Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 22 (15.8.1890)
- Date
- 1890-08-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453172-3453194--2924-3457225- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— ■4 — Die Bedingungen eines guten Gesangsi Unterrichts?) Von Josef Sittard. I. Ein guter Gesangsunterricht gehört zu den schwersten Disciplinen der musikalischen Pädagogik. Wenn irgendwo der Spruch der Schrift zntrifft, dass Viele berufen, Wenige aber, auserwählt seien, so trifft er hier zu. Um einen guten, rationellen und von künstlerischem Erfolge begleiteten Gesangsunterricht zu ertheileu, muß man selbst ein tüchtig geschulter und musikalisch gebildeter Sänger sein. Aber selbst diese Factoren sind nicht unbedingt entscheidend, wenn wir sie auch als nothwendige Voraus-, setzuugen betrachten müsten. Von einem tüchtigen Lehrer verlangen wir außerdem, dass cr ein scharfes Unterscheidungsvermözen, einen klaren Blick, die Gabe der deutlichen Mittheilunz, die Geduld des Hiob und ganz besonders eine reiche Erfahrung besitze. Worin sollen nun die ersten Unterweisungen im Gesänge bestehen? Sie sind von höchster Wichtigkeit und erfordern daher ein näheres Eingehen. Zunächst hat der Lehrer die Fähigkeiten des Schülers genau zu prüfen und die Natur der Stimme festzustellen. Schon hier werden in vielen Fällen die gröbsten Verstöße und Unterlassungssünden begangen, Alt wird mit Sopran, Bariton mit Tenor und umgekehrt verwechselt. Wie viele schöne Stimmen sind schon hierdurch mit grausamer Gewalt zerstört worden! Nie- «,als darf man das Gesangtorgan nach seinem augenblicklichen Umfang beurtheilen. Als allgemeiner Grundsatz darf hier aufgestellt werden, dass die Stimme in jener Lage, die ihr beim Singen die wenigste Mühe verursacht, auch das beste leisten werde. Der Schüler mag diese Lage sowohl'nach der Höhe wie nach der Tiefe erweitern, jene wird die seinem Organe natürlichste sein, welche den durchschnittlich 5 bis 6 Töne umfasteuden Sprechton, gleichsam als Kern umschließt. Es ist dies das Hcxachord des *) Die im Verlage von Carl Grüninger in Stuttgart erscheinende e u e M u s i k - Z e i t u n 9* können wir unserem geschätzten Leserkreise als äußerst glücklich redigirtes musikalisches Fachblatt nicht genug anempfehlen. Als Beleg für die Gediegenheit der darin enthaltenen Aufsätze diene obiger Artikel, der unseren Collegen gewiss ein hervorragendes Interesse abgewinnen wird. Mittelalters, die Heimat der Stimme, wie Chrysandcr sich treffend ausdrückt. Sobald der Charakter und Umfang der Stimme festgesetzt worden ist, muß das erste Augenmerk auf natürliche Haltung gerichtet werden; der Körper soll aufrecht, der Kops gerade, nicht nach hinten gebeugt sein. Das richtige Athmen bildet die Basis der Gesangskunst, es hat in regelmäßigen Zügen, tief und unhörbar zu geschehen. Der Schüler übe sich demnach darin, die Lungen langsam und geräuschlos mit Luft zu füllen, dann einige Secunden den Athem anzuhalten, also die Stimmritze zu schließen und alsdaun die Luft wieder langsam und uuhörbar ausströmen zu lasten, am besten athmet man die Luft durch die Nase ein, indem man den Unterleib einzieht; hierdurch wird den Lungen ermöglicht, sich vollständig nach beiden Seiten auszudehnen. Da bei dem Tiefalhinen das Zwerchfell sich nach unten zusammenzieht, so vermögen sich die Lungen ebenso leicht und rasch nach unten zu erweitern. Dort, wo es gilt, die Lungen rasch zu füllen, hat die Luftzufuhr durch Nase und Mund zu geschehen. In allen übrigen Fällen, ist aber das Atmen durch die Nase insofern vorzuzieheu, als die Lungen sich nicht nur mit größerer Nuhe füllen können sondern auch die Schleimhäute