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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-07-15 · Heft 20 (15.7.1890) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 20 (15.7.1890)
Date
1890-07-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 Wir leben alto, bafS von 0cel>er$e im christlichen und l staatlichen Sinn bier auch im Eutferusteu keine Rede kein kann, und in der Deutung, wie Herr Rabbiner 9io!b diekem Worke j gibt, ist ja nicht der Rabbiner allein, iondern jeder geistig gebildete Mensch, drr durch Handlung, Worte oder Gclcbriamkeit ans leine Umgebung, leinen V rkebrskreis, seine Gemeinde geistig und sittlich einwirkt, ebenfalls ein solcher Seelsorger. Es bandelt sich ferner bei dem sogenannten Streite der Cantoren mit den Rabbinen wahrlich nicht um die Hobepriesterschast, denn der Hohepriester war seiner Zeit nur Einer für das ganze Volk, der andere Aemter zn!errichten hatte, als jetzt der Rabbiner oder der Cantor, und wie sollte cs nun gar in jeder Gemeinde einen Hohe- Priester geben? Wir wollen den Rabbinen in keiner Weise etwas schmälern und gönnen ihnen aus vollem Herzen ihre bevorzugte und einsiußreiche Stellung, die sie in den Gemeinden mit vollem Rechne vermöge ihrer hohen Bildung und Gelehrsamkeit einnebmen und die ihnen auch in Folge ihres erhabenen Amtes unbestreitbar zukommt. Allein, man verarge es uns gleichfalls nicht, wenn auch wir für unsere guten Rechte streiten und kämpfen und das berechtigte Verlangen stellen, dass man uns ebenso als uuentbehrliche Gcmeindebeamte anerkenne und danach auch unsere sociale Stellung gestalte; nicht aber uns als untergeordnete ״Schamosim“ betrachte, um von Gemeinden wie Rabbinen als niedere Domestiken behandelt zu werden. Ist nun dabei etwas Unrechtes, wenn wir an die Rabbiner selbst appelliren und an sie das Anstichen stellen, da's sie, als Männer der Wahrheit und Wablhafligkett, die Gemeinden, und wenn nöthig auch die Regierung darüber ansklären und bclebren sollen, was wir im Iudenthume alles sind und welche Bedeutung wir snr den Gottesdienst haben, und dass sie uns dadurch dazu verhelfen mögen, unsere gegenwärtig unwürdige Lage zu verbessern und menschlicher zu gestalten? Ja, wenn wir es überall mit einem Rabbiner Noth zu thun hätten, der freiwillig die Parität und Gleichberechtigung der Cantoren öffentlich anerkennt und verkündet, wie er cs hier thut und wofür ich und mit mir gewiss alle meine Collegen von Herzen! danken, dann hätten wir freilich nicht zu klagen und unsere Angelegenheit wäte bald bestens geordnet; so aber— sprechen wir. Und nun zu meinem gegnerischen CollegenJ Wenn mein geehrter Gegner des Ausspruches wegen: ׳שתיקדז 0הרד*אח ד*ב2יא zum Sprechen sich gezwungen fühlt, so gebietet mir der andere Ausspruch: סיג להבמה שתיקה lieber zu schweigen und mich hier ganz kurz zu fassen. Ich kann es um so eher, als ich nun auch die 86t106htirQ auf meine Seite bekommen habe, die sich durch das Citat der ersten sechs Worte aus dem Tractate Chulin nicht weniger verletzt fühlen und sich gegen Verunglimpfungen ihres hohen Amtes höchlich verwahren werden. Der Herr College scheint hier übersehen zu haben, dass es sich dort um בדיעבד und לכתחלה handelt, und zwar erstensalls ist davon die Rede, wenn man Jemand als theoretischen 861106116t k e n n t aber nicht weiß, ob er auch schon praktisch darin ist, den darf man unbesonnen gleich etwas schlachten lassen; zweitensallS aber kommt diese Möglichkeit in Betracht, wenn man ihn weder theoretisch noch praktisch als Sehochet andgebiidet weiß, und er hat dennoch geschlachtet, dann prüft man ihn, und wenn er da als theoretischer 801100116t befunden wird, dann ist das Geschlachtete unbeanständet zu gebrauchen. Immer aber handelt sich's hier