Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 20 (15.7.1890)
- Date
- 1890-07-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1304829-3453172-3453192--2908-3457207- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
namentlich in späterer Zeit, auch andere Antworten als dieser. Und je mehr Lessing dem Zuge seiner eigenen Natur folgte, desto schärfer trat jener Unterschied zu Tage. Mendelssohn gierig bei seiner Untersuchung von Voraussetzungen aus. die ihm zugleich der Zweck seines Denkens waren; wenn er zu untersuchen cinsieng. hatte er das Resultat seiner Untersuchung schon in der Tasche. Gedanken ganze, die ihn von dem, was er von vorn herein für wahr hielt, hätten absühren können, hat er selten ernstlich eingeschlagen. Er war dogmatisch besangen, seine Dialektik war meistens ein Spie! ohne Einsatz. Wie anders Lessing! Glich Mendelssohn einem bedächtigen Spaziergänger, dem seine vier Wände Ausgang und Ziel der Bewegung sind, io war Lessing von einer kühnen Wanderlust beseelt und stieg, jede neue Aussicht mit Freuds be׳ grüßend, rastlos empor, indem er einen immer weiteren und freieren Horizont suchte. Verwundert mag ihm Mendelssohn nachgeschaut haben, bis sich Lessing in einer Sonnenhöhe verlor, wohin das Auge des ängstlicheren Freundes nicht mehr trug. Zuletzt hat -ihn Moses nicht mehr verstanden, und als Lessing kurz nach seinem Tode des Spinozismus bezichtigt wurde, glaubte fich Mendelssohn solcher Beschuldigung gegenüber berufen, die Gottgläubigkeil seines todten Freundes zu verthcidigeu. Ob Lessing als Spinozist -gestorben, wer weiß es? Aber man kann ganz in seinem Sinn annehmen, dass ihm der Spinozismus eine von den Stationen auf der Fahrt nach der Wahrheit gewesen. Für solche Weite des Gesichtskreises, für solche voraussetzungslose Hingebung der!.Persönlichkeit hatte Mendelssohn kein Verständnis — er, der an dem Gotte der Juden, den er zugleich als den Gott der Vernunft begriff, unerschütterlch fcsthielt und den platonischen Sokrates, indem er Zeiten und Volksgeistcr verwechselte, über die Unsterblichkeit der Seele nicht anders reden ließ, als einen aufgeklärten und aufklären wollenden Mann des achtzehnten Jahrhunderts. Man hat bezweifelt, dass Lcssing in seinem Nathan dem Frerrnde Moses ein Denkmal setzen wollte; aber man müsste den Einfluß des hervorragendsten deutschen Juden der Aufklärungszeit auf Lcffiug gar zu gering anschlagcn, wenn mau annebmcn wollte, dass Mendelssohn auf die Gestaltung seines Evangeliums des Deismus und der Toleranz ganz und gar nicht eingewirkt oabe. Lessing konnte den Nathan nicht bilden, ohne sich Mendelssohn'» zu erinnern, und unbewusst stahlen sich Züge des verehrten Freundes in Nathan's Gestalt ein. Wenn man die Bildniße von Moses und Felix Mendelssohn mit einander vergleicht, so sollte man glauben, dass der Großvater im Enkel wiedergeborcn sei. Es ist derselbe Kopf aber dennoch ein verschiedener. Es malt sich in ihnen der Unterschied der Zeiten und der Cultur. Hier wie dort derselbe Typus des Knochenbaucs, doch bei Felix Stirne und Schläfe feiner und mannigfaltiger modellirt und überhaupt zartere Modulationen im Fleische. J׳.u Auge jedoch drückt sich der schärfste Unterschied aus: bei Moses mehr ein zweckmäßiger, praktischer Blick, bei Felix jener leichte Schleier über dem Auge, welcher bewirkt, dass man die Dinge schön erblickt. Im Allgemeinen gewährt der ältere Kopf den Ausdruck des Denkens, der Sorge, der jüngere aber den des Dichtens und Genießenk. Ihren beiderseitigen Naturen entsprechend waren auch die beiden großen Geister, die in bedeutsamer Weise ihren Lebensweg kreuzten, bei Moses der Denker Lessinz, lei Felix aber Goethe, d-r da konnte, was Lessing (und Herder) w 11 s 6 ז e 11. Es hat etwas Schönes und Ergreifendes, dass das Denkmal Moses Mendelssohn» unter den Klängen einer Compositiou seines! Enkels Felix enthüllt wurde. Welche Entwicklung des Judenthums! und zugleich der deutschen Cultur liegt zwischen diesen beiden | Namen l Der alte Moses musste noch in jedem Sinne Deutsch! lernen und Deutsch reden, ^Deutsch denken und empflnden; Felix׳ war ein überzeugter Cbrist und und ein deutscbgesinnter Bürger und Künstler, in welchem Robert Schumann den Mozart unserer Zeit begrüßte. Mild wie sein Großvater, stand