Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 19 (1.7.1890)
- Date
- 1890-07-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
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Die zweite Gruppe unserer Ritualgesänge bedarf und verdient keine detaillirte Besprechung. Sie entstand warscheinlich erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts, jener Epoche, welche den Uebcrgang der Musik uns den Kirchentonarten in unser modernes Tonsystcm destnitiv vollzog. Dass die mündliche Tradition uns die ursprüngliche Fassung der alten Intonationen nicht rein erhalten hat, wer könnte es bezweifeln? Mit der allmählichen Entwickelung unserer Liturgie und der Verlängerung selbst der Pflichtgebete waren die kurzgefassten Melodienformeln viel zu knapp geworden, um die recitirenden Norbeter nicht zur entsprechenden Erweiterung der Intonationen zu veranlassen und gestützt auf den alten Grundlagen neue Formeln aus den gegebcnen zu entwickeln. Aber eben so zweifellos ist es, dass die mündliche Tradition es nicht vermochte, alle den Kirchentonarten entstammenden Intonationen von Geschlecht zu Geschlecht zu erhalten, dass sie bedeutende Lücken aufweist, welche jede^ Vorbeter nach eigenem Belieben ergänzt. Za, der Umstand, dass so viele in Form und Inhalt verschiedene und für verschiedene Festtage bestimmte Gebettexte in einer und derselben Weise intonirt werden — man sehe No. 287. welche mit den Nummern 295, 368, 436, 437, oder 370, welche mit den Nummern 380, 382 übereinstimmt, man vergleiche auch die ,Anmerkung׳' zur Vorbeterschule — kann seine Erklärung nur darin finden, dass eine beträchtliche Anzahl von Originalmelodien vergessen wurde, die Erfindungskraft zu Neuscköpsnugen durch der Zeiten Ungunst erlahmte, und daher der.Nothbehelf, Gebetstücke, welche nichts Gemeinsames haben, mit gemeinschaftlichen Melodien zu intoniren. Der schädliche Einfluss eines solchen Verfahrens ans unsern Nitnalgesang konnte nicht auskleibeu. Hatte man sich einmal gewöhnt, heterogene Gebetstücke in gleichen Weisen zu intoniren, so musste der Sinn für den geistigen Gehalt einer Melodie, für . die ihr zu Grunde liegende GemüthSstimmung und ihren geistigen Zusammenhang mit dem D.xte allmählrg schwinden, schwinden bis zn dem Grade, dass man schliesslich die hehrsten Gebeistücke anstandslos mit profanen und trivialen Melodien versehen konnte. Dazu kam noch, dass der religiöse Eifer unserer Liturgen und frommen Dichter unsere Gebetbücher zu Folianten anschwellen ließ, die musikalische Schaffenskraft, längst entartet und im Verfall, war unfähig, dem Fluge der Dichtkunst zn folgen, da suchten wahrscheinlich unsere Synagogensänger nach einem neuen Ausdrucksmittel und glaubten, es in der Ausübung und Anwendung einer lediglich die Kehlfertigkeit bekundenden Virtuosität zu flnden. Da mochten denn jene Erzengniße entstanden sein, in welchen sie einander überboten und eine Hochfluih fantastischer und bizarrer Erscheinungen hervortrieben, welche nicht allein an sich die Würde des Gottesdienstes beeinträchtigten, sondern auch die ererbten classischen Tonbilder mit ihrem Bombast verfälschten und verdunkelten. Es waren eben jene zahllosen improvisirten Produkte, welche-es zwar weder zu fertigen allgemein acceptirten Formen bringen, noch eine typische Bedeutung für bestimmte Festlage erlangen konnten, gleichwohl aber nicht verfehlten, unserem Gottesdienste einen seltsam unruhigen und bunten Styl zu iusinuiren, der sich zu einer herrschenden Darstellungsform entwickelte und die Degenerirung unseres Nitnalgesangss vollenden half. Aus dieser Schilderung wird man leicht diejenigen Sangesweisen herausflnden. die ich unter der Bezeichnung ,zweite