Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 19 (1.7.1890)
- Date
- 1890-07-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/1304829-3453172-3453191--2898-3457196- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-banungsbedürfnißes verdanken, und wäre daher die gänzliche I ׳Entfernung jener Weisen aus der Synagoge eine bcdauernswerthe Beeinträchtigung der gottesdienstlichen Zwecke. Zum Heil und Segen unseres Gottesdienstes aber haben mit der umfassenden Reduction unserer Gebetsbücher auch die Improvisaden beträchtlich abgenommen, die Rückkehr zu den den Kirchentonarten entstammenden Intonationen, welche vollständig ausreichen, um dem jüdischen Gottesdienst seinen Charakter zu wahren, bat in manchen Synagogen bereits begonnen, und die Vorbeter sind von der Nothwendigkeit befreit, die alten c.lassischen Weisen wie Themate zu variiren und zu fortgesetzten Erweiterungen zu mißbrauchen. Ueber die jüngste, die ,dritte Gruppe' unseres Ritualgesanges, kann ich mich kurz fassen. Sie ist vollständig aus unserem modernen Tonsystem und den herrschenden Harmonie- Gesetzen hervorgegangen. Sie ist in einer erfreulich vielverheißenden Entwickelung begriffen und ringt vorläufig noch mit mannigfachen Schwierigkeiten, die ihr die Sprachgeseye und Formen der Liturgie wie deren auf einer altgläubigen religiösen Anschaumig basirender Inhalt entgegenstellen. Wer Näheres darüber erfahren will, der studiere jene ausgezeichnete Artikel-Serie, welche in der ,österr.-ung. Cantoren-Zei'ung' unter dem Titel ,Ueber die Entwickelung des Synagogengesanges' erscheint. Herr Obercantor Singer in Wien unterzieht darin unsere seit einem Jahrhundert enstandene rituelle Musik einer gründlichen Prüfung und Beurtheilnng. Der verehrte College führt die kritische ' Beleuchtung eines vom allgemeinen Musikleben noch abseits liegenden Stoffes, welche mau sonst nur schüchten an die Oeffentlichkeit zu bringen wagt, ebenso muthig wie gewandt in die Litteratnr ein und geht mit gereiftem Urtbeil und geübtem Blick, mit klarem Erfassen und liebevoller Behandlung seines Gegenstandes allen Erscheinungen auf synagogal-musikalischem Gebiete unbefangen und unermüdlich nach. Meine Collegen werden in diesen Arbeiten Anregung und Belehrung nicht vergeblich aufsuchen. Der Znkunstsralibiner. Unter obigem Titel veröffentlichte die .Neuzeit* jüngst eine Correspondenz aus Prag, die für die Leser unseres BlatteS ein doppeltes Jntereffe haben dürste. Einerseits behandelt eine gerade jetzt actuelle Frage und andererseils mag sie auch einigen Aufschluß geben über den unerwarteten Abgang eines geachteten Collegen von seinem langjährigen Posten. Wir wurden von befreundeter Seite zur Neprodnction dieser Correspondenz be» sonders angegangen, indem gleichzeitig im Anschluss an dieselbe eine Serie von Artikeln diesbezüglich in Aussicht gestellt wurde. Also hören wir den Corrcspondenten: ,Neulich begegnete mir hier in der Hauptstadt des Landes, in dem goldenen Prag, wie es die Herren Tschechen nennen, ein alter Freund, den ich schon jahrelang nicht gesehen. Nachdem wir uns gegenseitig herzlichst begrüßt, sagte er: Ich muß Ihnen, der Sie sich doch in früherer Zeit mit jüdischen Gemeindeangelegenheiten eisrigft befasst und daher gewiss heute noch ein warmes Herz für das Judentbum baden, eine nichr uninteressante Neuigkeit ans Ihrer ehemaligen Gemeinde N . . . mittheiten. Der Obercantor N. sah sich, nachdem er 18 Jahre lang das Cantorar in dieser Gemeinde ehrenvoll bekleidete, genöthizt, zu resignieren, obwohl er noch keinen anderen Posten bar. ,Ist es möglich?' rief