Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 17 (11.6.1890)
- Date
- 1890-06-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 der üblichen Melodie befreit, welche Wirkung wohl hiemit erzielt werden könnte. Auch der Hinweis auf den Umstand, dass Sulzer selbst inmitten seines Vortrages einzelne Worte im Sprechtone verarbeitete, verfängt nicht, weil einerseits eines sich nicht für Alle schickt, und andererseits Sulzer diese winzigen Satzfragmente nur deshalb sprechend hervorschleuderte, um die spätere Wirkung seines Gesanges zu erhöhen. Schließlich erscheint es uns wie ein Zerrbild, wenn der Vortragende längere Zeit, beispielsweise bei uwnuchau jaumar spricht uud Dann mit einem Male zu singen beginnt, um Dem Chore den Einsatz Llasebirvenn. zu ermöglichen. Auch täuscht sich der Vortragende zumeist, wenn er glaubt, dass er nach seinem Sprechriiorncll die Ursprungstouart erreicht; stände ihm eine Orgel zur Seite, er wäre alsbald überzeugt, dass mau nicht ungestraft unter Palmen wandeln dürfe, indem er hören würde, wieweit er sich von der Origiualionart entfernte. Darum ist es unseres Erachtens ein schädigendes Beginnen, ja eine Versündigung gegen unsere Eigenart, mit den von unseren Vorfahren uns vererbten Gütern solch' nichtssagende und schnöde Experimente anzustellen. Der jüdische Cautor soll singen, ja selbst sein ,Sagen' soll nach gutem altem Muster Gesang sein; überlassen wir das Gebiet der Nedekunst voll und ganz den geehrten Herrn Predigern und Lehrern. Der Ritualgesmig in der Synagoge. Der lebhafte Ideenaustausch, der sich vor einigen Jahren über das Wesen des traditionellen Synagogengesanges in oiesen Blättern zur Freude aller Fachgenossen entwickelte, hat bis auf «ine einzige, noch jetzt fortlaufende Arbeit schon eine geraume Zeit stillegestanden. Wir begrüßen es darum mit umso größerem Vergnügen, dass der allverehrte College, Obercantor Deutsch in Breslau, in dem-soebeu erschienenen Anhänge zur ,Vorbeterschute', resp. in dem Nachwort zu derselben unter obigem Titel die Geschichte und das Wesen des Nitnalgesanges eingehend erörtert. Ein Theil dieser höchst interessanten Ausführungen mag einzelnen Lesern dieses Blattes aus einschlägigen Artikeln früherer Jahrgänge bereits bekannt sein, aber der berezte Gegenstand ist von so eminenter Wichtigkeit, dass wir es nicht unterlassen I können, die dargelegten Ansichten im Zusammenhänge nachfolgend j rvrederzugeben: ן ,Bei der ersten Ausgabe dieser Sammlung unserer j Mtualgesänge (Vorbeterschule 1870) wurde bereits auf den Umstand hingewiesen, dass cs an ursprünglichen Documenten oder Denkmalen fehlt, welche uns über Ort und Zeit ihres Entsteheus berichten, und andererseits auch an späteren schriftlichen Aufzeichnungen, die uns in den Stand setzen könnten, ihren doch gewiss vielfachen Wandlungen nachzugehen, oder die Zeit irgend I -einer ihrer Entwicklungsphasen zu stxiren. Jahrhunderte hindurch sind sie lediglich auf dem Wege mündlicher Ueberlieferung in der Synagoge lebendig erhalten geblieben. Die ersten wenigen im Druck erschienenen sind, so weit mir bekannt ist, jene Melodien, welche anfangs unseres Jahrhunderts, Don dem in London lebenden Componisten, Jsaac Nathan, über Texte von Lord Byron mehrstimmig bearbeitet wurden.