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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-08-01 · Heft 21 (1.8.1890) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 21 (1.8.1890)
Date
1890-08-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 -Studien zum öffentlichen Lehrer, zum Richter, Administrator .geschickt gemacht hat, weigert man den Zugang zum Amte, weil er einer zurückgesctzten Classe im Staate augehört, oder gar weil er die gewünschte Stelle nicht durch Ablegung eines lügenhaften Glaubensbekenntnißes erkaufen will. Wem so die Lebenswege verschlossen sind, auf welchen intellcctnelle Kräfte ihre .Hebung und Anwendung finden, zu sagen, er sei nicht unterdrückt, das sei ein frecher Hohn, ihm zu sagen, er habe ja die Menschenrechte, nämlich Schutz für Leben und Eigenthum, sei eine Ent- > Würdigung der Menschennatur und eine Lüge zugleich. Der Berichterstatter v. Nottcck behauptet: die Beschränkungen der Juden seien unbedeutend u. s. w. Nießer antwortet darauf -mit einem Vergleich der Emaucipation der Katholiken in Irland. Auch diesen sagte man, die reellen Vortheile, welche die Emancipation gewähre, kämen doch nur wenigen Personen zu Gute. Diese .Hinweisung war um so schlagender, als Nolt-.ck selbst katholisch war. .Die Gleichheit des Rechtes ist das große Wunder unserer .Zeit und die Nechtöliebe ist ihr Wunderglaube. So lasset Tausende von Seelen sich an dem lrsreuen, was doch nur Wenige besitzen und genießen, und ihre Gaben sind in Wahrheit unerschöpflich wie der O-.lkrug des Propheten.' Hier komme insbesondere in Betracht, dass die Ausschließung vom Recht an die Religion geknüpft ist. waS ron Vielen freilich geleugnet wird, von einigen Mednern jedoch offen bekannt war. Aber gerade vom Standpunkte der Religion erscheine das Streben nach bürgerlichen Vortheilen zum Schaden einer anderen Ncligionkpartei als eine Entwürdigung. ,Indem sie ein Bündnis mit der Selbstsucht, mit jedem irdischen Begehren der menschlichen Natur schließt, entfremdet sie sich die edleren Gefühle der Menschen.brust, stellt sie sich Treue, Wahrheit. -Ehre, Uneigenuützigkeit, Manneswürde feindlich gegenüber und verliert an Achtung unendlich viel, während sie durch den Ehrgeiz und den Eigennutz, die sie zu lecken weiß, thatsächlich im moralischen Sinne nichts gewinnt,vielmehr nur der sittlichen, sowie der religiösen Frivolität willkommene Schauspiele und reiche Nahrung bietet.' ' Den Vorwurf der Lieblosigkeit und unduldsamen Gesinnung der Juden weist Rießer mit dem höchsten Ausdruck der Beredt- ,Höre mir einmal aufmerksam zu, lieber Moritz! Wer Zeit uud MenschtU erkannt hat, wer darnach urtheilt, der weiß, dass in den meisten Fällen die höchste Würde für ihn darin besteht, zu schweigen, doch dir gegenüber will ich meinem Prinzip untreu werden und mich ^üssprechen. Ich habe zwar keine Lust, nach den Jahren zurückzublättern, die mich frühzeitig die elendesten Charaktere erkennen ließen, ich will nicht all' dievernarbten Wunden meines Herzens aufreißen; ich will T)ir nur erzählen: Ich saß in gesellschaftlicher Hinsicht auf hohem Schaukelpferde, die Salons der Großen waren mir geöffnet, doch verschmähte ich bald, in dieser erstickenden Luft weiterzuathmen, ich befürchtete, von meiner gesellschaftlichen Höhe, die nur meiner .Kunst galt, wieder durch das Schmarotzerthum hernntersteigen zu -müssen, ich zog es deshalb vor, meinem Ideal — und meiner Musik einzig und allein zu leben. Ich bin vermögend, ich habe gerungen — nicht nach Ehren oder Titeln — nein, nur nach einem Wesen, das mich verstehe, das mich glücklich mache, das mit mir theile, was ich mach jahrelanger Thätigkeit erworben. Fahre hin mein ersehntes Glück, mein schöner rosiger, Traum! Das erste Mal, so lange ich denken kann, mein lieber Freund, erlaube ich Jemandem einen Einblick in mciir gefoltertes Herz, aber nun glaube ich Dir genug über meine persönlichen Verhältniße entdeckt zu haben; ich mache Dir'den freundlichen Vorschlag, auf ein Ä)ich