Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 20 (15.7.1890)
- Date
- 1890-07-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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der »vermischten Gefühle' nämlich der Gefühle, die aus Lust und Unlust gemischt sind, denn auf dieser psychologischen Bahn bat sich fast unsere ganze deutsche Dichtung, zumal die der romantischen Schule, entwickelt. In der Philosophie stand Mendelssohn, wie sein ganzes Jahrhundert bis aus Kant, im Banne der Leibnitz- Wolff'schen Schule. Ob etwas denkbar sei ohne Widerspruch, darauf kam cs an, und war es logisch denkbar, so war es auch wirklich. Daher die schönen Beweise für das Dasein Gottes, die Unsterblichkeit der Seele, die gleichsam nur logisch eingekleidete Wünsche sind. Diesen Dingen bat Kant in der Kritik der reinen Vernunft ein Ende mit Schrecken bereitet. Es konnte aber bei der Sauberkeit des Denkens, das sämmtliche Schriften Mendels, sohn's auszeichnet, nicht ansbleiben, dass er in der Philosophie manche schätzbare Nebenresnktate erzielte. Vor Allem aber — und dadurch lebt er fort — verleiht seinen Schriften die Selbstdar. stelluug einer liebenswürdigen Persönlichkeit ihren ungewöhnlichen Werth. Das Werkzeug, womit Mendelssohn seine großen Wirkungen .ausübte, war seine Darstellung, seine sprachliche Kunst. Darin stellten ihn seine Zeitgenossen sehr hoch, und ein Blick in seine Schriften überzeugt sofort, dass sie nicht Unrecht hatten. Schmiegsamkeit, Anmutb, Eleganz — man blättere nur, und man findet sie überall in Mendelssohn's Schriften. Aber auch männliche, schneidige Eigenschaften wird man entdecken. Die scharfe Unterscheidung schafft sich auch den scharfen Schnitt der Sätze, die Energie des Denkens auch die stramme Folge der Wörter. Wenn seine Gesinnung ins Spiel kommt und er sie gegen allerlei Zumuthung zu vertheidigen hat, ist seine Sprache wohl so biegsam, aber auch so sederkräflig und unzerbrechlich wie Stahl. Es ist nun über hundert Jahre her, dass das Geschlecht der Mendelssohn's in Deutschland eine hervorragende Nolle spielt. Es gibt Familien, auf denen der Segen des Genius sichtbarlich ruht: selbst begabt, ziehen sie die Begabten an, wie der grüne Kranz den Zecher in die Schänke lockt. Zu diesen Glücklichen gehört die Familie Mendelssohn. Ueber die Schwelle dieser Familie sind zwei gewaltige deutsche Geister geschritten: Lessing und Goethe. Mit dem alten Moses traten die Söhne Mendel's in die deutsche Geistesbewegung ein. Eine seiner Töchter, die fo unglücklich als begabt war, übte einen gewissen Einsinss auf die romantische Schule, und ihr ältester Sohn spielte unter den nazarenischeu Malern eine hervorragende Nolle; ein Mendelssohn- Bartholdy öffnete sein Hans in Nom der jungen Generation deutscher Maler zu weittragenden Versuchen im Frescomalen; ein anderer Mendelssohn schrieb im Sinne des großen Geographen Ritter das geistvolle Buch .Das germanische Europa', welches die Erdkunde in geschichtlicher Action zeigt. Wie diese durch ihren Geist, so hatten andere Mendelssohn's als vaterländisch gesinnte Geldmächte vielfach in das deutsche Leben eingegriffen. Der stärkste Funke der Begabung sprang auf Fel>'x, den Enkel des Philosophen, über, und noch im Urenkel, einem jung verstorbenen tüchtigen Historiker, glimmte das edle Feuer weiter. Beruht der berechtigte Stolz der Aristokratie in dem Selbstgefühle, mit dem man eine Reihe selbstgeschaffener Menschen die Zeiten auf und nieder als sein eigen Blut ansprechen kann, so ist die Familie Mendelssohn zu solchem Stolze vollauf bcrechtigt. Glücklich bis auf ihre fernsten Sprossen zu preisen ist eine Familie, bei welcher ein Mann wie Lessing als Gast und Freund aus» und eingegangen. Er gehört ihr noch ganz anders als jedem Anderen; in der Atmosphäre des Hauses glaubt man einen