*) In unserer Zeit jedoch, und namentlich seit der Edition meiner ,Vorbeterschule1870) '׳), der ersten größeren Sammlung *) Die von Salomon Roffi <geb. in Mantua 1570) componirten, von Naumburg gesammelten und in moderner Tonschrift veröffentlichten Gesänge sind mehrstimmig und im Kirchenstyle damaliger Zeit verfasst und haben keinerlei Beziehung zu dem uns einstimmig überlieferten Ritualgesang. unserer Nitualgesänge, sind unzählige Intonationen und Melodien ohne Auswahl, zweck- und ziellos auch solche, welche zu keiner Zeit ׳ und in keinem Gotteshause eine Existenzberechtigung hatten, ge׳ sammelt und veröffentlicht worden, und wir stehen nunmehr vor einem Gemisch, vor einem wahrhaft kaleidoskopischen Wechsel von Sangesweisen, denen der Stempel verschiedenen Alters, verschiedener Nationalitäten und gar sehr verschiedenen Ersindungsvermögens aufgedrückl ist. Hier darf auch nicht verschwiegen werden, dass Vielen meiner Herren Collegen die Kriterien zur Beurtheilung tonkünstleri scher Producte noch fehlen, dass ihnen die Quellen musikalischer Er׳ kenntnis noch verschlossen sind, ja Viele unter ihnen sogar über Lesen und Schreiben der Tonzeicyen nicht hinausgekommen sind. So mancher mag vielleichr eifrig und vergeblich nach einem Führer in diesem Tonlabyrinth ausblicken, wenn er nicht über- Haupt Alles, was ibm unter der Spitzmarke ,Nitualgesänge' geboten' wird, auf Treue und Glaube« uubeseheu als solche annimmt. Erwägt man nun, mit welcher Liebe ein ziemlich großer Theil unseres traditionellen Nitnalgesanges von der Synagoge gepstegt und geübt wurde, geübt mit so frommen Eifer und mit solcher Beständigkeit-, dass er von zahlreichen Gemeiudemitgliedern allmählich erlernt und executirt werden konnte; dass die Kenntnis -des rituellen Gesanges endlich aushörte, ausschließliches Eigenthum des beamteten Vorbeters zu sein, vielmehr jeder Laie, dem Gesang gegeben, die Qualisication erlangte, nicht allein am Wechselgesang lebhaften Anlheil zu nehmen, sondern auch in den gottesdienstlichen Functionen mit dem Vorbeter zu alterniren und ihn nöthigenfalls mit Erfolg zu vertreten; erwägt man all' dieses, dann ist eS geradezu unbegreiflich, dass, selbst nachdem die ersten unzuverlässigen und unzulänglichen Tonzeichen verbessert wurden und im 13. und 14. Jahrhundert sich zu einer sicheren und vervollkommneten Tonschrift entwickelt hatten, keiner der Tausende unserer Vorgänger im Amte Verlangen darnach trug, unseren so sorgsam gepflegten Liederschatz durch die Schrift zu fixirsn, ihn dem Wandel und Wechsel mündlicher Ueberlieferung zu entziehen, um ihn vor Verfall, Verwirrung und Verwilderung zu schützen, Lenen er im Laufe der Zeit in der Thal vollständig preisgegeben war. Allerdings muß zugegeben werden — und es ist bemerkenswert — dass, wie wir bald sehen werden, bei aller Freiheit einer vorzugsweise praktischen Gesangsübung ein großer Theil unseres Nitnalgesanges die durch die Tonarten vorgezeichneten Grenzen nicht überschritt; allein die Erkenntnis der Grundlagen ihrer gottesdienstlichen Intonationen musste ihnen, die selbst dem Erlernen der Tonschrift abhold waren und folglich aus jede Art musikalischen Theoretisirens verzichten mussten, für immer fremd bleiben. Auf diese Grundlagen wurde vor länger als einem Vierteljahundert wiederholt durch Naumburg (Paris), Weintraub (Königsberg) und Schreiber dieses hingewiesen und unser Nitualgesang von ihnen übereinstimmend auf die Gregorianischen Kirchentonarten zurückgeführt. Wurde hiedurch in meinen College« das Bedürfnis, sich über einen ihnen so׳ nahe liegenden Gegenstand zu unterrichten, wachgerufen? Keineswegs! Die Anregung blieb fast drei Jahrzehnte unbeachtet und erst in neuerer Zeit wurde die längst erledigte Frage von einem an Talent und Stellung hervorragenden College!! auf's Neue zur Debatte gestellt -und unfern ganzen Ritualgesang auf drei Tonarten zu. basiren versucht. Die Frage war, wie wir im Laufe dieser Erörterungen sehen werden, nur halb gelöst, aber immerhin! Erfreulich war sein ernstes, nicht genug anzuerkennendes Bestreben, unfern