Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 20 (15.7.1890)
- Date
- 1890-07-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— — Jude, ein Krüppel; konnte das Schicksal einen Sterblichen stiefmütterlicher betten? Allein diese Nachtheile waren ihm lauter Antriebe zum Guten. Arm: er erarbeitete sich eine bürgerliche Stellung; ein Jude: erhob das geistige Niveau seiner Glaubensgenossen; ein Krüppel : er schmückte sich mit inneren Gütern. Wer ibm nahe kam, stand unter dem Zauber seiner Persönlichkeit, dem sich der christenthümelude Lavater ebensowenig entziehen konnte, wie der freigeistige Lessing. Von Mendelssohn's Kopfe redend, ruft Lavater in seiner ,Physiognomik" aus: ,Ich weide mich an diesen Umrissen! Mein Blick wälzt sich von diesem herrlichen Bogen der Stirn auf den scharfen Knochen des Auges herab. In dieser Tiefe des Auges sitzt eine sokratische Seele! Die Bestimmtheit der Nase, der herrliche Uebergang von der Nase zur Overlippe — die Höhe beider Lippen, ohne dass die eine über die andere hervorragt. O, wie alles dies zusammenstimmt, um die göttliche Wahrheit der Physiognomik fühlbar und anschaulich zu machen . . .* Aber selbst aus dem Höcker, den er trug, wusste Mendelssohn in seiner ironisch heiteren, morgenländlich sinnigen Weise eine moralische Vollkommenheit zu machen. Nach einer Ueberlieferung soll sich das Mädchen, das er heiraten wollte, an seiner körperlichen Missgestalt geschreckt haben. Als sie einmal zusammen sprachen und sie sich kaum getraut, ihn anzuschauen, fragte ihn das Mädchen, ob er auch glaube, dass die Ehen im Himmel geschlossen werden. ,Gewiss" antwortete Mendelsiohn, .und mir ist noch was Besonderes geschehen. Bei der Geburt eines Kindes wird im Himmel ausgerufen: Der und Der bekommt Die und Die. Wie ich nun geboren werde, wird mir auch meine Frau ausgerufen, aber dabei heißt cS: Sie wird leider einen Buckel haben, einen schrecklichen. Lieber Gott, habe ich da gesagt, ein Mädchen das verwachsen ist. wird gar leicht! ־ bitter und hart, ein Mädchen soll schön sein; lieber Gott gib mir den Buckel und lass das Mädchen schlank gewachsen und wohlgefällig sein!׳' Das Mädchen fiel ihm um den Hals und ward seine Frau. . . Solche Züge einer lächelnden Selbstbefpöttelung und weisen Schlauheit lassen sich freilich nicht in Stein und Erz nackbilden, und der Künstler, der das Dessauer Denkmal Ein Künstlerleben. Erzählung von M. Tintner, Cantor und Lehrer in Bunzlau, Preußisch-Schlesien. (Nachdruck verboten.) (2. Fortsetzung.) ״Wer hätte das gedacht?" begann Frau Zettel nach einigen Minuten, indem sie sich fragend im Kreise ihrer Lieben umschaute. ,Wer sollte da nicht an Gottes Wunder glauben!' Ascher Lebcrecht schüttelte bedenklich das graue Haupt, strich seinen langen, wohlgepflegten Bart und sagte: .Meine Lieben! Die Zeiten der Wunder werden nie aufhören; denn wie heute Abend meine Augen, angestrengt von dem Lesen des Talmud sich zum Schlummer fchloffen, träumte ich, dass sich Simon mitten unter uns befände, und wir nun glücklich wären, den laug Vermissten begrüßen zu können, doch machte er durch seine eisige Kälte und durch sein bleiches, ernstes Gesicht einen geisterhaften Eindruck. Menschen, die wenig Gottvertrauen besitzen, nehmen zu Aberglauben und Deuteleien ihre Zuflucht. Darum verbietet uns die heilige Thora jde Art von Aberglauben, weil dieser den göttlichen Geist im Menschen verfinstert und allen Gefühlen und Empfindungen seiner Seele eine falsche, verderbliche Richtung gibt. Gebe der Himmel, dass wir Simon glücklich machen, dass er die seelische Zufriedenheit in unserer Mitte wieder erlange.' Moritz blickte duster vor sich hin und ließ all' seine Zukunfts- Pläne vor seinem geistigen Auge vorüberziehkn. Sara enthielt sich jedes Wortes — starr vor sich hinblickend schien