Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 17 (11.6.1890)
- Date
- 1890-06-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Versuchen wir es, über die einzelnen Verhandlungen :Rechenschaft zu geben, und folgen hierin der Ordnung, die der Verfasser selbst in seiner kritischen Beleuchtung angenommen chatte. Die erste Abhandlung seiner Zeitschrift betrifft Badens Verhandlungen der zweiten Kammer über Judeu-Emancipatiou. Der Zustand der Juden in Baden war schon 1808 durch den -Erzherzog Karl Friedrich bedeutend gehoben worden. Der bürgerlichen Thäligkeit derselben war die einzige Schranke gezogen, dass in den Orten, wo bis dahin keine Juden gewohnt hatten, ׳sie ohne Bewilligung der, Gemeinde sich nicht niederlassen durften. Sie waren demnach factisch von den meisten derselben ausgeschlossen. Von politischen Rechten hatten sie das active Wahlrecht, nicht aber das passive. Von Staats- und höheren Gemeiudc-Aemtern schloß sie zwar das Gesetz nicht aus, wohl aber die deutsche Praxis. Das Jahr 1830 brachte natürlich auch hier den Wunsch nach Beseitigung der Hinderniße der freien ^Entwickelung der Kräfte bei den Juden zur Elscheinung. Die Kammern, die im letzten Jahrzehnt zur tiefsten Ohnmacht herabgedrückt waren, gewannen durch Neuwahlen freidenkender Männer wiederum Kraft, und nirgends mehr als hier wurde der Kampf um die verkümmerten Rechte des Volkes mit siegreichem Muthe ausgenommen und geführt. Männer wier Welker, Rottek, Jzftein, Duttlinger, Bekk u. A. eroberten im Sturme, durch ihr Streben noch Recht und Freiheit die Herzen des Volkes. Die Preßfreiheit, -die durch die Carlsbadcr Beschlüsse 1819 aufgehoben war, wurde .durch das unausgesetzte Streben Melkers für Baden 1831 wiederum gewonnen. Ein neues Blatt, ,Der Freisinnige', das von den Führern der Partei gegründet, erklärten dem Volke wiederholt die Grundsätze der constitutionellen Monarchie und .zeigte ihre Anwendung auf die einzelnen Fälle im Staatsleben. Gleichzeitig gründeten Notlek und Welker ,Das Staatslexikon*, in welchem die Herausgeber in Verbindung mit Gleichgesinnten dem Volke die noch neuen Lehren des ׳Constitutionalismns in allgemein verständlicher Sprache auslegten. An diese zweite Kammer, an diese Männer wandten sich nun die Baden'schen Juden in zahlreichen Petitionen und nahmen auch für sich die Segnungen der neuen Zeit in Anspruch; allein ihre Hoffnunnen auf den Umschwung waren verfrüht. Schon gegen Ausgang des Jahres 1830 entstanden wie in anderen deutschen Städten so auch in Karlsruhe, Mannheim und Heidelberg Pöbelaufstände gegen die Juden. Einen großen Einfluß übte entschieden der Sonderabdruck aus der bereits erwähnten Paulus'schen Zeitschrift ,Sophronzion.' Die Folge war, dass in den Verhandlungen der zweiten Kammer nur Grimm und Speyerer (Bürgermeister in Heidelberg) für unbedingte Gewährung aller bis jetzt den Juden vorenthaltenen Rechte sich aussprachen. Die Mehrzahl lehnte zwar die Gleichstellung nicht ab, schob sie aber hinaus, damit die Negierung zuvor die Israeliten deS Landes veranlasse, eine Versammlung jüdischer Abgeordneter zu berufen, die eine Menge sogenannter Missbräuche ihrer Religion abftelle und sich in bestimmter Erklärung davon lossazen solle. (Fortsetzung folgt.) Eingesendet! An die Herren «Lollegen! Die Cultusvorsteher der österr. Gemeinden treten zusammen, um ein .allgemeines Gemeinde-Statut' auf Grund deS neuen Gesetzes für die israelit. Religions-Genossenschaft zu berathen. ES ist vorauszusehen, dass bei diesen Berathunzen auch ferner das Cantorat hintan gesetzt werden wird, und es erscheint