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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-08-15 · Heft 22 (15.8.1890) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 22 (15.8.1890)
Date
1890-08-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 Sänger darauf zu achten hat, für jeden Ton eine größtmögliche :Resonanz zu gewinnen, so darf er die Lippen nicht fest an die Zähne anlegeu; die erstcren sind leicht zu wölben, so dass die untere und obere Zahnreihe leicht sichtbar werden. Ein Herunter* :hängen der Unterlippe muß dagegen als ganz unzulässig bezeichnet werden, es kann dies nur auf Kosten des Wohlklanges geschehen. Von Wichtigkeit ist die Lage der Zunge. Sie muß möglichst flach, also horizontal liegen und ihre Spitze leicht die untere Reihe der Zähne berühren, sie darf also niemals gegen dieselbe gepreßt werden. Bei den Konsonanten darf die Spitze sich von dieser Stelle entfernen, beim nachfolgenden Vokal hat sie dagegen sofort ihre horizontale Lage wieder einzunehmen. Der Rücken, also der mittlere Theil der Zunge, hat je nach den verschiedenen Vokalen und Consonanten eine gehobene, flache oder gesenkte Stellung einzunehmen. Die von manchen Lehrern beliebte Manier, die Zunge mittelst eines Löffels niederzudrücken, ist durchaus werthlos, die Zunge muß alles mittelst eigener Muskelthätigkeit vollbringen. Manche Gesanglehrer empfehlen deshalb, ein freies Ausstrecken der Zunge tüchtig zu üben, da hierdurch die Zungenmuskeln gestärkt und gelenkig werden. Der Wohllaut der Sprache wie des Gesanges heruhl in der 1'chönen Vokalisation. Die Vokale sind die Grundtöne der Sprache, sie sind die Seele aller Wertformen. Es ist daher zu verwerfen, in der ersten Zeit nur auf den Vokal a üben zu lasten; durch letztere Methode nimmt der Kehlkopf leicht eine zu hohe Stellung -ein und es entsteht ein unschöner Gaumenton. (Schluss folgt.) Kleine Chronik. Petersburg. Die Hetzereien gegen die Juden haben bereits -einen solchen Grad erreicht, dass selbst russische Blätter dagegen energisch -auftreten. Die Circuläre des Gouverneurs von Mobilem wie des Odessaer Stadthauptmannes, welche die Juden für öffentliche Ruhestörung, Dreistigkeit rc. im administrativen Wege zu bestrafen drohen, -die Kundgebung eines Adelsmarschalls im Gouvernement Mohilew, derzufolge bei dem geringsten Anlässe die angesehensten Juden auf .öffentlichen Märkten körperlich gezüchtigt werden würden u. s. w., nennen die Petersburger ,.Wjedomosti^, weil sie die allgemeinen Gesetze verletzen, Ausschreitungen anarchistischen Characters. In Bjelostok verunstaltete ein Arzt. Namens Granowski. einen zwölfjährigen Judenknaben, indem er ihm mit Höllenstein in drei verschiedenen Sprachen das Wort Dieb in das Gesicht ein ׳rannte und außerdem das Kinn und die Lippen des Knaben in schauerlicher Weise verstümmelte. Die ,,Nowosti". welchen die ofsiciell beglaubigte Meldung nebst Porträt des KindeS zugienz, führen diese barbarische That auf die anhaltenden Juden» Hetzereien zurück. London. Die .Times* veröffentlichen einen Auszug ans den neuen Nnterdrückuugs-Edicten gegen die Inden in Russland. Danach müssen die Juden in ganz Russland, Polen inbegriffen, künftighin nur in Städten, dürfen aber nicht auf dem Lande wohnen; kein Jude darf Land besitzen oder bebauen, folglich werden alle jüdischen Land« besitzet׳, Landwirthe und Feldarbeiter aus den Dörfern anSgewiesen werden. Ferner sollen alle Juden, welche außerhalb der ihnen zun» Wohnsitz angewiesenen sechszehn Gouverneinents ansäßig sind, ausgewiesen werden, wodurch Zehntauseilde von Handwerkern mit ihren Familien heimatlos werden. Die Zahl der Juden, die kraft deS neuen Gesetzes ausgewiesen werden, dürste eine Million betragen. Die ,Times* drücken ihre Entrüstung aus über die Maßregel, bezweifeln aber, ob Proteste irgend welchen Nutzen haben werden. New-'DorK, 25. Juni. Aus einer in der .Newyorker Staats- Ztg.' veröffentlichten Tabelle, welche aus den Büchern der Einwanderuugs-Commission zusammengestellt ist, ergibt sich, dass die Einwanderung russisch-polnischer Juden seit dem Anfänge dieses JahreS abgenommen hat. Die Zahl betrug 1887/88 im Durchschnitt monatlich 1734, im Jahre 1888/89 133l und 