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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-06-21 · Heft 18 (21.6.1890) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 18 (21.6.1890)
Date
1890-06-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Schelm nicht zum Ehrenmanne — vielleicht aber der Ehrenmann zum Schelmen geworden!* Den Angriffen auf den Handel der Juden begegnet Nießer durch eine beredte Erörterung des Werthes des Handels, durch nachdrückliche Verwahrung gegen die Unterschiebung der Begriffe: ׳Betrug und Wucher, für den des Handels. Der Hausirhandel insbesondere fei weder absolut schädlich, noch speciell jüdisch, chennoch nehme man ihn zum Vorwand politischer Unterdrückung. Das einzige Verdienst bei den Inden, das man belohne, ist der .Reichthum. Für ihn habe man Adelserhebungen, Olden u. A. m., kein anderes Verdienst werde berücksichtigt, geistiges Streben weise man zurück, ohne ihm die Möglichkeit, sich geltend zu machen, zu gestatten, und doch mache man wiederum den Vorwurf, dass sie nur nach Neichlhum streben, verlange, dass sie sich den edlen, den geistigen Erwcrbsthätigkeiten zuwenden. Gewinnsucht, die man als dem Juden eigenthümlich verurtheile, zeige sich in eben so!hässlicher Geltalt bei Christen, jta&er jnicm mache ihre Religion nicht dafür verantwortlich, man gebe nickt vor, sie aus religiösen -Gründen nicht zu jeder bürgerlichen Thätigkeit zulassen zu ״können. Um den Juden die Emancipation vorzuenthalten, hat man sogar die d e u t s ch e N a t i o n a l i t ä t zu Hilfe gerufen. Nießer erwidert hierauf: Frankreich, Holland, England haben ein viel lebhafteres Nationalgefühl, demselben ist aber durch die Emanci- Pation der eingeborenen Juden kein Eintrag geschehen. Nirgends zeige sich die öffentliche Meinung den Juden entgegenstebend, wo die Gesetzgebung es den Juden nicht wehre, sie zu Gemeindeümtern, selbst den höchsten zu wählen, sei es mehrfach geschehen. Was sich uns aber entgegenstellt, ist das in tausend Formen wiederkehrende aristokratische Princip der Unterdrückung einer .Kraft zu Gunsten einer anderen. Nicht durch größere Brauchbarkeit und Befähigung, sondern durch den Zufall der Geburt, durch ein ganz willkürliches Privilegium. Diese Erörterungen über die Verhandlungen einer politischen Versammlung, auf die damals ganz Deutschland schaute, die als die Vorkämpferin für alle anderen galt, erregten großes Aufsehen. Die badischen Juden sorgten für ihre Verbreitung unter den Abgeordneten. Auch andere Schriften gediegener Männer, wie: Zöpfl, Epstein, Ladenburg unterstützten Nießer's Argumente mit ehrenwerthen. freisinnigen Leistungen. Eine Folge von Nießer's Kritik war. dass die Negierung die bereits getroffenen Einleitungen zur Berufung jüdischer Notabeln, wie die Kammer 183k beantragt hatte, gänzlich aufgab. Die badischen Juden Machten neue Anstrengungen, um ihre Emancipation bei den im Jahre 1833 wieder versammelten Kammern durchzusetzen und veranlassten Nießer, eine eigene Denkschrift ausznarbeiten, die eine Petition an die Kammer begleiten sollte. Sie erschien unter dem Titel: ״Denksch.ift an die hohe Badische Ständeversammlung, eingereicht von Badischen Bürgern israelitischer Religion zur Begründung ihrer Petition um völlige bürgerliche Gleichstellung, vom 30. Juli 1833.' Die erste Kammer beschloß, die Petition der Israeliten mit einer besonders angelegentlichen Empfehlung dem Staatsmiustierium zu übergeben. In der zweiten Kammer fanden sich zu den zwei Stimmen aus dem Jahre 1831, die für unbedingte Gleichstellung waren, noch vierzehn hinzu und bcantragten: Die eingezangene» Petitionen dem großberzoglichen Staatsministerium zu überweisen, um ein angemessenes durch Zeit und Gerechtigkeit gebotenes Gesetz über die