Gruppe' zusammenfasse. Zu ihr gehören die aus dem modernen System construirten, häuflg trivialen immer bunten Tonphrasen und Melodien, zu ihnen gehören auch diejenigen Melodien, welche weder mit dem alten noch mit dem modernen Tonsystem überein!rimmen, sondern aus jener sogenannten phrygischen Tonart mit leitereigener großer Terz, die oben bereits besprochen wurde, entstammen. Als Typus dieser sicherlich unter slavischem Einfluß entstandenen Weise kann füglich die Nummer 117 gelten. Selbstverständlich kann unser Gottesdienst in der Gegenwart auch diese Sangesweisen nicht entbehren.-Einmal ist die moderne geistlich-musikalische AusdrückSweise vielen unserer Eantoren noch völlig fremd, und andererseits stehen unsere Glaubensgenossen noch unter dem Eindruck jener hergebrachten musikalischen Formen, denen sie so lange die Befriedigung ihres Andachts- und Er- Ein Knnstlerlklikn Erzählung von M. Tiuluer, Cautor und Lehrer in Nunzlau, Preußisch-Schlesien. (Nachdruck verboten.) (1. Fortsetzung.) Doch die Geschwister schienen sich zu bedenken, dann sagte Moritz: .Sara, willst Du wich am Clavier begleite»?"' Wie träumend legte er seine Geige an, und eine wehmüthige Weise entquoll dem kleinen Instrumente, das so herrliche, reine Töne wiedergeben konnte. Mehrere Minuten hatten sie bereits gespielt, sauft und zart erklang die Einleitung, da begann ein Duett, ein ״Sim Scholom“ mit Begleitung, Anfangs mit dem leisesten Piano, dann immer kräftiger, bis die Stimmen in ein musikalisches Flüstern übergiengen, bis sich am Ende des Schlusssatzes: ,O, lass eS Dir, o Gott, wohlgefällig sein, zu segnen Dein Volk Israel zu jeder Zeit und Stunde mit Deinem Frieden" die Seelen Aller zusammenfänden. Beendet war Gesang und Spiel, Schweigen und fromme Betrachtung erfasste Alle. .Eine herrliche Compositio», begann endlich die Mutter', darin liegt und klingt ein gläubiges Gemüih, ein kindliches Herz. Wie muß sich mein Bruder droben im ״Gan Eden“ freuen, einen Sohn hinterlasse» zu haben, der so herrliche Melodien mit, so sinniger Harmonie schuf. Es ist allerdings kein Wunder, der Selige war ja auch ein mit einer seltenen Stimme begabter Säuger und ein tieffühlender Componist. Mögen die bösen Zungen nur immer lästern, mögen sie sagen, dieser Neffe sei mit sich, mit Gott und der Welt zerfallen, das glaube, wer da wolle, aber ich kann dem Gerede unmöglich Gehör schenken; denn wer solche Musik erfinden kann, der muß ein frommes Herz besitzen, wie könnte er sonst die Herzen Anderer rühren und ergreifen? Die Herren Antisemiten müssten unser Gebet erst verstehen und unsere Kinder singen und spielen hören, sie würden mit uns die Hände zum lieben Gott emporheben und beten: 8״im Scholom“. Gib uns, o Herr, erst unseren, inneren Frieden wieder, wir wollen gern daun Scholom“ mit unseren jüdischen Mitbrüdern halten. Zn der Musik zeigt der Mensch, ob , er Religion hat oder nicht. Das Verklingen des Sinnlichen in's Uiiübersinuliche zeigt eben so deutlich Musik als Religion, je mehr es uns das Gefühl gibt, als ob in uns die heiligsten Erinnerungen der Kindheit oder die Hoffnungen, au deren Erfüllung wir schon längst nicht mehr geglaubt, die wir gleichsam in unser wundes Herz eingesargt hatten, wieder wach werden sollten. Nicht jede Musik dringt in die Seele!' .Wo der Tnue wohl weilen mag?' fügte die gute Frau nach einer längeren Panse, hinzu. .Der wird gewiss nach Amerika ausgeivandert sein', antwortete Moritz, einen leisen Seufzer unterdrückend. ,Wenn er-auch in Mähren sein Auskommen gefunden hatte, so war dennoch sein Geist, sein Streben beengt. Die Indifferenz in unseren Gemeinden, die Hinderniße, die ihm in den Weg gelegt wurden, und die Vornrtheile von den