Hauch seines Geistes zu verspüren. Moses Mendelssohn, der verwachsene Jude, und der aufrichtige Germane gehen als ein untrennbares Paar durch unsere Littcratur-Geschichte, und man wird sich ihr vereintes Bild noch lange mit Vergnügen znrückrnfen, wenn auch das l׳tzte Wort von Mendelssohn's schon jetzt immer stummer werdenden Schriften verschollen ist. Dass ihn Lesiing seines freundschaftlichen Umganges gewürdigt, das schon hebt ihu weit hinaus über viele Menschen seines Jahr- Hunderts. Au dem Manne muß etwas, muß viel gewesen sein. Ein verwandtschaftlicher geistiger Zug brachte offenbar die beiden Männer einander näher. Lesiing besaß viel von jener echt hebräischen Fragelust, die den Menschen und Dingen — hier als Neugier, dort als Erkenutnistrieb — leicht unbequem wird. Freilich, er fragte anders als Mendelssohn, und er gab sich. In dem Hause des alten Leberecht herrschte innige Freude über Len Besuch ihres Verwandten. Sara und Moritz begrüßten ihn auf's Herzlichste, und man merkte deren Erregung. Die Alten trippelten vor Glückseligkeit bald da, bald dorthin und riefen ein über das andere Mal aus: ,Kaiserlich-russischer Professor der Musik am Conservatorinm zu Petersburg! Ist das wirklich Thatsache?!' Simon blieb trotz der freudigen Stimmung, die er unter seinen Verwandten hervorgerufen hatte, ernst und in sich gekehrt. In seinem bleichen, gefurchten Antlitze zuckte es, seine Lippen zogen sich schmerzlich zusammen, er konnte, dieser Menschenkenner, mit Heine sprechen: ״Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht. Ewig verlorenes Lieb! Ich grolle nicht. Wie Du auch strahlst in Diamantenpracht, Es fällt kein Strahl in Deines Herzens Nacht!" Simon hatte bereits mehrere Tage im Kreise feiner Angehörigen zugebracht und man fand sich in sein sonderliches Wesen und Thun hinein, da diesem die edelsten Eigenschaften der Seele zu Grunde lagen. Er sprach wenig, hörte Allen f.euudlich und aufmerksam zn und ließ nie die leiseste Spur einer Unbehaglichkeit merken, so dass die alte Frau voll Selbstbewusstsein zu sagen pflegte: ,Hatte ich nicht .Recht, als ich Simon in Schutz nahm!' Herr Ascher dagegen schien noch immer seines Traumes zu gedenken, konnte aber weder aus den Worten, noch aus dem Charakter seines Neffen irgend welchen Schluss ziehen. Simon war inzwischen wieder abgereist und bildete natürlicher Weife den Gesprächsstoff seiner Verwandten. Eines Morgens wurde Sara durch ein Billet überrascht, welches ihr Cousin Simon sandte. Sie öffnete dasselbe mit bangersülltem Herzen. ,Mutter', ries das Mädchen bewegt, ,es war also wirklich ernstlich gemeint,, als er mir erklärte, er müsse für einige Zeit seinen Aufenthalt verändern, es wäre ihm unmöglich, länger hier zu bleiben, er habe nicht die Ruhe, um die stillen Freuden des friedlichen Hauses zn theilen, und müsse sich in das sreudlnlose Darein eines ruhelosen UmherirrenS, das ihm das Schicksal auserlegt habe, fügen." Sara reichte ihrer Mutter das Billet und diese las: ,Ich habe viel gelitten, o unendlich viel. Ich habe keine Kindheit, keine zärtliche Mutter zur Seite gehabt, nie eine wahre Freundin, und war so einsättig zn glauben, eine zn besitz?».' ״Es ist besser für ihn!1 entgegnete sie traurig, ״er sagt uns für einige Zeit .Lebewohl.' .Liebes Kind denk nicht an ihn, vergiss ihn ganz. Las wird meines Erachtens noch das Beste sein; denn etwas geht in ihm vor, was er zu überwinden sucht, hoffen wir, Lass er beruhigt znrückkehrt.' ,Ja, er ist unergründlich wie das Meer, und doch ein großartiger Charakter', sprach Sara halblaut, die langen Wimpern senkend. ,Wer mag wohl die verlorene Freundin sein, er meint doch nicht etwa mich, der —-- Ein Zeitraum von einigen Wochen verstrich, bis Simon seine» Besuch wieder avisirte. Moritz eilte ihm eine Strecke entgegen. (Fortsetzung folgt.)