Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-06-11 · Heft 17 (11.6.1890) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 17 (11.6.1890)
Date
1890-06-11
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3453172-3453189--2880-3457176
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 7 — Werlirr. Aus Petersburg wird dem .Berl.-Tgbl.' über die für den Rcichsrath vorbereitete, aber auf Befehl des Zaren zurückge- -zogene Vorlage, betreffend die Beschränkung der Rechte der Juden, Folgendes mitgetheilt: Wie man in der russischen Hauptstadt erzählt, wurden der Vorlage die Arbeiten der ehedem vielgenannten Pahlen'schen ׳Commission zu Grunde gelegt, welche von dem inzwischen verstorbenen Minister des Innern, Grasen Tolstoi, seinem Adlatus v. Plehwe, zur weiteren Bearbeitung übergeben worden waren. Ferner hatte Graf Tolstoi 20 Vice-׳Gouverneure nach Petersburg berufen, und unter Mithilfe dieser, die sich ebenso wie der gleichfalls um seinen Rath angegangene Graf Jguatieff sämmilich als Antisemiten erwiesen, entstanden dann jene 42 Paragraphe, aus welchen die Vorlage zufammengcsetzt ist. Als Hauptförderer derselben wird aber in PeterS- . burgs der Präses der heiligen Synode, Herr PobedonoSzew, bezeichnet. Uebcr die Details der einzelnen Paragraphe verlautet nur wenig, doch auch dies Wenige genügt vollauf zur Charakteristik der ganzen Vorlage. Bekanntlich ist den Inden überhaupt nur in acht russischen Gouvernements der Aufenthalt gestattet. In denjenigen dieser Gouvernements, welche zugleich Grenzgouvernements sind, sollte den Juden Liese Erlaubnis jetzt noch dabiu veikürzt werden. Lass ihnen der Aufenthalt in der eigentlichen Grenzzone von 50 Werst Breite fernerhin zu untersagen sei. Ein anderer Paragraph verbot den Juden fortan das Handeln mit sämmtlichen mir ,Banderole-Steuer' belegten Gegenständen. Jüdischen Handwerkern, denen bisher die inneren -Gouvernements offen standen, sollte fernerhin diese Erlaubnis ganz entzogen werden. In Städten, wo Juden wohnberechtigt sind, dürften nach den projectirten neuen Bestimmungen höchstens 5 Prozent der dortigen Geschäfte, Restaurants u. s. w. jüdische Inhaber anfweiseu. Der Erwerb unbeweglicher Güter sollte ihnen ganz und gar verboten werden. In PeterSbürg, Moskau und Kiew hatte man für zeitgemäß befunden, den Inden bestimmte Straßen zum Wohnen anzuweisen; es sollten also nach berühmten mittelalterlichen Mustern daselbst neue Ghetto's eingerichtet werden! . . .׳Ein zur griechisch-orthodoxen Religion übergetretener, getaufter Jude — so hieß es in einem Paragraphen — sei betreffs seiner Rechte den Juden gleichzustellen; erst seine Kmder könnten die Rechte der Christen in Rußland erhalten. Nach dieser kleinen Dlnmenlese auS der Vorlage wird es Niemanden Wunder nehmen, dass verschiedene russische Würdenträger, welche dieselbe zu Gesicht bekamen, ihrer ,Empörung deutlichsten Ausdruck liehen. Es wird mit Bezug hierauf Manches erzählt, doch in Petersburg liebt man stets, etwas stark aufzutragen, und so ist es denn schwer, das Richtige vom Falschen zu sondern. Jedenfalls kam die fertig ausgearbeitete Vorlage nicht in den Reichsrath, sondern wurde bis zum Herbst 1891 zurückgestellt. Ob sie dann in veränderter Form noch zur Berathung gelangt, bleibt abzuwarten, besonders angesichts der Stellung, welche, wie auch andere Blätter meldeten, Großfürst Michael Nikolajewitfch, der Präsident des Reichsraths, der Vorlage gegenüber einnimmt. Mau erzählt darüber Folgendes: Als der Großfürst die einzelnen Paragraphe durchgelesen hatte, stieß er das Schriftstück bei Seite und brach entrüstet in die Worte aus: ,Sind wir denn Asiaten?' Als sich dann ein hochstehender Herr Len Einwand erlaubte, dass scharfe Ein» schränkungen der den Juden gewährten bisherigen Rechte wohl auch in den allerhöchsten Intentionen lägen, erklärte der Großfürst sehr bestimmt, das sei keineswegs der Fall, und fügte hinzu: ,Ich fahre sofort selbst zu Seiner Majestät!' Diesen Worten folgte auch unmittelbar die That. Der Zar war aber