ibm der Gott, der in Wettern cinfährt, ferner als der Gott, der im Säuseln׳ vorübergebt, wie er ihn in seinem ,Elias" so lieblich geschildert. Beide waren Friedensgeistcr. Und die Enthüllung des Mendelssobn-Dcnkmals in Dessau war ein Friedeussest, das uns mahnen sollte, was wir aus beiden Seiten einander verdanken und waswir einander schuldig geworden. Kleine Clirmuli. Wiel». Samstag den 12. d. M. fand in Anwessuheit des Statthalters und anderer Celebritäten die feierliche Preisverth eilung an die mit Concurspreisen gekrönten Abiturienten deS ConservatoriumS statt. Unter den Präminten für das Clavierfach befinden sich zwei junge Glaubensgenossen, die zu ganz außerordentlichen Hoffnungen berechtigen. Es sind dies Herr A! e x a n d e r v. S z e m Iji n s k y, Sohn des Sekretärs der türk. Israel. Gemeinde in Wien und ehemaligen Mitarbeiters der ״Cantoreil-Zeitung", sowie Herr T h e o d o r Fuchs, Sohn des Cantors Fuchs in Bukarest. Beide erhielten die silberne Gesellscbasts- und die Conenrö-Medaille, und Ersterer noch׳ zur besonderen Auszeichnnng einen prachtvollen Bösendorser-Flügel. Wie«. Während in diesen Tagen die Enthüllung des Weber- Denkmals in seiner Geburtsstadt Eutin durch rauschende Feste gefeiert wurde, dachte wohl Niemand daran, dass Weber durch einen Jugendstreich sein Leben einst in solche Gefahr gebracht, dass eS nur an einem Haare gehangen, und wir hätten einen unserer größten Musiker verloren, bevor noch sein Genius die Flügel ansgebreitet. Der ״Hamb. Corresp." berichtet darüber nach den Anszeichnnngeu des Jugendfreundes׳ Weber's, des 1858 in Würzburg verstorbenen, s incr Zeit berühmten Porträtmalers Ferdinand Frhr. v. Lütgendorff: Karl Maria v. Weber war mit seinem Vater, dein Major v. W., 1796 nach München .gekommen, wo er bei Batest und dem Hoforganiiton Kalcher Musikunterricht genoß. Weber's Vater schloss dort mit dem als Lnstspieldichter' geschätzten Baron v. Lütgendorff Freundschaft, und bald waren Karl Maria v. Weber und Lütgendorff's Sohn Ferdinand, der damals die Münchener Kunstschule besuchte, so unzertrennlich geworden, dass mansie scherzweise Kästor und Pollux nannte. Die beiden gleichalterigen, schwärmerisch angelegten Knaben hiengen mir solcher Liebe aneinander,, dass sie eine Trennung nicht überleben zu können vermeinten, und als der Major v. Weber nach Freiberg in Sachsen zu übersiedeln beabsichtigte, beschlossen die beiden jungen Freunde, gemeinsam zu sterben. In einer mondhellen Nacht schlichen sie sich aus ihren elterlichen Wohnungen in den damals noch sehr jungen ,englischen Garten" bei München. In der Nähe eims künstlich angelegten Wasserfalles hielten sie an, nahmen feierlich Abschied von der Welt, umschlangen sich zärtlich und stürzten sich in's Wasser. Glücklicherweise waren sie aber bemerkt worden und konnten ziemlich leicht gerettet werden, da das Wasser dort wohl nicht sonderlich tief war. Beide büßten Liese That mit strengem Hausarrest und einem heftigen Schnupfe,1, aber ihre Freundschaft litt nicht darunter. Sie blieben in regem Briefwechsel mit einander, und' Lntgendorff, der sich später nach Prag gewendet, war nicht ohne Einflnss, dass Weber 1813 nach Prag kam. Im Jahre 18 l 4 malte Lntgendorff auch ein treffliches Porträt Weber's, das aber leider verschollen zu sein scheint. Wt'cig. In einer der letzten Nummern dieses Blattes wurde in einer Correspondenz aus Tropp.ru der Standpunkt illustrirt, den die׳ Negi rung bezüglich der Vertretung der jüdischen Neligionsgeuosssnschaft i:n Laudesschulrathe einniuruu. Als Pendant hiezu kann eine Episode׳ aus der letzten Session des böhmischen Landtages dienen: In der Sitzung der Ausgleichc-Commiffion des Böhmischen Landtages hat Herr Dr. Kutschern in Betreff der Negierungs-Vorlage über den Landesschulrath, nach welcher zwei katholisch- und ein evangelischer Geistlicher und ״ein Bekenner des mosaischen Glaubens' Sitz unfr Stimme haben sollen, beantragt, dafür ,ein Rabbiner ׳ zu setzm. Herr Statthalter Graf Thun sprach sich gegen diesen Antrag aus, weil der Rabbiner kein Geistlicher sei, er hört ans Rabbiner zu sein, wenn er abgesetzr wird oder abdankt, auch gäbe es bei den Juden keine kirchlichen Oberbehördeu, die ein Gutachten -abgeben könnten. Der Antrag. Kntschera's wurde auch abgelehnt.