um einen wirklichen 861106116t; ob er angcsteilt ist, ist für diese beiden Fälle Nebensache. Wo im Talmud eine Stelle sich findet, die aus die B e- > stellung eines Vorbelers schließen läset? fragt der College. > Von mebrcren will ich nur die eine Stelle aus losephto Chagigo 1 1. Äbscbn. an führen, wo es wörtlich heißt: נתמלא זקנו ראוי ליעשות ש• ץ!. Aus dem mit besonderer Absicht gebrauchten Worte 'ליעשות" geht hervor, dass damit bicr die .Anstellung* und ,Einsetzung' des CantorS gemeint ist. Allerdings i׳t cs noch immer kein G e b o t, über welches man eine ^8106110^ machen kann, aber eine Sache die B e י ü r s n i s ist, braucht nicht erst gebot n zu werden. Mein geschätzter Gegner bemüht sich zum Schlüsse seiner Expeclorationen nun) als Ausbund von Snuvärmer und unvcrbesserlichen Anbeter unseres Standes auszugcben, dessen große Liebe ihn das Grade verdrehen und offenbare Ir thiimer begehen lässt. Ob ich hier irre, mögen die Collegen beurtheilen; aber wenn auch meine Liebe zu unserem Stande und unserem heiligen Berufe in der That eine große und mächtige ist, immer ist und bleibt mein Grundsatz, wie ihn ein hebräisch-philosophischeS Sprüchworl ausspricht: ,Liebe Platon, liebe Sccrates, mehr aber als beide, liebe die Wahrheit! Der Verfasser der ,Beiträge.* Die MendelSsohn's. Gelegentlich der Enthüllung des Mendelssohn-DenkmaleS wurde in fast sämmtlichen deutschen Blättern die hervorragende Persönlichkeit des großen Philosophen nach veriebiedener Richtung gekennzeichnet. Hier wurde sein Einfluss aus die deutsche Litteratur, dort seine mächtige Wirkung ans das Judenthum, an anderer Stelle wieder seine Bedeutung für die Philosophie mit treffenden Worten geschildert, aber mit verhältnismäßig wenigen Strichen ein ebenso umfassendes, als auch wahres und warmes Lebensbild zu entwerfen, ist Niemandem so gut gelungen, als Ludwig Speidel. Dieser geistreiche Schriftsteller schreibt in der »neuen > freien Presse': ,In Dessau fand gestern in Anwesenheit des Herzogs und der Herzogin, sowie des gesammten Hofes die Enthüllung des Standbildes Moses Mendelssohn'« statt. Mendelssohn, ein persönlicher Freund Lessing's, wurde im Jahre 1729 in Dessau geboren und starb im Jahre 1786. Unter den Klängen der Musik Felix MendelSsohn's, eines Enkels des berühmten Philosophen, fiel die Hülle des Denkmals. Dasselbe, vom Berliner Bildhauer Hoffmeister geschaffen, besteht aus einem Brunnen mit der Bronce- Büste Moses MendelSsohn's, unterhalb welcher eine weibliche Gestalt, die Philosophie darstellend, aus eine Tafel die Worte: .Duldsamkeit, Glaube, Unsterblichkeit.* schreibt. . .' Dieser trockene, dürftige Bericht gieng in den jüngsten Tagen durch jämmttiche deutsche Blätter. Und doch, so dürftig und trocken dieser Bericht auch scheinen mag, er enthält doch eine quellende Fülle merkwürdiger geistiger Thatsachen. Zunächst spricht er in Namen, die, an sich beredtsam, in ihren Beziehungen zn einander doppelt beredtsam sind: Moses Mendelssohn, Lessing sein Freund, Felix Mendelssohn sein Enkel. Sodann die Errinnerung an daS Lebenswcrk des Philosophen: Duldsamkeit, Glaube. Unsterblichkeit, und nicht zuletzt die Thatsache selbst, da'S ihm in seiner Vaterstadl Dessau, von der aus er einst als bresthaftes Kind armer Leute in die Welt gewandert, um unter Entbehrungen und nnsäglicher Arbeit sich eine glänzende Lebensstellung und ein fortwachsendes Geschlecht bedeutender Menschen zu grünoen, ein Denkmal gesetzt und in der denkbar feierlichsten Weife enthüllt wird. So setzt sich ein großes, lauteres Streben am Ertde doch selbst durch, und starke Willensmacht und ungewöhnliche Geistes׳! kraft besiegen schließlich die widerwärtigsten Hinderniße. Arm, ein

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