1889/90 mir noch 1117. Wie Herr Rosenthal behauptet, hat sich die Qualität der Immigranten bedeutend verbessert, indem der Prozentsatz der Handwerker und der nach den westlichen Staaten direkt abreisenden Einwanderer beständig zunumnt. Was die Nützlichkeit der russisch-polnischen Inden als Einwanderüngsklaste betreffe, so glaube sie, behaupten zu können, dass sie nach den Deutschen vielleicht das nützlichste Material bilden, indem sie ein musterhaftes Familienleben führen, nüchtern, arbeitslnstig und sparsam feien und sich erstaunlich rasch in die gegebenen Verhältnisse hineinfinden, wobei fast alle Kinder die öffentlichen Schulen, oder auch höhere Lehranstalten besuchen und sich schon nach kurzer Zeit amerikanisirten. Das einzige Unsympathische im Charakter der russisch-polnischen Inden sei vielleicht ihr historisch verehrbarer Hang zum Zusammenleben im Ghetto. Doch würden von den deutschen und amerikanischen Inden große Anstrengungen gemacht, sie aus den Dowutown׳Vierteln, solbald als sich irgend thun läßt, nach kleineren Städten und auch aus Farmen zn bringen, und es sei kein Grund vorhanden, zn bezweifeln, dass sich auch diese social-ökonomische Frage zur allgemeinen Zufriedenheit lösen werde. Jedenfalls wäre es sehr unrecht, die russisch-polnischen Inden als eine schlechtere oder gar mit Tartaren vermischte Rasse zu bezeichnen. gieng in seiner Antwort auf die Rede dcs Abg. Windthorst aus die .Frage der internationalen Schiedsgerichte überhaupt nicht ein.' Das genannte Blatt berichtet ferner: Ans dem internationalen FriedenScongress in London wurde auch des deutsch-englischen Abkommens gedacht. Der Präsident sührke ans. dass Deutschland und ׳England, den zwei großen teutonischen Völkern Europa's, für die friedliche Schlichtung des Streites alle Ehre gebühre. Der Congress nahm einen Antrag an, der die Ueberzeugnng des Congresses ausspricht, dass die Menschenbrüderschaft die -V ö l k e r b r ü d e r s ch a ft mit einschließe, und dass ein dauernder Weltfrieden aus dieser Wahrheit beruhe. Der Congress nahm einen zweiten Antrag an, worin anerkannt wird, dass die christliche Religion -auf die materielle und geistige Entwickelung der Menschheit einen entscheidenden Einfluss ausübt, weshalb der Congress alle Diener der ,Religion und der christlichen Sittenlehre auffordert, die christliche Religionslehre, die den Völkerfrieden verkündet, 7 zu verbreiten und überall geltend zu machen. Der Congress nahm ferner einen Antrag an, wonach alle Nationen eingeladen werden sollen, eine» bestimmten Sonntag als Friedenssonntag überall gleichzeitig zu feiern. So sehr wir mit dem Congress und seinen Bestrebungen sympathisiren, so können wir uns doch folgender Bemerkung nicht -enthalten: die erste Bedingung zur Erhaltung des Weltfriedens ist die allgemeine Herrschaft der Wahrheitsliebe und des Gerechtigkeitssinnes. Nun sollte keiner von den vielen geistreichen und gelehrte» Männern des Congresses Jesaja 2, 4 und 11, 1—9, ferner Micha 4, 1—3 kennen, und wissen, dass die M e s s i a s i d e e, welche lange vor E n t st e h n n g d e S C h r i st e n t h u m s so gut wie heute ein geltender Glaubenssatz in Israel ist, ans dem Gedanken des Weltfriedens basirt. Weniger verwunderlich wird es sein, wenn wir eingestehen nicht zn wissen, wann der heilige Vater »verlangt habe, dass die Völker daran denken sollen (!) sich in Liebe z» einen', beziehentlich bei welcher Gelegenheit er seinen weitreichende» Einfluss geltend zn machen versucht hat. dies zu verwirklichen. Nicht minder unbekannt ist uns, wo die christliche Lehre den Völkerfrieden verkündet. So viel ist uns bekannt, dass die Studirenden der evangelische»» Theologie in Berlin vor nicht langer Zeit in einer hierzu berufene!» Versammlung es für eine Schmach erklärt haben, sich vom Dienste mit der Waffe entbinden zu laffen und niemand, weder ein Profeffor noch ein amtirender Geistlicher, noch auch ein Studirender der evangelische» Theologie, an anderen! Orte hat seine Stimme dagegen erhoben. Wer kennt also die christliche Religions- und Sittenlehre bester, die Theologe« Deutschlands, oder die Mitglieder des Frredenscongrestes? —

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