mir daher als einePflicht die Herren Collegen daran zu mahnen: Es möge keiner der Herren Cantoren, selbst die in den kleinsten Gemeinden, es unterlassen, die Herren Cultusvorsteher darauf aufmerksam zu machen, dass bei.. den Berathungen, oder Entwürfen der neuen Gemeindestatuten das Cantorat in gebührender Weise berücksichtig! werden möge, im Hinweis darauf, dass der Cantor der Hauptfunctionär des jüdischen Gottesdienstes Sohn — ja, dieser Sohn — wo war er? lebte er noch? . . . oder war er geschieden von der Erde wie seine Mutter? Sie war ein stilles, reizendes Geschöpf, diese kleine Frau, die -schlank und scheu wie ein Reh durch sein Zimmer schlüpfte, wenn er in seine Folianten versunken war. Selten nur stahl sich ihr Lächeln wie Mondlicht in seine Seele, meist beachtete er sie gar nicht. Vergebens schmückte sie ihre aumuthigen Glieder, vergebens ließ sie ihre Helle Stimme, ihr verschämtes Lachen in diesem sinsteren Raume ertönen, indem sich ein kleiner Menscheugeist vermaß, die Pforten des Paradieses und der Hölle aufzureißsn. Und sie hatte ihn dennoch geliebt, aber einsam, mit ihrem armen, darbenden Herzen war sie zu früh dahingewelkt, und eines Tages lag sie mit ihrem letzten Lächeln auf den kalten Lippen da, und er hatte sie verloren, für immer. Und jetzt! jetzt hätte er den kleinen Sammtpantoffel an ihrem Fuße küssen mögen, wenn er nur wieder einmal ihren leisen Schritt hätte vernehmen können inmitten dieser mit Staub und Moder bedeckten Welt, die ihn umgab. * * * Aber sein Sohn! Er lebte vielleicht noch, nur weit von ihm, sehr weit in der Ferne! Er war sein ganzer Stolz gewesen. Er sollte nicht allein der Erbe seines Namens, aller seiner.Habe werden, ein ungleich kostbareres, .heiliges Vermächtnis wollte er ihm hinterlaffen, seine ganze Weisheit, >daS Gold der Wissenschaft, das er ausgespeichert, alle Geheimniße, die ihm die Zauberkraft der Kabbalah aufgeschlossen hatte, und er hatte dies alles verschmäht um eines thörichten Mädchens, um einiger grüner Bäume und um eines Feldes voll reisender Aehren willen. Zum Rabbiner war er bestimmt, der kleine Simon, aber er liebte die Stubenluft nicht. Wenn der erste Sonnenstrahl auf den Lederband fiel, vor dem er saß, war es wie ein goldener Faden von Feenhand gewoben, der ihn binauszog, und hatte er erst diese schwarze Erde betreten, die der russische Bauer so zärtlich liebt, da fühlte er gleich diesem den Athem der treuen unwandelbaren Freundin, der einzigen, die uns jede Sorgfalt, jeden Dien't tausendfach zurückzibr, da hörte er in den säuselnden Halmen, in den rauschenden Blättern die geheimnisvolle Stimme der ewigen Mutter. ,Oh! ich kenne ein schöneres Buch', sprach er dann zu seinem Vater, ans den Talmud deutend, ,das har Gott selbst geschrieben, I darin ist der grüne Wald zu sehen und Sonne, Mond und Sterne." Wenn die Bauern ackerten, folgte er von ferne, gleich den Krähen, ihrem Pfluge, und wenn die Sicheln zur Erntezeit erklangen, verbarg er sich hinter den Garben und weinte. Rabbi Abdon hatte ihn schon als Kind verlobt mit der Tochter eines reichen Mannes von gleich edlem Stamme, des Kaufherrn Jonathan Ben Levy in Amsterdam, dessen Schiffe bis nach Indien segelten. Als Simon aber herangewachsen war, nahm eine andere sein Herz gefangen. Es war ein armes Mädchen, Darka Barileff. Ihre Eltern besaßen eine elende Schenke in der Vorstadt draußen und einen kleinen Acker. Ans diesem Acker hatte Simon das schöne kräftige Mädchen mit dem Leib einer Judith und dem holden, von rothblonden Flechten gekrönten Haupt einer Ruth das erste Mal getroffen. Er