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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-07-01 · Heft 19 (1.7.1890) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 19 (1.7.1890)
Date
1890-07-01
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
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oder in ein anderes hebräisches Werk geblickt, sondern blos in der Jugend beim ״Lehrer' in der Volksschule oder ,Cheder' ein Stückchen Chumesch gelernt haben. Diese .Znkunftsrabbiner' aber werden nicht nur Rabbiner, Lübrer, Vorbeter und Schamosim, sondern auch die Todtengräber des in religiöser Agonie darniederliegenden Judenthnms in Böhmen sein. Was wird aber mit den schönen, prachtvollen, imposanten Tempeln, die seit vier Decennien Hierlands erbaut wurden und jetzt schon äußerst selten von ,Betenden' besucht werden, geschehen? Werden sie,Synagogen bleiben oder ihrer an der Vorderseite tragenden Inschrist zufolge. .Bethaus für alle Völker' genannt werden? — Jomim jedaberu. Kleine Chronik. Wien. In voriger Nummer konnten wir nur eine kurze Notiz über die am 18. Juni stattgehabte Enthüllung des Mendelssohn- Deukmales veröffentlichen, heute jedoch sind wir in der Lage in Ergänzung des ersten Berichtes die hochbedeutsame Festrede, gehalten von Professor Dr. Adolf Lasso» aus Berlin, im Auszuge wiederzugebcn. Der Redner sagte unter Anderm: ,Ein einfacher Mann, hochgeschätzt als Schriftsteller in deutscher Sprache, als Vertreter deutschen Gedankens, soll in körperlicher Gestalt vor unseren leiblichen Augen erstehen, wie sein geistiges Bild ans ferner Zeit herüberragend in der Erinnerung der Nachwelt sich lebendig erhalten hat. Und doch, das Band, das die Feier dieses Tages mit den jüngsten herrlichen Erinnerungen unseres Volkes verknüpft, lässt sich wohl Nachweisen. Große kriegerische, siaatsbildende, gesetzgeberische Thaten und Erfolge, wie die des deutschen Volkes in den letzten Jahrzehnten, sind nicht ein Erzeugnis des Glückes, des Zufalls oder des Genies einzelner Männer; sie sind die reife Frucht der gewonnenen Culturhöhe und weisen zurück auf die geräuschlose, geduldige, andauernde Arbeit vieler bevorzugter Geister, die sittliche, geistige Kräfte geweckt und genährt und den Boden bereitet haben, in dem die staatliche Größe und der Nachdruck der Selbstbehauptung der Nation unter den Nationen allein zu wurzeln vermag . . . Wem noch die späte Nachwelt die Ehren eines Monnmentes gönnt, der ist eine monumentale Persönlichkeit gewesen, und seine Gestalt ist eine typische, seine Bedeutung eine historische geworden, die den Wechsel der Zeilen überdauert. Moses, des Tbora- > Rollen-Schreiber Mendel von Dessau Sohn, ist in diesem Sinne ein ' Typus. Er vertritt in seiner Person etwas allgemein Menschliches, dem! unser Herz entgegenschlägt, welches Stammes und Geschlechies wir auch sein mögen. Er vertritt eine Epoche, die in dem Entwicklungsgänge des deutschen Volkes von der entscheidendsten Wicktigkeit gewesen ist. Er vertritt die auistrebende Cultnrmacht des deutschen G iftes, die .auch das spröde Widerstrebende siegreich in ihre Kreise zu ziehen vermag. Er vertritt das Alles um so mächtiger, als er selber, arm und niedrig von Geburt, schwächlich und gebrechlich von Körper, ausgestaitel wohl mit scharf eindringender, aber nicht mit glanzvoll hinreißender Geisteskraft, in mühsam anedanerndem Ringen aus dem Schooße einer lange mißhandelten, vom Antheile am Geistesleben der Nation ansgeschlossenen Gemeinschaft sich zu lichten Höhen edelster Bildung vorbildlich hindnrchgearbeitet hat °. . . Sodann erinnerte der Redner, wie dem armen jüdischen Jüngling, der seinem Lehrer in die Hauptstadt uachgewanderl war, mitten im heißen Durst nach allen Bildxngsgnellen der Nation Lessing's Genius begegnet zu gemeinsamem Ringen und Schaffen, und wie die sokratischen Elemente seines Wesens, seine gefasste Weisheit und überlegte Mäßigung, seine stille Andacht und sein autodidaktischer Eifer musterhaft wirkten auf Viele, denen er Meister war der spät erlernten deutschen Sprache, Pfleger der Leibnitz'seben Gedanken, die er die deutsche Philosophie nannte und in der er die Begabung seiner deutschen Landsleute charaktervoll ausgeprägt fand. Den deutschen Zug in Moses Mendelssohn hob Lasso» ganz besonders Hervor. Er citirle Mose» Klageruf: ,Werden beim die Dem scheu niemals ihren eigenen Werth erkennen? Wollen sie ewig ihr Gold für das Flittergold ihrer Nachbarn vertauschen?' . . . Redner schloss mit den Worten: Indem dieser edle Geist mitten aus einer Stammes- und Glaubensgemeinschaft heraus, auf deren Geistesschwingen nach seinem Ausdrucke die bürgerliche Unterdrückung wie eine todte Last fag, die sie unfähig machte, den hohen