Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-08-01 · Heft 21 (1.8.1890) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 21 (1.8.1890)
Date
1890-08-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/1304829-3453172-3453193--2917-3457217
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

e geradezu c'.afsischen Ankdruckes. Es fehlte frerlfd; nicht an Solchen, I die Richer seine Heftigkeit vorwarfcu, die da meinten: er schade der Sache, der er nützen wolle. Zndcss Rießer ließ sich hierin nicht beirren, und dies ist eben das Hervorragende seiner Polemik, daiS er eben den Muth hatte, das Schlechte als schleckt zu bezeichnen, wem gegenüber es auch sei. Dadurch gera e haben seine Schriften einen tiefen Eindruck gemacht und find als Grundsteine aller folgenden Kammcrverhandlungen betreff der Juden Deutschlands zu betrachten, dais Nießer sich auf die Höhe seines reinen Bewusstseins stellte und von hier berab die Niedrigkeit und Gtmeinheit zur Rechenschaft zo^Ein günstiger Erfolg war trotzdem nickt zu erwarten. Die Bundesbeschlüsse von 1832 drängten allmälig alle volksfreiheitlichen Bestrebungen zurück. Zn Baden wurde die Preßfreiheit aufgeboben, und die Negierungen wandten fick der Ncaclion offen zu. Der Angriff auf die Bundes- Versammlung von unreifen Schwärmern am 3. April 1833 in Frankfurt unternommen, gab der Neacrion willkommenen Vorwand, ohne Scheu vorzugcben und die Wiener Ministerialcouftrenzen fügten vollends den Schlussstein zum Neactionsgcbäude hinzu. Wenn wir di״ Nießcr'icke Kritik der baden'ichcn Stände- Betsammlung ziemlich ausführlich wildergabeu, geschah dies auS dem Grunde, weil wir die kritischen Beleuchtungen Nicßer's, die derselbe allen übrigen Stäudc-Versammlungen, wie: Baieru. Hannover, Kur Hessen, Sachten widmete — nur flüchtig berühren und töckster s Preußen anS mehreren Gründen etwas aussührlicher erörtern wollen, waS uns gewiss ganz und gar zu entschuldigen j ist. Wir kör:neu aber nicht umhin, unsere Bewunderung über die Tiefe und Höhe dieses wahrhaft großen Mannes zu bekunden, der rS fertig brachte, über eine und dieselbe M..t׳rie — die Emancipation der Juden — die in bcii deutschen Stände-Ver» fammlungcn mit gepflogener deutscher Gründlichkeit bis zum Eckel verhandelt wurde, und deren Verweigerungsgründe obendrein einander wie ein Ei dem anderen gleichen, so geistreich zu begegnen und zu widerlegen. Das ist und bleibt eine großartige Meisterlerstung Nnßer's und ein unerschöpflicher Born für künftige Emanciparionskärnpse, wie sie j-tzr, namentlich in slavischen Ländern., stattfiudeu. __ (Fortsetzung fol,t.) Kleine Chronik. Wien. Der soeben erschienene Bericht des isiaelitiichen Blinden- Institutes in Wie» über die Jahre 1887, 1888, 1889 liefert uns einen vollen Einblick in dis segensreiche Wilksalnk.ir die'er unter der trefflichen Leitung des Herrn Director Simon Heller stehenden Anstalt. Die großartigen Resultate, die da erzielt wurden, ger.ichen dem gesammten Lehrkörper zur hohen Ehre, und man muß staunen, wie derselbe es zu Wege bringt, in so vielen Fällen die armen, von der Natur, des Augenlichtes beraubten Kinder zu selbstständigen, erwerbsfähigen Menschen heranzubilten. Von besonderem Interesse für unsere Leser dürfte jene Stelle deS Berichtes sein, die über den mupkalischeu Unterricht abhandelt, und wir möchten die Lrclüre derselben namentlich den Herrn Geimiudtvorstehern auf's wärmste empfehlen. Es heißt daselbst: ,Der musikalische Unterricht bezieht sich auf das Clavier- und O!a׳!!piel, ans die Harmonielehre, das Violinspiel und den Grsang. — Nächst der religiös-sittlichen Erziehung der unserer Obsorge anvertvanten Zöglinge und dem gründlichen Unterricht derselben bttrachtrn wir deren Erwerbssähigkert als das höchste Ziel unserer Anstalt. Um die Eruier lssährgkeit besonders veranlagten Zöglingen auch durch musikalische Ausbildung zu ermöglichen, hatten wir zunächst angestrebr, sie zn tüchtigen Clavrerstimmern herairzuziehen; die anS- Zezeichneten Er'olge aber, welche unsere Zöglinge Salcmon Storch, als Organist am Statttempel in Wien, und Sigmund Werner, als Organist d!r israttilischcu Cultnsgem-inde in Brünn, erzielen, haben uns veranlasst, von nun an auch die Ausbildung musikalisch besonders befäli^rer blinder Kinder zu Organisten in das Unterrichts.Prograrrnn unseres Institutes anfzuru huren und .diese Bestrebung mit akler Hingabe durchzufuhren. Der Umstand, dass unsere Zöglinge Schüler des berühmten Orgel- und Claviervirtnosen Josef Labor sind, der seine geniale Lebrmetbode ganz in den Dienst unserer Zöglinge stellt, und dass diejenigen von ihnen, welche das Organistenamt erlangen wellen, die Staatsprüfung für das Musiklehramt an Mittelschulen vor