ich verwundert aus. — .Gewiss', cntgegnete jener, und fügte hinzu: ,Hören und staunen Sie! Als vor ungefähr zwei Jahren das Nabbinat in N. vacant geworden, beschloss die Gemeinde, es nie wieder zu besetzen, und zwar nicht ans ökonomischen Rücksichten — denn sie ist noch immer eine ,chr wohlhabende Gemeinde, die reiche Fabrikanten, Millionäre zu ihren Mitgliedern zählt — sondern aus Mangel an religiösem Bedürfnis. Wozu soll uns ein Rabbiner? sagten sie. Auf die Predigt, die nur geeignet ist, uns zu langweilen und den Gottesdienst zu verlängern, verzichten wir mit Vergnügen; rituelle Fragen zu entscheiden gibt es'hier nicht, die Cultusangelegenheiten werden vom Cultnsvorstande geleitet, die Matriken sind in Händen eines Privatmannes, wozu also ein Rabbiner? gebildet sein Wollenden machten ihm die Stellung als Chordirigeur unerträglich. Er verlor die Lust, weiter als nothwendiges Nebel den den Launen Einzelner zu dienen, und bezog die Hochschule der Musik. Nach emsigen, erfolgreichen Studien zog er fort, fort in die weite Welt.- Es sollte so geschehen, ganz bestimmt, aber immer war er mir ein unerklärliches Etwas, bald wollte er im Lande bleiben, wieder bemächtigte sich seiner eine Unruhe, als thue er etwas, dc^ ׳.r -acht verantworten könne, ich jwar ja noch zu jung, um eine solche große J Seele zu verstehen. Er war nicht mehr der heitere Gemüthsmcnscb, war wie nervös, wechselte oft ohne äußere Veranlassung die Farbe, war zerstreut, und kam er in den Ferien, um seinen Besuch zu machen, so gab er vor, seine Beschäftigung habe ihn so erregt, man möge Nachsicht mit ihm haben, wenn seine Stimmung so ungleich. Stundenlang saß er am Clavler. spielte, schrieb und ließ lose Blätter liegen. Er war wie nmzewandelt.' ,Es ist bester für ihn, dass er fort ist, er wird vergessen lernen all' den Schmerz, der fein Herz zerwühlte' — ergänzte traurig Sara. , Irgend etwas geht in ihm vor, das er zu überwinden sucht; hoffen wir, dass er beruhigt wiederkehrt.' ,Wie unendlich froh wäre ich, ihn wieder zu sehen, ihn den herrlichen Menschen mit solch' großartigen Gesinnungen, der gewiss schon als Künstler die Herzen Aller, die ihn hören, im Sturm erobert hat. Ob er wohl uns ein freundliches Andenken bewahrt hat?' Frau Leberecht hätte ihren Herzensergüssen noch weiteren Lauf gelassen, wenn sie nicht von dem Gatten gehemmt worden wären. ,Du bist eine billig und gerecht denkende Frau', spottete der Vater, ,Du versiehst die Herzen der Menschen zu ergründen. Du zweifelst doch nicht daran, dass mir kein Wort Deiner Lobrede entgangen ist. Wahrlich, ich schäme mich vor unseren Freunden, wenn ׳ch von ihnen gefragt werde, ob unser Ncffe Simon noch nichr geschrieben und ich nur ein Achselzucken zru Antwort habe.' Während dieses Gespräches schaute Sara sinnend in die Nacht hinaus, obgleich sie j-deS Wort der regen Unterhaltung in sich ansnahm. Der Alte hatte sich in seinen Lehnstuhl gelehnt und versank in einen süßen Schlummer. Auf ihn sielen die malten Strahlen der Kerzen, die seinem sonst so strengen Antlitze einen Schein von Milde verliehen. ,Der Vater schläft, es ist wohl schon spät?" fragte die Mntter. ״Es schlägt soeben 12 Uhr," antwortete der Sohn. ,Zwölf Uhr schon', wiederholte Frau Zettel, indem sie auf ihren, noch immer schlafenden Gatten blickte. Plötzlich schnellte sie von ihrem Sitze ans und rief: ,Habt ihr nicht ein Pochen an der Thür vernommen?' ,Glaubst Dn wirklich etwas gehört zu haben?* begann Moritz, indem er Miene machte, nach der Thür zu eilen. ,.O, mein Gehör hat mich gewiss wieder getäuscht, bleibe nur sitzen, mein Sohn!"