Flug des Freigeborenen jemals zu versuchen, sich zu reger und fruchtbarer Mitarbeit an dem Cnlturleben der Nation durchrang, hat er in diese Gemeinschaft einen Antrieb gepflanzt, ihm nachzuahmen, nnd hat Viele mit sich fortgerissen. Er hat so eine Bewegung angebahnt, die trennende Schranken niederwarf, gegenseitigen Groll versöhnte und abseits Stehende in die große Strömung des nationalen Lebens hineinzog. Aus seinem eigenen Geschlechte sind ihm edle Männer und Frauen entsprossen, die deutschen Geist ehrenvoll vertreten, und einer der erlesensten Lieblinge der deutschen Nation, der gottbegnadete Sänger des ,Paulus' und des .Elias", trägt feinen Namen. Er hat für Denkfreiheit und Glaubensfreiheit mir Eifer und Erfolg gestritten, er selbst ein Muster weiser Mäßigung und Billigkeit des llriheils bei fester Ueberzeugungstrene. So soll das Andenken Moses Mendelssohn's im Segen unter den Deutschen fortleben. Von dieser Stätte aus, die seine Heimat war und die durch Las hier ihm gewidmete Denkmal sich zu pietätvoller Verehrung für den hoch gesinnten Mann bekennt, mag sein Ruf hinaustönen in alle Fluren des weiten, herrlich.׳» deutschen Vaterlandes: ,.Liebet die Wahrheit! Liebet den Frieden!" Wie», 20. Juni. (Regelung der äußeren Nechtsverhältniße der israelitischen Religions Genossenschaft.) In weiterer Durchführung des Gesetzes, betreffend die Regelung der äußeren Nechtsverhältniße der israelitischen Religions-Genossenschart, wurden die Vorstände der Gemeinden aufgefordert, an die politische Bezirksbehörde zu berichten: Wie viele Familien israelitischer Confessio» sich dermalen in der Gemeinde befinden, welchen Namen Las Familienoberhaupt führt und ans wie vielen in der Gemeinde ansässigen Kövfen die betreffenden Familien bestehen; ferner, welcher Cnltusgemeinde diese Familien bisher angehörten und mit welchen Beiträgen selbe für die Erforderniße ihrer Cnltusgemeinde herangezogen wurden. Bei den Familienhäuptern ist ein Protokoll aufzunehmen, dahingehend, welcher bestehenden oder neu zu errichtenden Cnltusgemeinde selbe zugewiesen zu werden wünschen, wobei darauf aufmerksam zu machen ist, dass die in Gemäßheit des Gesetzes vom 21. März 1890 zu errichtenden Cultusgelneinden, beziehungsweise deren Sprengel, im unterstehenden Bezirke gelegen fein sollen, nnd einerseits nicht allzu ausgedehnt sein dürfen, andererseits doch die Garantie bieten müssen, dass die zu errichtenden Cuitus» gemeinden bezüglich ihrer Seelenzahl hinreichende Mittel zu bieten im Stande sind, um den Bestand und die Erhaltung der nothizen gottesdienstlichen Anstalten nnd Einrichtungen, die Erhaltung der Religionsdiener und die Ertheilnng des geregelten Religionsunterrichtes zu sichern. Ferner haben dieselben Anträge hinsichtlich der künftigen Gestaltnng der Cnltusgemeindesprengel zu stellen. Wiskolcz. Während seines hiesigen Aufenthaltes, der mit der Erbauung einer neuen Artillerie-Kaserne in Zusammenhang stand, erklärte der Divisionär Feldmarschall-Lieurenanr Baron Albori, dass es eine der vornehmsten Aufgaben höherer militärischer Würdenträger sein müsse, für die Förderung der Interessen jenei Stadt nnd jener Bevölkerung zu sorgen, in deren Mitte man wohne und lebe. Des Weiteren äußerte Baion Albori in kräftigen Worten seinen Nnmuth über gewisse, bedauerlicherweise auch in der Provinz wahrnehmbare consessionelle Gegensätze. ,Ich kann nickt begreifen', sagte der General, ,dass ans socialem Gebiete andere Momente als die des sittlichen Werthes und der intellectnellen Qnalisi ation von entscheidendem E:nflnß sein können. Meine lleberzengnng mar immer die, dass derjenige, der Antisemit ist, sich vom Boden des Rechtes nnd der Gerechtigkeit vollständig entferne. Ich meine!seits sorge unausgesetzt dafür, dass in jenen Kreisen, aus die ich Einfluß habe und wo mein Wort Beachtung findet, solche verderbliche Theorien nie Eingang finden, nnd wenn sie sich schon irgendwo einnifteten. mit der Wurzel anSgemerzt werden. Denn diese Lehren collidiren mit den Elementar-B griffen menschlichen VerstaudeS und menschlichen Nechrlichkeitgesühls.' Merlin, 23. Juni. Herr Rabb. Dr. Stier ans Sreiuamanger bat am gestrigen Sabbatd in der alten Synagoge gepredigt. Der l Vorstand hatte demselben das Thema: ״R.ligion und Wissenschaft" zur Bearbeitung gestellt und wir können wohl sagen, dass derselbe dieses, allerdings schon oft in Predigtsamminngen behandelte Thema zur Zufriedenheit der zahlreichen Zuhörer behandelt hat und dürfte er wahrscheinlich gewählt werden. Trotzdem wird aber am nächsten Sonnabend doch noch der andere ungarische Candivat, Herr Dr. Reumann ans Gr.-Kanisza, in der neuen Synagoge predigen. (Magd. Wochenschr.)

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