Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 19 (1.7.1890)
- Date
- 1890-07-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
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© Das bischen Bibel in dcr Volksschule wird am Ende auch der Lehrer mit Hilfe einer deutschen Uebersetzung unterrichten können. Inzwischen aber ist das neue Gesetz, betreffend die Regelung der äußern Nech1sverhält!uße der israelitischen Neligionsgenossenschüft in Wirksamkeit getreten, diesem zusolge ist jede Cultusgemcinde verpflichtet, einen Rabbiner beizustellen oder sich einem Nadbinate der Nachbar-Gemeinden anzuschließen. Nun war guter Ratb tbeuer. N. will weder einen Rabbiner anstellen, noch sich einer Nachbargemeinde diesbezüglich anschließen, was also denn? Eines schönen Morgens, es war kurz vor dem Feste der Gesetzgebuug, wurde die fromme Schaar in N. mit einem nagelneuen Rabbi beglückt, angenehm überrascht. Der Cultusvorstand, dessen Präses Z. der Bruder eines einflussreichen Tschechenführers ist, hat nämlich in seiner jüngsten Sitzung beschlossen, den sonst sehr braven schlichten Volksschullehrer N., obwohl der gute Mann nie im Leben ein Gemoraexcmplar zu Gesicht bekommen, zum Rabbiner zu ernennen und die h. Behörde behufs Bestätigung in Kenntnis zu setzen. Hat man das noch je in Israel gehört? Mau calculirte in N. nämlich so: Das neue Gesetz verlangt vom Rabbiner bloS allgemeine Bildung, und da der geprüfte Volksschullehrer solche besitzen muß, warum sollte er nicht das Amt eines Rabbiners bekleiden können. Wir machen dabei ein brillantes Geschäft, bilden eine Cultusgemeinde, brauchen keinen Rabbiner anzustellcu und haben, nur dem Gesetze zu entsprechen, doch einen Rabbiner. Dcr arme Lehrer N. hat sich wohl Anfangs dagegen gesträubt, zudem er auf feine völlige Unkenntnis der rabbinischtalmudischen Litteratur, mit der er sich nie im Leben befasste, hinwics, allein das Wort des Vorstandes ist, besonders jetzt, ein Machtwort, und der gute Mann musste gute Miene zum bösen Spiele machen und sich, was ibm gewiss nie im Traume eingefallen, Rabbiner schimpfen lassen. Man gab sich auch Muhe, Herrn N. zu beruhigen und ihm cs begreiflich zu machen, dass l cs kein Schimpf sei, wenn man aus ihm einen ,Rabbiner' mache. Den Schülern der Volksschule den Bibel-Unterricht zu ertheilcn, so sagte man ihm, sind Sie doch wobl berechtigt, mithin sind Sie ein antorisirter Neligionslehrer, und ist denn ein Rabbiner etwas anderes als ein Neligionslehrer? Predigten brauchen sie uns keine zu halten, mit Lobaalot werden wie sie nicht belästigen und Ihnen daher keine Verlegenheiten bereiten, wozu ali'o die Aengstlichkeit? Einen Tranungsact werden Sie hoffentlich vollziehen können, dazu gehört doch keine theologische Bildung. (?) Diese Argumente wirkten besänftigend auf das Gemüth des Herrn N. und er sagte ,ja'. Kaum hatte aber der Cantor N. von der Existenz dieses neuen Rabbi erfahren, als er sofort, und mit Recht, dem Vorstande seine Resignation schriftlich zugeschickt, die auch angenommen und daher der Concnrs zur Besetzung der Cantorstelle bereits ausgeschrieben wurde. Wenn in N. . ., so dachte Herr N, diejenige Kenntnis der Bibel, die man sich im zartesten Kiudesalter in .er Volksschule angeeignet, genügt, um daß Nabbinat zu bekleiden und rabbinische Functionen zu vollziehen, warum sollte gerade der Lehrer und nicht der Cantor, der doch als langjähriger Funclionär und Kore gewiss mehr Bibelkenntnis besitzt, als der Volksschullehrer, zum Rabbiner ernannt werden? Herr N. sah sich mit Recht durch das Vorgehen des Cultusvorstandes in seiner Ehre und Würde gekränkt und tief verletzt und — kündigte,' »Mich will es bedünken', entgegnete ich meinem Freunde, ,dass Herr Cantor N., dessen gediegene Fachkenntniße in seiner