakonischer Art, dass Hunderttausende an den Bettelstab gebracht wurden. Hunderttausende sich dem Hungertode preisgegcben sahen. Und wenn die Emigration nicht die von den Antisemiten gewünschten Dimensionen aunahm, so lag es durchaus nicht an dem Willen der unglücklichen Opfer dieser fanatischen Berfolgnngswuth, sondern an dem Können. Man hatte kaum die Mittel, das zum Fristen des elenden Lebens nothwendige Brod'zu kaufen, woher sollten die Mittel zur Auswanderung genommen werden? Kann überhaupt eine Bevölkerung von mehr als vier Millionen, von denen 9/10 23etU׳er sind, cmigriren? In einigen ausländischen Blättern ist die Behauptung aufgestellt worden, dass die Jgnatjew'schen Maßregeln von 1882 überhaupt nicht ansgeführt worden sind. Das ist unrichtig. Diese rigorosen Maßregeln sind mit aller Strenge durchgeführt worden, wobei noch seitens der niedern Lokalbehörden die schreiendsten Ungerechtigkeiten unterliefen, die freilich vom Senat auf geführte Beschwerden redressirt wurden. Doch hatte in den letzten Jahren auch die hohe Köiperschft an gefangen, anderen weit weniger humanen Ansichten zu huldigen, und alle auch noch so gerechten Beschwerden von Juden werden vom Senat einfach znrückgewiesen. Der Jude ist faktisch rechtlos geworden, vozelfrei er» klärt. In diesem Sinne sprach sich übrigens ein hoher Staats» beamter gegenüber einem Juden aus, den man auS Petersburg. auSwies, trotzdem er das Recht zu dem Anfentyalte in der Residenz gesetzlich erworben hatte. Als sich der Jude auf dieses sein Recht berief, erwiderte S. Excellenz barsch: ,Von welchen» Rechte sprechen Sie? Wissen sie denn nicht, dass bei uns I u d e n k e i n N e ch t h a b e 11?״ Wenn in Folge der Jgnatjew'schen Maßregeln, die jetzt auch .auf das Königreich Polen ausgedehnt werden und noch eine Million hungernder Proletarier schaffen sollen, die Lage der Juden eine schlechte geworden, so wurde sie seit der Eisenbahnkatastrephe bei Borki eine noch weit schlimmere. Der kaiserliche Zug entgleiste 1888 ans der KurSk-Charkow-Asow'schen Bahn, die unglücklicher Weise von einem Jude», dem hekannten P o l j a k o w, erbaut worden war. Obwohl die Untersuchung dargcthan hat, dass der Erbauer der Eisenbahn an der Katastrophe schuldlos gewesen (hätte man nur irgend welche Schuld seinerseits darlhun können, so wäre der Jude Poljakow sicherlich nicht straflos ausgegangen), obwohl man ihn sogar nicht zur Verantwortung zog und ziehen konnte, so war dennoch die öffentliche Meinung sehr erregt darüber, dass der entsetzliche Unfall, der der ganzen, kaiserlichen Familie das Leben gekostet hätte, ans einer von einem Inden erbauten Eisenbahn passirte. Die antisemitischen Pressorgane ermangelten nicht, eine so günstige Gelegenheit ansznnützsn. So entstanden die wahnsinnigsten Projekle, tabula rasa zu machen mit allen, noch ziemlick geringfügigen Rechten, welche während der Negierung von Alexande. II. den russischen Juden gewährt worden waren. Der Staadsdienst ward für sie hermetisch ge» schlossen; eine geheim an alle Ressorts erlassene Verordnung verfügt, dass Inden, selbst mit Universirälvbildnna, trotz bestehendem Gesetze nicht mebr in den Staatsdienst anfgenommen werden sollten; die nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht zu Offizieren beförderten Juden wurden gezwungen, ihren Abschied zu nehmen, andernfalls aus dem Verbände der Armee gestoßen; die medizinische Kriegsakademie schloss ihre Thüre vor den Juden,

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