bezügliches Thema näher einzugehen." - Mit liebevollem Tone fuhr Simon nach einer Weile fort: ״Ich möchte Dir doch rathen, das Nächstliegende zu wählen. Du findest samkeit zurück. Feiherr v. Andlaw hatte eine Rede in der erste« Kammer mit den Worten begonnen: ,Den sprechendsten Beweis für die Wahrheit des Ehristenthnmes finden wir in dem traurige« Zustand, in dem sich die Juden befinden. Wir sehen buchstäblich tie Worte des Erlösers erfüllt, der diesen Zustand der Zukunft vorher sagte.' .Fürwahr' ruft Rießer aus, ,der bitterste Feind könnte das Christenthum nicht so hart schmähen, wie es dieser Verehrer gethan. Bei dem allmächtigen Vater der Menschen, Ihr > lästert ihn! Das Lallen der Säuglinge, das Gott preiset, verdammt Euch! Und wenn es wahr wäre, was Ihr von Euerem Glauben schmäht, was wir nicht zugeben, weil wir eine bessere Meinung von ihm baden, wenn es wahr wäre, dass menschlicher Jammer, dass unser Unglück zumal der sprechendste Beweis für die Wahrbeit des Ehristenthnmes ist, so sage ich Euch, dass cs dann um diese Wahrheit herzlich schlecht sichen würde: denn unser Zustand ist nicht so traurig, dass er einen solchen entsetzlichen Beweis liefern könnte. Das Glück dcs Lebens, die Zufriedenheit deS Gemüthcs, die find Gottlob! von den Gütern, die Ihr nnS rauben könnt, nicht abhängig, und das Gefühl der guten Sache für die wir so Manches entbehren, das Bewusstsein des Rechtes, die feste Zuversicht, mit der wir seinem endlichen Siege entgegensehen, die sind auch bei der Berechnung unseres .traurige« Zustandes' in Anschlag zu bringen, so dass ich, alles in einander gerechnet, denke, das Christenthum möchte wobl mit seinem traurige« Beweis sür seine Wahrheit zu kurz kommen. Ich für meine Person darf hier füglich milreden, denn ich bin einer von denen, die durch das Nanbbüi.dniS der Majorität, das man sich nicht cnlblödet Gesetz zu nennen, am reinsten ausgeplündert und alles dessen beraubt sind, was das bürgerliche Leben, wenn sie frei , wären, Wünschenswerthes für sie haben würde. Und doch, wenn mich nicht die boshafte Gotteslästerung, die in dem Argument liegt, ernsthaft empörte, so würde ich in aller Behaglichkeit über den Narren lachen können, der ans einem .traurigen Zustande', wie der meinige ist, die Göttlichkeit seines Glaubens dednciren will.* Diese Arbeit über die Zustände der Juden Badens ist ei« | Meisterstück an Neichthum und Tiefe der Gedanken und des also aus freier Wahl Vergnügen und Hingebung in der Ausübung Deiner schönen Kunst. Das ist ein großer Northeil für Dick. Befolge aber, was ich Dir dringend an's Herz lege — pflege die Mnsik, doch wähle sie nicht zum Broterwerb. Huldige der Musik in Deiner freie« Zeit, Du stehst dann viel höher in meinen Augen, als die sögenannten Künstler, die in der Ausübung ihres Könnens in den meisten Fällen unwahr sind und durch Eff-'cthascherei ihr Dasein friste», erg»; ebenso schnell ohne Sang und Klang von der Bildfläche verschwinden. Providentia est raelior poenitentia! “ Die beiden Männer hatten bereits das Wohnhaus erreicht. An ׳ dem Fenster, bemerkten sie ein junges, blasses Mädchen, daS plötzlich t zusammen zu sinken schien. Simon erkannte sofort seine Cousine Sara. : Sie eilten beide in daS Familienzimmer und hier bot sich de» Eintretenden ein überraschender Anblick dar. Frau Zettel hielt ihre ׳ halb ohnmächtige Tochter in den Armen und ihre Lippe«» bewegten > sich leise wie zu eine!« Gebete. Herr Leberecht blickte ängstlich , ans das blasse Mädchen, das sich jetzt aus den Armen der guten Mutter entwand, indem sie lispelte: ״Es ist mir wieder gut; , es übersiel mich ein Ullwohlsein, das nun vollständig gehoben ist," c Als Sara in unmittelbarer Nähe ihren Bruder und Si»no« - sah, überflog ihre Wangen eine zarte Röthe. Moritz wandte sich z« r seiner Schwester, während der Vater seinem Neffen herzlich die Hand׳ drückte und ihn bald in eine lebhafte Unterhaltung hineinzog. h (Fortsetzung folgt.)

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