Gemeinde stets Anerkennung gefunden, sich ein wenig übereilt hatte, denn ich kann mir nicht denken, dass die hiesige Behörde/ obwohl sie behauptet, dass es bei den Juden keine kirchlichen Behörden gibt, die ein Gutachten abgeben könnten', einen Mann als Rabbiner bestätigen würde, der nicht im Besitze der ״Hatorat Horooh“, Autorisation zur Bekleidung dieses hochwichtigen Amtes ist. Sollte es jedoch der Gemeinde N. gelingen, die Bestätigung für. ihren neuen Rabbi zn erlangen, nun dann ist Israel gerettet. Was dem Lehrer N. in N. gestattet wird, kann doch wohl den anderen Lehrern Böhmens nicht versagt werden, und wir werden in kürzester Zeit 200—300 friichgebackene Rabbiner in Böhmen haben, die nie eine Talmudschule besucht, nie in eine Gemara Ein eigenthümlich gemischtes Befühl bewegte die drei Personen, ein Gefühl, das eine Ueberrafchung erwarten lässt. ES dauerte nicht lauge, da sollte sich das, was die Seelen bewegte, erfüllen. Sara unterbrach die eingetreteue Stille, indem sie aufsprang und mit dem Ausrufe .mein Gott!' zur Thür eilen wollte, doch, wie fasiuugslos, stehen blieb und ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckte. ״Was ist Dir geschehen, was fehlt Dir?" fragten ängstlich Mutter und Bruder, vor Schrecken starr. Beider Unruhe und Ungewissheit währte nur einige Momente; denn der Vater, der inzwischen erwacht war, wies mit der Hand nach der Thür und sagte ruhig aber bestimmt: ,Da steht unser Neffe Simon, wenn mich nicht meine alten Augen täuschen.' Alle Blicke richteten sich auf den rüstigen, vollbärtigen Mann, deffen ritterliche Erscheinung durch den weiten Mantel, den er leicht um feine Schultern gehängt hatte, gehoben wurde. Simon trat rasch in das halbdunkle Zimmer, warf den Mantel zu Boden,!rückte den beiden Alten zärtlich die Hände und sagte mit bewegtem Tone: ״Ich bin ein später Gast, der, wenn ich nicht irre, Schrecken iu's Haus gebracht hat. Ihnen besonders, mein verehrtes Fräulein und Cousinchen, scheine ich Furcht einzufloßen. Sollte ich mich so gewaltig verändert haben, dass mein Aussehen schon Angst hervorrief?" fuhr Simon fort, einen forschenden Blick auf Sara richtend, vor welchen sie die Augen Niederschlagen musste. — pZa, ich wollte Euch überraschen, ich wollte am liebsten uugesehen an diesem stillen, gcmüthlichen Leben, das in diesem Hanse herrschen muß, theilnehmen, sobald deffen Bewohner noch die lieben, guten Menschen geblieben sind, Menschen die mich im Geiste aufrecht erhielten, die mich begleiteten auf den Dornenpfaden des viel gepriesenen aristokratischen Lebens. Heine hatte Recht, wenn er die satyrische Fuchtel über diese Heucheleien, die man so oft in den Sälen antrifft, schwang: .Hände küssen, Hüte rücken, Kniee beugen, Häupter bücken: Kinddas ist nur Gaukelei, denn das Her; denkt nichts dabei.' ,Ich fühle die Kraft, mich über diese klägliche Etikette hinauszuschwingen und den Standpunkt der Anständigkeit und der Mannesehre zu wahren. Wohl mehrere Minuten konnte ich Euer trauliches Beisammensein beobachten, ich sah Dich, Sara, mein Blick muß Dich getroffen haben, ich konnte meinen Gefühlen und Empfindungen nicht länger Einhalt gebieten, ich musste Euch heute noch sprechen, wenigstens ein ,Gut' Woch'' wünschen, wie ich es früher aus vollem Herzen so gerne sprach. Für heute babe ich meinen Besuch länger, als es in meiner Absicht lag, ausgedehnt, ich halte mich einige Wochen in der nahen Stadt Bauf und werde mir erlauben, Euch zeitweise mit meinem Besuche zu behelligen.' Vergebens waren die Bitten Aller, doch wenigstens die Nacht bei ihnen zuzubriugen. Simon drückte seinen Verwandten warm die Hand und entfernte sich, ohne ein Wort zu sprechen; denn es kostete ihn viel Ueberwindung, seine Aufregung zu bemeisteru. ' (Fortsetzung folgt.)