Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 19 (1.7.1890)
- Date
- 1890-07-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
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3 Odessa ein neuer Prachttempel, die sogenannte Stadtsynagoge, wohin Abrass berufen wurde. Abrass folgte diesem Nnfe und wirkte in dieser Synage als Obercantor bis zum Jahre 1884 ununterbrochen durch 25 Iabre segensreich und unter allgemeiner Anerkennung. Schon in Lemberg componirte Abrass mebrstimmige Gesänge für die Synagoge; bier in Odessa vervollkommnete er diese Sammlung und oerössentlichie dieselbe in einem stattlichen Bande unter dem Titel ״Simmt Joh.“ (Fortsetzung folgt.) Der RituillgeslNlg der Synagoge. (Schluss.) Wenden wir uns zu den Intonationen 22 bis incl. 25, so finden wir wieder eine Construetion, die von unserem, modernen System wesentlich abweicht. Ihr gemeinschaftlicher Finaltou, also ihr Grundton. ist Gr. Die beiden kleinen Sccunden liegen von 1—2 und 5—6, Tonfolgen, die uns allein auf die nach 0trank-pouirte phrygische Tonart Hinweisen. Zrrthümlicher Weise hat man, durch einige Wendungen dieser Melodien nach C־moll verleitet, sie für aeolische gehalten. Dem widerspricht zunächst ihr Finalton; ferner der Umstand, dass die jonische Tonart E8 prädominirt— bekannt sind ja die engen verwandtschastlichen Beziehungen der phrygischen zur jonischen Tonart — und überdies widersprich! der ganze Charakter der Melodie dem trüben und wehmüthigen Acoiischen. Bestimmter und augenfälliger treten die Charakteristica der phrygischen Tonart in den Nummern 240, 255 und 256 hervor, welche in E-phrygisch aufgezeichnet sind, und zu diesen diesen gehört auch Nr. 311, welche in E-phrygisch sixirt ist. Diese Erörterung führt mich zu einem näheren Eingehen aus eine Tonart in unserem Nitnalgesang, welche sowohl von alten wie von modernen Tonleitern frappant abweicht, Kraft einer gewissen Aehulichkeit aber mit der phrygischen Tonart, den Gebrauch derselben eingeschränkt, ja fast verdrängt hat. Man prüfe einmal die Nr. 91, 93 118. — Ich beschränke mich wieder auf diese wenigen Beispiele, die in's Maßlose vermehrt werden können — diese Intonationen sind aus der Tonleiter: E, E, gis A, H, C, D, E bervorgegangen. Ihr Grnndton ist E und die Stufen 1—2, 5 — 6 bilden die beiden kleinen Secundeu, welche Merkmale der phrygischen Tonart sind. Man hat diese Tonleiter als eine besondere und sogar grund- und beweislos als die älteste von der Synagoge ursprünglich festgesetzte erklären wollen; da aber, wie wir noch sehen werden, die sämmtlichen Kirchentonarten die gemeinschaftlichen Quellen waren, aus welchen die Synagoge sowohl wie die Kirche eine große Zahl ihrer Melodien schöpfte, und wir überdies auch Intonationen bereits kennen lernten, weiche aus der reinen, d. h. diatonischphrygischen Tonleiter construirt sind, so liegt die Vermuthung nahe, dass die erhöhte Terz aus demselben Wege wie die anderen fingirten Töne, sich als Hilfston gelegentlich in die phrygische Tonart enigeschlicheu, allmählich die Bedeutung eines ModulationS- Ions behufs Ueberleitung nach dem Aeolischen erlangt und schließlich irrthümlicher Weise von unfern Sängern als leitereigner Ton behandelt wurde. Ein Jrrthum, der noch in dem Umstande eine Stütze fand, dass die mehrstimmig gesetzten Kirchengesänge und Choräle in der phrygischen Tonart mir dem Euv-Dreiklang zu schließen pflegten. Es ist leicht einzusehen, wie sehr dieses Verfahren die reine phrygische Tonart in Wirksamkeit hindern und beschränken musste. Es ist bereits auf die engen Beziehungen der phrygischen zur jonischen Tonart aufmerksam gemacht worden, und in