Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 17 (11.6.1890)
- Date
- 1890-06-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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und Preußen, wurden die wichtigsten, eingreifendsten Fragen deS StaatLrechtS einer gründlichen Erörterung unterworfen. ES ist entschieden auf Nießers Bestrebungen zurückzuführen, dass die Juden faller Orten die Wichtigkeit des so geeigneten Momentes erkannten und sich in mehr oder minder ausführlichen Petitionen an die Ständeversammlungen wandten und ihr gutes Recht forderten. Das Jahr 1831 brachte die Judenfrage vielfach in Berathung, und es kam nun darauf an, den Eifer der Juden uicht crkalrcn zu lassen, das nöthige Material zu sammeln, die vielfach verbreiteten Jrrthümer und Bosheiten immerwährend zu berichtigen und zu bekämpfen. Dazu empfahl sich als das richtigste Mittel eine Zeitschrift, die lediglich jüdischen Interessen gewidmet war. Eine solche zu gründen, war Niemand als unser Rießer, thcils durch sein hervorragendes Talent, theils aber auch durch seine freie unabbängize Stellung geeignet. Derselbe kündigte auch 1832 eine Zeitschrift an unter dem Titel: ,Der Jude, periodische Blätter für Religions- und Gewissensfreiheit. In zwanglosen Abtheilungen heraußgegeben von Dr. G. Nießer.' Diese Zeitschrift erschien wie seine früheren Schriften in Altona, weil die Censur dort milder als in Hamburg geübt wurde. Die zwei erschienenen Bände enthalten 52 Nummern. Die ersten Nummern der beiden Jahrgänge erörtern die Tendenz des Unteruehmeus wie auch den Namen der Zeitschrift. Ueber Letzteren äußert sich Nießer: ,Hass und Bosheit haben den frühern Ehrennamen »Jude' zu einem Schimpfwort, ,jüdisch' zum Inbegriff alles Unedlen gemacht, so dass selbst die Glaubensgenossen sich längst entwöhnt hatten, diesen Namen in ihren äußern Beziehungen anzuwenden und Umschreibungen wählten.' Nießer selbst spricht in seinen Erstlingsschriften von mosaiischen Glaubensgenossen. Dass jetzt dieser Name an die Spitze des Blattes gesetzt wurde, war etwas so Ungewöhnliches, dass viele Wohlwollende sich darüber verlegen und unangenehm berührt fühlten. Ein verhüllender, weniger dem Spott und der Verachtung verfallender Name, würde ihnen erfreulicher gewesen fein. ,Aber׳', sagt Nießer, ,wenn ungerechter Hass an unserem Namen haftet, sollen wir. ihn dann verläugnen, anstatt alle unsere Kraft daran zu setzen, ibn zu Ehren zu bringen? Wir lachen über die kindische Sitte unserer Vorfahren, die noch obendrein eine biblische Basis hat, I. B. M. 17, 9, dem gefährlich Erkrankten seinen Namen zu ändern, als würde ihn dann der Todesengel nicht wieder aufzufindeu wissen. Sind wir nicht eben so lhöricht mit unseren modernen, umschreibenden Bezeichnungen? Glaubet mir,׳ der Hass weiß seinen Mann so gut wie der Todesenzel zu finden, und so lange er ihn sucht, wird er ihn durch tausend begütende Namen hindurch erkennen.' Nießer gewann auch seine Leser trotz des so verpönten Namens. Die Zeitschrift wurde gern gelesen und fand Anerkennung. Man begriff, dass nicht der Name den Hass, sondern der Hass den Namen zum Träger seiner Bosheit gemacht hatte, und eS ist Thatsache. dass von Seiten der Inden seitdem dieser einstige Ehrenname wieder zur Geltung gelangte; die entehrenden Neben- Bedeutungen dieses Namens werden natürlich sich nur dann verlieren, wenn die Gesetzgebung nicht mehr durch Zurücksetzung der Träger desselben Vorschub leisten wird. Trägt auch die Zeitschrift die Aufschrift: Für Religion und GewiffenSfreiheit, so gilt doch Nießer's Antheil an derselben ausschließlich der Letzteren und insbesondere den Emancipations-Verhandlungen in den verschiedenen Stände-Versammlungen ' Deutschlands, mit Ausschluß Preußens, wo zur Zeit die Stände-Versammlungen noch fehlten; die preußischen Juden-Verhältniße wurden damals nur in Provincial-Stände-Versammlungen und in verschiedenen halbofficiellen Schriften verhandelt, die aber von Nießer ebenfalls in seiner Zeitschrift einer strengen Kritik unterzogen wurden. Die Arbeiten über Baden, Baiern, Kurhessen und Hannover erschienen dann auch in einem Souderabdruck unter dem Titel: Kritische Beleuchtung der in den Jahren 1831 bis 1832 in Deutschland vorgekommenen ständischen Verhandlungen über die Emancipation der Juden von Gabriel Nießer mit dem Motto; Vorm voulez etre libres et vous ne sauriez pas etre justes (Sieyes), Altona 1833 und diejenigen über Preußen 1834. Rabbi Abdon. Von KcopolL Sacher von Masoch.*) Die Sonne war untergegangen. Die Nebel des düsteren Winterabends breiteten sich langsam um die Thnrme und Dächer der kleinen Stadt, welche tief im Süden Rußlands zwischen wilden Waldrevieren, Sümpfen und Steppen verloren war. Der Sturm hatte überdies hohe Schueewälle aufgerichtet, welche die Menschen in ihren hölzernen kleinen Häusern gefangen hielten. Im letzten Abendstrahl schienen die Frostblumeu an den kleinen Fenstern noch einmal in den Farben des Frühlings aufznblühen. Dann erlosch auch dieser armselige Schimmer, und graue, eintönige Dämmerung erfüllte das weite Gemach, in dem der greise Rabbi Abdon saß, vertieft in seltsame Gedanken und Erinnerungen. Die alte Magd kam leise herein, zündete die Lampe an und verschwand wieder, unbemerkt, wie sie gekommen war. Der Rabbi regte sich keinen Augenblick. Das flackernde Licht tauchte all' die heiligen und geheimnisvollen Dinge, die ihn umgaben, die Gesetzesrollen, die Lederbäude des Talmud, den Sohar, das Buch des Glanzes und den Jlan, den Baum des Lebens an der Wand, in eine Art Verklärung, aber der Greis sah sie heute nicht. Sein hagerer Körper Ln sich zusammengesunken, schien leblos, fein mit Runzeln bedecktes Antlitz erstarrt, nur die großen Augen verriethen, dass sein Geist noch nicht entflohen war. *) Popular-wifsenschaftliche Monatsblätt. Jahrg. 10, Nr. 1. Er fragte sich in diesem Augenblick, warum er noch lebe? Er hatte ein goitesfürchtiges, tadelloses Leben hinter sich, und er hatte alle Geheimniße der Kabbalah erschlossen, ihn erwartete die Seligkeit der Frommen und der große Lohn, welcher jedem zugesagt ist, der sich mit der Wissenschaft beschäftigt, die Gott selbst dem Adam überliefert haben soll. Was half ihm aber feine Frömmigkeit? WaS half ihm fein Wissen? Er war allein, einsam in einer Welt, die er nicht verstand, verlassen, ohne Liebe, unter Menschen, die ihm nur mit einer heiligen Scheu und Ehrfurcht nahten. Was nutzten ihm am Rande des Grabes Gematria, Notarikon und Themurah, die Lehre, mit deren Hilfe man den geheimen Sinn entziffert, den Gott in die heilige Schrift gelegt? Was nützte es ihm, dass er in stillen Nächten den Urquell des Lichtes, des Geistes und des Lebens, den verborgensten der Verborgenheiten wie" hinter einem Schleier sah? dass er im Menschen die Welt im Kleinen wie in einem Zauberspiegel betrachten konnte? dass er mit den zehn Sephirot und den vier Welten vertraut war, dass die Engel bei ihm aus- und eingiengen? Wozu diente ihm seine Macht über die Geister und Dämonen? Er konnte Samacl und Aschmodai bannen, wenn er wollte, und die schöne Lidlith zwingen, seinen Geboten zu gehorchen, aber er war machtlos gegen den Nebel, der sich um ihn zu Gestalten zusammenballte, gegen die Stimmen, die in der Stille des Abends heimlich zu flüstern begannen. Ja, er war allein mit seinen tobten Schätzen, und er hatte doch einst ein geliebtes Weib gehabt,, schön und tugendsam, und einen