feucht erhalten bleiben, was wieder dem Wohllaut des Tones zugute kommt. Von großer Wichtigkeit zur Erzielung eines schönen Tones sowie einer guten Vokalisatiou ist die Mund und Zuugeustellung. Die Fundamentallehre lautet hier: Mache den Mund auf! Dieser Satz klingt nun zwar höchst einfach, seine Befolgung fällt aber Vielen sehr schwer, besonders der schöneren Hälfte der Menschheit, unter ihnen wieder am meisten den Töchtern Albions, die es unschicklich stnden, den Mund in solch unziemlicher Weise auszuthun. Die Mundstcllung wird sich zwar je nach den verschiedenen Vokalen ändern, die angeschlagen werden sollen, aber als Grundgesetz hat der Schüler sich hier die Lehre einzuprägen; dass ev das Kinn möglichst tief nachunten ziehen und dass die Stellung des Mundes mehr eine ovale als breite sein soll. Durch die Tiesstellunz des Kinns wiid der weiche Gaumen — also das Gaumensegel — gehoben und der Tonstrom kann ungehindert den Engpass des Gaumens passieren und hinter den oberen Schneidezähnen am barten Gaumen anschlagen. Da der Internationale Schiedsgerichte uni» Frie-enscongrrss. Berlin, im August 1890. Ueber iuternationale Schiedsgerichte ist jüngst in der italienischen Deputirtenkammer verhandelt worden, anlässlich einer Nesolution des Abgeordneten Bonghi, welche von 28 Deputirten mit unterzeichnet worden war. Die Resolution fordert die Regierung auf, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln die Austragung internationaler Streitigkeiten durch Schiedsgerichte zu begünstigen. Die Ausführungen Bonghi'S wurden mit großem Beifall ausgenommen. Der Ministerpräsident Crispi erklärte, Niemand stimme dieser Initiative mehr zu, als er; seit deu Z Jahren, welche er an der Regierung sei, habe er mit allen Mitteln den Frieden zu sichern gesucht. Er nähme diese Gelegenheit wahr, um dem berühmten Staats- «ranne zu danken, der erst vor wenigen Tagen seine friedlichen Tendenzen anerkannt habe. Leider dürfe mau sich keine Illusionen machen; die Verhältniße Enropa's seien, im Allgemeinen dem Frieden weniger günstig, als diejenigen Amerika's. Er habe die Hoffnung, dass die Zukunft auf dem europäischen Schiedsgerichte beruhe. Für den Augenblick aber könr,e ein Staatsmann nichts Anderes thuu, als von Fall zu Fall zu verhindern, dass der Krieg außbreche. Italien werde in alle Congresse das Wort des Friedens tragen, und wenn ein Krieg verhindert wird, werde er (Crispi) glauben, strikte seine Pflicht erfüllt zu haben. Er bitte demnach die Kammer, die Nesolution Bonghi's zu votireu, welche eine edle Hoffnung ausspräche, die von der Zukunft verwirklicht werden würde. (Wiederholter lebhafter Beifall.) Die Resolution Bonghi's wurde hierauf unter wiederholten» Beifall eins stimmig angenommen und die Kamrner sodann vertagt. Hiezu bemerkt die ,Freisinnige Zeitung': .Bekanntlich hat auch der Abg. Windthorst bei der z»veiten Berathung de» Gesetzentwurfes über die Friedenspräsenzstärke im deutschen Reichstage am 24. Juni auf den Antrag Bonghi hingewiesen und dazu bemerkt, dass der Antrag ׳ Don uns nur mit allerlebendigster Sympathie begrüßt werden könne. Besonders er und seine Freunde könnten sich nur glücklich schätzen, wenn das, was der heilige Vater bereits seit wiederholten Malen verlangt habe, dass die Völker daran denken sollten» sich in Liebe zu einen, in dieser Weise nun endlich auch in der italienischen Kammer zur Anerkennüng gekommen sei. Er, Windthorst, würde, ivenn »vir eben nicht so gedrängt wären in den Geschäften, seinestheils auch Anträge stellen, gerade wie Bonghi sie gestellt habe, und er zweifle nicht, für dieselben im Reichstage die Mehrheit zu erlangen. Der Reichskanzler v. Caprivi