vollkommen der Ansicht seines OnketS, und die Vorlage wurde ad acta gelegt. Auch versichert man. dass bereits der Minister des Innern, Durnowo, dem der Inhalt der Vorlage gleichfalls unzeitgemäß vorkam, dieselbe aus eigener Initiative zurückziehen wollte. (Magdeb. Wochschrft.) Anfrage. Ein orthodoxer Rabbiner ertheilte einem Essigfabrikanten den הבשר של ans Essig, welcher in denselben Gefäßen, Fässern u. s. w. bereitet wurde, in welchem das ganze Jahr der Essig fabricirt wird, und dieser Essig wurde als NO2 של verkauft! Wir richten an die gesch. Leser, die maßgebend in dieser Sache sind, die ergebene Anfrage, ob das mit den jüdischen Satzungen vereinbar ist, und bitten nur gefl. Aeußerung in diesem Blatte. Achtungsvoll 8. נגינות ישראל Unter obigem Titel i3t eine Sammlung folgender Synagogen- Gesänge erschienen: 1. לכד, דןךי st-Dur), 2. לבד דודי (d־Dur) 3- מכתם לדוד .5 ׳יגדל .4 ׳ואני תפלתי. Der Preis der ganzen Sammlung ist für Gemeinden fl. 2.— 8. W., für Collegen blos fl. 1.50 und wird dieselbe gegen Voreinsendung des Betrages portofrei übermittelt. Ferner von dem Gefertigten za beziehen: Naarizoch, Preis für Gemeinden fl. 1 ö. W., für Collegen 75 kr. Max Goldstern, Obercantor in Steinamanger. Knabe, groß und schön — Simon — sein Sohn — wie er in jenen Tagen gewesen war, als der Greis sich abgemüht hatte, ihn beim Talmud und bei der Kabbalah festzuhalten. Langsam, immer von der Furcht geleitet, das schöne Bild könnte zerstießen wie der Nebel, wie .die Phantome, die seine Erinneruurg ihm vorzauberten, hob Rabbi Abdon die zitternde Hand und berührte den Knaben. Nein, es war kein Schemen, er lebte. Der Greis, der die Arms nach ihm ausbreitete, um ihn zu segnen, um ihn an sein Herz zu ziehen, sprach feierlich den Namen des Ewigen ans, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, und begann dann laut zu schluchzen. Durch die offene Thür stürzte jetzt Simon herein und zu den Füßen seines Vaters, der den verlorenen Sohn stumm an seine Brust dückte. Darka folgte, ein kleines Mädchen an der Hand und ein zweites auf dem Arme. Als Simon ansstand, staunte ihn der Rabbi an. Er stand so groß, so kräftig vor ihm in seinen hohen Stiefeln, seinem rothen -Hemde und seinem langen Tuchrock, und wie schön kleidete das junge, jüdische Weib der Kokoschnik der russischen Bäuerin! ,Deine Kinder!' sprach Rabbi Abdon. Es waren die ersten Worte, die über seine Lippen kamen. ,Ja, Vater, dies ist Simon, der älteste, er Hilst mir schon säen und führt die Pferde, wenn ich pflüge, und er liest auch schon die Thora und den Talmud.' ,Ihr habt Land gekauft? womit?' fragte der Rabbi. ,Mit dem Erlös unserer Arbeit', ewiderte Simon, ,wir haben .gepflügt, gesäet, geerntet und gespart, und heute sind wir reiche Bauern.' ,Und es wird Dir nicht schwer, Dein Feld zu bestellen?' forschte der Greis ,kann Dein Körper cs auShalten?' ,Vater ich war auch Soldat', ries Simon stolz, .ich habe mich gegen die Türken in Asien geschlagen und war dabei, als Grenadier, an dem Tag der Ehren, wo wir Russen die Festung KarS mit Sturm nahmen.' ,Wir sind gekommen, um Dich zu holen, Vater', sprach jetzt Darka mit einem herzlichen Lächeln. ,Ja, Großvater', rief der Enkel, der zwischen seinen Knie» stand, ,ich habe schon eine Laube für Dich erbaut vor dem Hause; dort werden wir zusammen die Haggadoth lesen, willst Du?' ,Ob ich will!' rief der Greis, ,gewiss will ich, Simonchen!* * * * Heute wohnt der Rabbi Abdon bei seinen Kindern und mitte» unter seine» Enkeln. Dis Gesetzesrollen, der Talmud, der Sohar und der Jlan haben die Reife mitzemacht. Er sitzt aber lieber in der Laube vor dem Hause, die der kleine Simon ihm erbaut hat, und noch lieber in dem Haus aus Garben, das der Knabe ihm aufrichtet, jedesmal, wenn die Ernte begonnen hat. Dann leuchtet der blaue Himmel über ihm, um ihn wehen die Halme und Gräser, klinge» die Sicheln, die Lieder der Schnitter, und er sitzt mitten in dem Segen Gottes mit seinem Talmud, wie ein Patriarch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.