sie über das Erlebte gefertigt, wird sich wohl hauptsächlich an den Kopf Mendelssohns gehalten haben, aus welchem neben der Gescheitheit die Liebenswürdigkeit des Mannes am sprechendsten hervorleuchte. Gescheitheit - und Liebenswürdigkeit sind auch die hervortretenden Züge des Schriftstellers Mendelssohn. Seine Schriftstellerei hat ein doppeltes Gesicht, je nachdem sie sich den allgemeinen Interessen des Zeitalters oder den Bedürsnißen des Jndenthums znwendete. Auf das deutsche Judenthum hat er befreiend gewirkt; er Hai es aus dem geistigen Ghetto herausgeführt. Ein gründlicher Kenner des Hebräischen und zugleich ein Meister im Deutschen, hat er durch die Uebersetzung biblischer Texte seine Glanbensgenossen für die deutsche Sprache gewonnen. Durch ihn lernten sie Deutsch reden, und wie die Sprache eine Verführerin ist, lernten sie auch Deutsch denken und empfinden. Auf mittelbare Weise, durch geistige Verjüngung musste er auf seine Glaubensgenossen wirken, denn bei der Rechtlosigkeit der Juden fand er auf praktischem Gebiete keinen festen Punkt, an dem er den Hebel ansetzen konnte. Keine politischen Neckte zu besitzen, musste ihm ein tiefer Schmerz sein, von dem er fick, nach seiner feinen Art, wohl einmal ironisch befreite. So erzählt er, Diogenes habe einst die Bürger zu Korinth mit großen Kriegsrüstungen beschäftigt gesehen, und um nicht der einzige Müßiggänger im Staate zu sein, habe er seine friedfame Tonne ans und niedergewälzt. Darin sieht Mendelssohn sein eigenes Bild. Er befinde sich mit Diogenes in ähnlichen Umständen; freilich mit dem Unterschiede, ,dass er dem Staate aus cynischem Eigensinn nicht dienen wollte, ich nicht kann. Er wälzte mit vieler Behutsamkeit eine irdene Tonne, ich lasse kleine philosophische Bearbeitungen wieder aufiegen . . .״ Man sieht, wie der Schmerz witzig wird. Indessen haben diese kleinen philosophischen Arbeiten, welche die verschiedensten Punkte der Philosophie, der Moral, der Aesthetik berührten, ^mächtig in ihre Zeit eingefchlagen. Unter den deutschen Aufklärnngs-Philosophen des vorigen Jahrhunderts nimmt Mendelssohn eine der vornehmsten Stellen ein. Mit seinen ästhetischen Untersuchungen hat er befruchtend auf Lessing. aus Kant, ja bis herüber auf Schiller gewirkt, und wie prophetisch ist feine emsige Behandlung nachzudeuken, bis sie von ihrer Mutter gemahnt wurde sich zur Ruhe Mehrere Tage verstrichen ohne jegliche Nachricht von Simon, endlich erhielt die glückliche Familie ein Schreiben, welches die Ankunft ihres Verwandten für Freitag anmeldete. ,Veisäume nicht, meineLochter', sprach Herr Leberecht, ,morgen die besten Fische zu kaufen. Du weißt doch, Simon ist ein großer Freund von Fischen, daun sorge auch, dass die Tafel sabbathtich bestellt werde." Ein klarer Himmel, geschmückt mit der heiteren Herbstsonne, dehnte sich über das Städtchen ans. In der Gasse nutsrhielten sich redselige Matronen, und in kleinen Gruppen standen Männer plaudernd. Es ist Erew Schabbos, die Köchinnen und Bäckerjnngen jagten durch die Gassen, um den einziehenden Sabbath mit Scholet und anderen Gerichten würdig zu empfangen, soweit es im Bereiche der Kochkunst möglich ist. Eine Droschke hielt am Gasthofe zum ״goldenen Löwen", aus der ein fein gekleideter Herr stieg und seinen Weg nach der Wohnung des Herrn Leberecht eiuschlng. Das war ein Ereignis, am Erew Schabbos! Man fragte, man forschte, rieb sich die Kopse und erfuhr dann endlich, was man wünschte, nämlich dass der finstere, mürrische Musikant Simon zurückgekehrt sei; Einige fügten noch hinzu, um die Tochter des Rösch hakohol zu heiraten, Andere zweifelten daran, da der Neffe ausländische Manieren angenommen hätte und mit der guten Jüdischkeit auf Kriegsfuß stände, hauptsächlich aber, da sich die Beziehungen zur Familie gelockert hätten.