Emancipation der Inden vorzubereiten. Gerbet war Berichterstatter der Minoritäts-Commission, Karl v. Notteck, der berühmte Geschichtsschreibcr hingegen, der der Majorität, und stellte den Antrag: Unter ausdrücklicher Erklärung ihres, den Gesinnungen und Beschlüssen der Kammer von 1831 gemäßen, fortwährenden Wunsches, die Emancipation der Israeliten möglichst bald realisirt zu sehen, so wie ihrer Hoffnung, dass dies Ziel auf dem durch jene Beschlüsse angedeuteten (Einberufung jüdischer Notabeln rc ) wenngleich bis jetzt von den Israeliten mißverstandenen und abgelehnten Weg — auf eine allseitige befriedigende Weise erreicht werden wird. Die Kammer trat Letzterem bei. Zn Rücksicht auf das Resultat ist der unmittelbare Erfolg freilich ein ungünstiger, indeß wenn man sich auf den rein menschlichen Standpunkt der Beobachtung stellt, kann man es immerhin als ein günstiges Ein Künstlerlelirn. Erzählung von 9)t. Tiut 11 e r, Cantor und Lehrer in Bunzlan, Preußisch-Schlesien. (Nachdruck verboten.) Motto: ״Nur wer die Sehnsucht kennt, Weiß, was ich leibe.“ Göthe. In düstern Nebel gehüllt lag das Städtchen K., die Straßen -waren finster; denn hier kannte man noch nicht die Wohlthat der Gaslaternen. Nur unten in der Gasse leuchteten-Flämmchen, gleich Irrlichtern^ aus den Fenstern der kleinen, weißgetünchten Häuser, und weit hinaus erklang das ״Elijahulied“. — Es war Sabbathausgang. Der biedere Ascher Leberecht, welcher seit vielen Jahren das ׳Amt des Synagogenvorstehers musterhaft verwaltete, trat eben in sein Zimmer ein und rief seinen Hausgenossen ein freundliches ,Gut' Woch'* zu. Seine Tochter Sara, die bereits die Tritte ihres Vaters vernommen hatte, zündete eiligst die Zieste der ,Schabbeslichter* an, -während die Mutter ihrem Gatten entgegenlief, ihm den Ueberzieher - abnahm und den Cylinderhut mit einem leichten Käppchen vertauschte. ,Wo ist denn Moritz?* frug Reb Ascher, um sich blickend, als er seinen Sohn vermisste. »Der Schwärmer streift gewiss herum in -seinen musikalischen- Träumereien versunken!* Nachdem das Eabdala gesprochen und die üblichen Ceremonien ^vollzogen waren, setzte sich der Alte in den gepolsterten Lehnstuhl, der dicht am Tische stand, aur welchem mehrere Folianten umherlagen. Er schlug einen derselben auf, blätterte darin, schob ihn fort und zog einen andern vor sich hin. Aber auch dieser schien ihn nicht zu befriedigen. Nachdem er ungeduldig mehrere Blätter aufgeschlagen hatte, stieß er das Buch wieder zurück, ließ den Kopf auf die aufgestützte Hand sinken und verfiel in ein tiefes Sinnen. Inzwischen trat der Sohn des Hauses in da» Zimmer. Er war ein schlanker Jüngling mit edlen Gesichtszügen. Seine dunkeln Augen blickten feurig in die Welt, sein langes, schwarzes Haar wallte in Locken auf seine Schultern herab. ,Was ist nur dem Vater, liebe Mutter?* fragte der Sohn im Flüsterton, ,er ist ja eingeschlafen.* So leise auch diese Worte gesprochen wurden, der Vater hatte sie dennoch vernommen. .Wundere Dich nicht,* sprach er, und erhob sich blitzschnell von seinem Sitze, ,Du machst mir Kummer und Herzeleid; ich wiederhole Dir zum letzten Male: Du wirft kein Chasan! Sieh' Dir Len Jammer in der Nähe an. überall herrscht Unzufriedenheit unter den Chasanim. Da ist es ihre schlechte Existenz, dort befehden sie sich untereinander. Die hohe Regierung will den Olrasan nicht als geistlichen Funktionär anerkennen, der Rabbiner ihn am liebsten zum Schames oder Schnellgabbe degradieren, die meisten Parnossim sehen ihn nicht für voll an, und die Baalebatim beneiden noch den armen Mann oder machen ihm das Leben schwer. Nun, weißt Du, wie ich über diese Angelegenheit denke, und das ist der Grund meines Unmuthes.*

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