der That leben wir in den vorgeführten rein phrygischen Melodien jonische Wendungen vorherrschen, während die erhöhte Terz doch nur die Verbindung mit dem Aeolischen gestattet und jene Wendungen vollständig ausichließt, bis sie auf ibre natürliche Stufe zurückgekebrt und das phrygische wieder bergesteilt ist. — So viel zur Würdigung der Behauptung, dass die E-Tonart mit großer Terz eine ursprünglich syuagogale und daher jede kleine Terz in der auf Meier Tonart E basirenden Intonation zu eliminiren sei. Die Nummern 283, 286, 336 entstammen fraglos der lydischen Tonart, ihr Cbarakieristicum ist der Trilonus und die beiden kleinen Sekunden 4—5, 7—8. — Diese Tonart erscheint in unserem liturgischen Gesang nur selten, und es verdient erwähnt zu werden, dass sie auch im Kirchengesang schon in ältester Zeit zu keiner rechten Geltung gelangen konnte und, wie schon bemerkt, durch die Verwandlung des 8 in B zum jonischen umgebildet wurde. Endlich erweisen sich die in 0 ausgezeichneten Melodien Nr. 10 und 11 durch die große Terz und die kleine Septime als mixolydische, wie auch die in D fixirte 19, welche zum Schluss auf demselben Grudton in E-aeolisch ausklingt, ferner 402 — im vierten Takt ist im zweiten Viertel Es zu lesen —> 403, 409 und noch andere die untrüglichen Merkmale der mixolydischen Tonart aufweisen. Uebertragen wir schließlich diese Untersuchungen auf die letzten 5 Nummern der Vorbeterschule, in welchen die bei den gottesdienstlichen Vorlesungen aus der heiligen Schrift gebräuchlichen Cautillationen (Negmot) dargestellt sind, so sinden wir zwar zur Festellnng ihrer Tonarten keinen zuverlässigen Anhalt, denn wir begegnen hier nur kurzgefassten Tropen, die in ihren mannigfachen Verbindungen und vielgestaltigen Gruppen eines eigentlich musikalischen Zusammenhanges entbehren; dennoch aber wird man bei näherem Zusehen gewahr, dass sie in ihrem Charakter wesentlich verschieden und aus verschiedenen Tonleitern construirt sind und zwar: 489 aus E-aeolisch, 490 aus E׳phrygisch, 491 aus E-jonisch, 492 aus E-dorisch, 493 aus O-aeolisch. Hiermit glaube ich diese Erörterungen schließen zu dürfen, deren einziger Zweck darin besteht, meinen College!! nachzuweisen, dass viele unserer traditionellen Melodien auf den Kirchentonarten basiren.nud sie in den Stand zu setzen, Melodien alten Styls von denen unseres neuen Systems anf Grund der in ihnen hervortretenden Kennzeichen zu unterscheiden. Diese auf den Kirchen!onarteu basirenden Melodien btlden sicherlich die älteste Gruppe des beutigeu Bestandes unserer liturgischen Gesänge. Dess ist Zeuge ih.e schlichte Einfachheit und Würde; dess ist Zeuge der Umstand, dass sie unserem modernen System fremd, ganz allein auf die Kirchentonarten zurückgeführt werden können; und dess ist endlich Zeuge ihr typischer Charakter und ihre merk׳ würdige Verbreitung unter allen europäischen Juden, welche sie erlangt haben und welche, lediglich auf mündliche Ueberlieferung angewiesen, sich doch wohl erst im Verlaufe von Jahrhunderten vollziehen konnten. Wo nnd wann sie entstanden, lä!sr sich freilich nicht ergründen. Wahrscheinlich bediente sich die Synagoge — wie nach der Meinung mancher alter Schriftsteller auch die Kirche — des Jerusalemischen Tempelgesanges, aus welchem später unsere Sänger, je nach Temperament. Talent und Geschmack die uns überlieferten Formen entwickelten, denen bei aller Mannigfaltigfeit doch die gemeinschaftliche Physiognomie erhalten blieb, oder sie sind eine Neuschöpfunz nachgregorianischer Zeit, aufgebaut auf die allgemein angenommenen und mit allen Hilfsmitteln verbreiteten Kirchentonarten. - -.^״^-7--. ■# 1*rsr m