der?. k. Prüsungs-Commission über Clavier- und Orgelspiel und über Harmonielehre ablegen müsse», sowie die oben mitgetberlte, durch jahrelange Erprobung erwiesene vorzügliche Leistungsfähigkeit blinder Musiker im Organlstendienste liefern die volle Garantie, dass die in unserer Anstalt ausgebildeten Organisten auch weitgehenden Ansprüchen zu genügen vermögen. — Wir rickten daher an diejenigen Cultrisvorstehnngen, in deren Gemeinden Gottesdienst mit Orgelbegleitnnz eingeführt ist, die inständige Bitte, bei Besetzung der Organist-.nstelle die Zöglinge unserer Anstalt zu berücksichtigen. Wir können di se Bitte nach den angesührteu Mittheilungen nicht besser unterstützen, als mit dem Hinweis daraus, dass.wohl Niemand mit tieferer Innigkeit und mit reinerer Anbetung den Goltesdienst durch die Torikrurst zu verherrlichen vermag, als der Blinde, den Golt selbst mit dem reichsten Gefühlsleben bega r hat, um ihn für den Mangel der Außenwelt zn eutschädigeii. — Um die Zöglinge für den erweiterten musikalischen Unterricht mit den nölhigen Lehrmitteln auszurüsten, wurde die Sammlung tastbarer Noten ver-׳ mehrt, ein neues Clavier und ein von dem k. und k Hof-Fabrikanten Tecfil Kotykiewiez tnfflich gebautes Pedal-Harmoiiium angeschafft.— Der Gesangsunterricht, an welchem alle Zöglinge theilnehmen. ist für dieselben ein Mittel edlen Genusses und seelischer Erhebung geworden. Der Gesang begleitet ihre Arbeit, erfüllt ihnen nach dem Tagewerk die Feierstunden, verleiht ihrem Goltestienste fromme Weihe. Dieser bedeutungsvolle Erfolg ist das Ergebnis der menschenfreundlichem Hingebung, mit welcher sich Herr Obereantor Singer in selbstloser Weise dem Gesangk?.nterrichte unserer Zöglinge widmet, und seiner Methode, durch welche er nicht allein die knnstgemäße Ausbildung, seiner Schüler erzittt, sondern auch auf das Gerrrruh der blinden Kinder veredelnd eiurvirkt. Wir sprechen Herrn Obereantor Singer für seine׳ ebenso humane, als ersprießliche Wirksamkeit an unserem Institute den . innigsten Dank aus.' Wien. Die Beschwerde des hiesigen Cultusvorstandes betreffsunbefugter ,Koscher"-Bezeichl1ung einiger Fleischhauer hat der.Wiener Magistrat mit folgendem Erlasse als berechtigt anerkannt: ,Ueber das- Ansuchen deS Vorstandes der rsrael. Cultusgemeiude in Wien um. Untersagung der Führung von hebräischen Aufschriften auf den Betriebs-- slätten der Fleisch-Verschleißer (es folgen hier die Namen) erhalten die Genannten in Gemäßheit des § 44 der Gewerbe-Ordnung hiermit׳ den Auftrag, die in Rede st hende hebräische Bezeichnung von ihren Geschäftsloea.len sogleich zu entfernen, nachdem laut der Eingangserwähnten Beschwerte das Nabbinat der Israel. Cultusgemernde in Wien sich veranlasst gesehen hat, den Allgezeigten das Vertrauen zu entziehen. Koscher fleisch auszuschrotten, und die Qualifieirung des- Fleisches als ,Koscher* gemäß Artikel 15 des Staatsgrundgesetzes über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger vorn 21. Deeeniber 1867.' Nr. 152 R.-G.-Bl. eine Cultueangelegeirheit der israelitischen Religivnsgenossenschast ist. — Das städtische Mar krcornririsjariar wird unter Einem angewiesen, die Besolgnng dieses Auftrages zn überwachen und׳ sohin Bericht zu erstatten. Hiervon wird der löbl. Vorstand der israclit. Cirltusgemeinde in Wien in Erledigung seiner Eingabe vom. 10. März 1890 Nr. 91057 hiermit in Kenninis gesetzt. — Wien, dnr 27. Juni 1890. Der Magistrats-Vice-Director: m. p. Krem!." —- An den löbl. Vorstand der israel. Cultusgemeinde in Wien. Wie». Montag den 21. Juli ist hier der eurer. Rabbiner und Prediger Dr. Mori; D n s ch a k nach knrz.'r Krankheit irm 74. Lebensjahre verschieden. Der Verblichene wirkre viele Jahre segens׳ reich als Seelsorger zuerst in Gaya (Mähren), dann in Krakau. Seit׳ er sich vor einigen Jahren vom Amte zurückzog, lebte er in Wien. Dr. Duschak war ein Mann von hervorragendem allgemeinem undtheologischem Wissen und ein bedeutender Kanzelredner. Als Fachschriftsteiler hat er sich durch rrr׳hrere - 1Dconogiaphien einen hervorragendem Namen erworben. DaS Leichenbegängnis, bei welchem Obereantor Singer und Rabbiner Dr. Pollak fungirten, fand Mittwoch 72 10 Uhr Vormittags am Centralfriedhofe statt. Sechshans. Als Landtagsabgeordneter für den politischen Bezirk SechShauS wird, wie allgemein verlautet, der Fabriksbesitzer,.. .Herr Philipp Hofbauer in Fnnshaus, candidirt werden. Trotzdem derselbe Jude im strengsten Sinne des Wortes ist, wird seine Candidatur zumeist von nichtjüdischen Bürgern und Beamten unterstützt, dm die Lauterk.it, Biederkeit und der ausgeprägte Wohlthätigkeitssinn dieses- Mannes im ganzen Bezirke Anerkennung finden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.