Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-06-21 · Heft 18 (21.6.1890) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 18 (21.6.1890)
Date
1890-06-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/1304829-3453172-3453190--2884-3457181
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Angleich begabten Verfassern herrührt; dass auch wahrscheinlich vieles Ursprüngliche, in drangvollen Zeiten Vergessene durch rverthlose Nachahmungen ersetzt wurde, und dass daher unser Ritualgesang keineswegs in allen seinen Theilen gleichartig und musikalisch gleichwerthig sein kann; vielmehr sollen hier lediglich die Grundlagen vieler unserer werthvolleren gottesdienstlichen Gesänge außer Zweifel gestellt und ihre verwandtschaftlichen Be- Ziehungen zu den Kirchentonarten nachzewiesen werden. Um jedoch den Zusammenhang der nöthizcn Erörterungen nicht zu unterbrechen, muß hier noch die Aufmerksamkeit auf «inen geschichtlichen Vorgang gelenkt werden, der im Laufe der Zeit sowohl aus den Kirchenwie auf den Synagogengesang erheblich umgestaltend ein wirkte. Es ist bereits gesagt worden, dass der Gregorianische Gesang mrsprünglich streng diatonisch, dem zu Folge mit Ausschluss der der Stammtonleiter fremden Zwischentöne ausgesührt wurde. Gleichwohl (Ambros) konnte der fortschreitende musikalische Sinn in der starren Diatonik keine volle Befriedigung sinden, und die Praxis wandte mit der Zeit, unbekümmert em strenge Ziegeln und Vorschriften, auch fremde Halbtöne an, um den Gesang flüssiger und geschmeidiger zu gestalten. Zur Anwendung dieser chromatischen Zwischentöne (singirte Töne) führte wahrscheinlich erstens der Umstand, dass schon in frühester Zeit die vierte Stufe der U-lydischen Tonart, der Ton E, welcher zum Grundton jenen den Alten so bedenklich erscheinenden Tritonus bildete, um einen Halbion tieser, also ein der Leiter fremder Ton B, gesungen wurde. Ein Verfahren, welches noch überdies die Lydische Tonart zu einer Jonischen umbildete. Zur Anwendung fremder Halbtöne führte wahrscheinlich ferner die Erfahrung, die man eben an der ׳Lydifchen Tonart zu machen Gelegenheit hatte, dass der Halbtonschritt von 7 zu 8 (somitouium modi) einen befriedigenderen Schluß bietet als der Ganzton, und so wendete man auch nach der Erflndunz des mehrstimmigen Gesanges bei Schlüssen das gleiche Verfahren auf die Dorische und Aeolische Tonart an, indem man bei jener Ozu eis, hei dieser zu gi8 erhöhte, was schließlich zum Gebrauch der flngirten Töne zu Modulationszwecken und zu durchgehenden Hilfstönen an jeder beliebigen Stelle führen musste. Die Anwendung dieser Töne blieb für immer ein Gegenstand der Meinungsverschiedenheit, und ungeachtet der strengen Vorschriften des diatonischen Systems konnte selbst der Gregorianische Gesang in der Praxis sich nicht überall consequeut von ihnen frei erhalten, denn die Theoretiker selbst ercklärten später die flngirten Töne für zulässig, in so weit der «Charakter der Tonart und ihre Merkmale nicht zerstört werden. Aehuliche Wandlungen werden sich wohl auch allmählich in nnsercm Nitualgesang vollzogen haben und es ist kaum zu bczweifeln, dass die Synagogensänger, wenn die Chromatik ihnen nicht bereits in der vorchristlichen Zeit unter dem Einfluß der griechischen Musik geläuflz geworden, sich der herrschenden reformadorischen Richtung angeschlossen haben; ja, es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass die Synagoge, welche doch ein weit freieres Walten hatte, als die durch das Gregorianische Antifonar gebundene Kirche, auch früher als diese die Diatonik durchbrach und sich der Zwischentöne zunächst als Hilfstöne und in der Folgezeit zu Modulationszweckeu bediente, deren Gebrauch in Ler Kirche bekanntlich erst nach Eiflndung der Harmonie sich als nothwendig erwies. Dieser geschichtliche Vorgang kann gegenüber den Velleitäten der Puristen nicht genug betout werden, welche uns zumuthen, diejenigen Nitualgesänge, welche auf den Kirchen- -tonarten basiren, von chromatischen Zwischentönen zu befreien und zu dem alten starr diatonischen System zurückzukehren. Der Gebrauch zufälliger Erhöhungen oder Erniedrigungen, der sich im Figuralgesang als nothwendig herausstellte, blieb sogar im Cantus pianus noch eine offene Frage, und der Einspruch gegen die Zulässigkeit derselben richtete sich gegen eine Neuerung, von welcher eine Zerstörung der bis dahin alleinherrschenden Diatotr'ik zu befürchten stand. Einen solchen Einspruch aber auf unfern Ritualgesang zu übertragen, ist, nachdem bereits Jahrhunderte den Gebrauch fremder Töne sanctionirt,ein müßiges Beginen, um so mehr, als das Alter der betreffenden Melodien unbekannt und die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, dass sie ursprünglich mit den bereits gebräuchlichen Hilfstönen entstanden sein können. Untersucht man nun unfern Nitualgesang auf seine Gxundlagen, so ergibt sich, dass ein großer Theil desselben äus den oben dargestellten sechs Kirchentonarten construirt ist. Eine beträchtliche Anzahl von Melodien, welche auf unserem modernen System basiren, bedürfen keiner besonderen Erörterung, da dieses mit dem Jonischen und Aeoliscken, nachdem sie später das 86mltonium modi ausgenommen, vollständig übereinstimmt. Ob diese Intonationen älteren oder neueren Zeiten angehören, kann freilich nur aus ihrem Charakter und Gedankeninhalt erkannt werden. Dagegen ist eine beträchtliche Anzahl der in diesem .Werke flxirten liturgischen Melodien und Jutonatiotteu mitihren Tonfolgen, Intervallen und Cadenzen unserem modernen System fremd und kann nur auf die bereits im vierten und, .sechsten Jahrhundert .gebauten Grundlagen zurückgesührt werden, aus welchen sie wobl ursprünglich in schlichter Einfachheit, vielleicht in Form von Necitativen hervorgegangen, sich allmählich bis zu den uns überlieferten liedartigen Weisen entwickelt haben mögen. Veranschaulichende Beispiele liefern uns die Intonationen No. 128^ 129, 130, 178 biß incl. 184 der .Vorbeterschule'. Ihr Anfangs- und Finalton istE, ihre Basis also die E-Tonleiter; untersucht man sie auf ihre Tonfolgen, so wird man sofort gewahr, dass sie unserem modernen System fremd sind, denn wir sinden die beiden kleinen Secunden auf 2—3 und 6—7, deren Lage allein der Dorischen Tonart eigen ist, welche hier auf E transponirt erscheint. Zu einem gleichen Ergebnis gelangen wir bei den Intonationen No. 242, 266.267.432, welche in A-dorisch, 270 his 273, welche in E-dorisch, 419, 428, welche in!)-dorisch ausgezeichnet sind. Hierher gehören noch Andere, welche in dieser wie in den meisten, seil einem halben Jahrhundert! edirten Sammlungen unserer Nitualgesänge sirirt wurden. Es' ist kaum möglich und wohl auch überflüssig, alle auf der dorischen Tonleiter basirenden Intonationen hier anzuführen; die erwähnten Beispiele genügen wohl als eben so viele Beweise, dass ein Theil unseres Nitualgesanges auf keiner anderen Grundläge als auf der dorischen Tonleiter construirt werden kann. (Schluss folgt.) Zur Berichtigung. E. נ Die geehrte Redaktion wie auch die geschätzten Leser dieser Blätter mögen mir erlauben, dass ich auf ein vielbesprochenes Thema wieder zurückkomme. Ich bin kein Freund der wüsten, den Leser oder Zuhörer ermüdenden Disputationen und will auch nicht rechthaberisch das letzte Wort haben, aber es sind Fälle, wo das Neben nothwendig, ja sogar Pflicht ist, will, man nicht missverstanden werden; denn schon unsere Weisen sagten: שתיקה כהודאה מיא\ Dies vorausgeschickt, will ich wieder auf dem Kampfplatze meinem geschätzten Gegner gegenüber Stellung nehmen, um ihn nicht etwa zu besiegen, denn durch Disputationen ist noch Niemand überzeugt worden, sondern von seinem Jrrthume abzubringen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.