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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-06-11 · Heft 17 (11.6.1890) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 17 (11.6.1890)
Date
1890-06-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische Prnnnmcralions-Prcis. Kür Kantoren und Kuttusöeamle in Hesterreich Htngar» Ganzjährig ..... fl. 4.— Halbjährig . . . . . fl. 2.— Kür Kantoren und ßullrrsveamle im Anstand Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel. Kür private und Institute Ganzjährig ..... fl. 6.— O e ri tr a,l-O כ: für die Inlereßen der (Kantoren und Hnltusbeamten. E u s rl; rrnt jeden; e h n t e n T a g. Begründer: Obercamor Jacob Bauer. ilömintltratiaa Wien II. Novaragasse Nr. 27, Inserate werden billigst berechnet. Manuscripts iv-rden nicht retourilirt. ASonnements- und Iiiserlions- Seträge sind in Wie» zahkSar. Nr. 17. Wien- 11. Juni 1890. 10. Zahraimg. Singen oder sprechen. Von Obercantor I. Singer, Wien. Jede neue Erscheinung auf synagogal-gesauglichem Gebiete muß beachtet und geprüft werden, gleichviel ob dieselbe von maßgebenden oder unmaßgebenden, von zielbewussten oder zielunbewussten Fachgenossen geübt und proclamirt wird; vielleicht birgt das Vorkommnis ein Körnchen Wahrheit, welches bei zweckentsprechender Pflege segensreich in die Halme schießen, oder aber auch Keime, welche bei fahrlässigem Nichtbeachten zur uuheilschweren Giftpflanze sich entwickeln könnten. Einer solch' eigenthümlichen Thatsache begegnen wir in der in den letzten Jahren von einigen Collegen geübten einfachen Sprechweise bei ihren gottesdienstlichen Lvlträgen. Da stritten und streiten sich die Leut' herum, ob dieser oder jener Halbton beim syuagogalen Necitativ erlaubt oder velpönt sei; da werden einerseits streuggefügte Skalenreihen ausgestellt, auf deren Basis das recitativische Material ruhen soll, während die Gegner wieder den Kirchentonarten das Wort reden und die Synazogeugesänge nach diesem Systeme gemodelt wissen wollen. Nun begegnen wir einer dritten Anschauung, welche beide Gesichtspunkte über Bord wirft und den cantoralen Vortrag sanglos, d. b. im gewöhnlichen Sprechton, behandelt sehen möchte. Dies die exceptionelle Ansicht, welcher wir heute unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Wir setzen die Kenntnis der Thatsache voraus, dass der Entwicklungsgang der Begriffe Geräusch, Schall, Klang, Ton, Harmonie etc. ebenso einen steten Fortschritt bedeute, wie die Begriffe Lallen, Lautiren, Sprechen, Declamiren etc., und dass die allmählige Weitergestaltung dieser Begriffsvermögen endlich zur lichten Höhe der Kunst führe; die Kunst jedoch nichts anderes sei, als die ideale und vollkommene Darstellung eines oder vieler Begriffe. Die ewige Fortentwicklung der beiden Parallel- 'begriffe Rede und Gesang (Musik) musste endlich zur engen Vereinigung derselben, zum Melodrama und zum Sprechgesange (Wort und Ton) führen, indem man zum Bewusstsein gelangte, dass das durch Musik gestützte oder ausgeftattete Wort den darznstellenden Begriff noch erschöpfender vermittelt, als bs selbst das trefflichst gewählte und trcfflichst gesprochene Wort zu vermitteln im Staude wäre. Für das Wachrufen menschlicher Gefühle reichen die künstlerisch gesprochenen Worte allerdings aus, weniger ansreichend erweisen sich dieselben jedoch bei Erweckung der Em׳ psindungcn. Die strenge Gliederung dieser Begriffe, Gefühle und Empsindungen, oder gar die Feststellung, welchem derselben eine höhere Bedeutung zufällt, müssen wir den Psychologen überlassen, soviel jedoch dürfen wir wohl behaupten, dass bei solchen Veran--- lassungen, wo Gefühle und Empsindungen gleichzeitig erweckt werden sollen, auch eine doppelte Kunsteinwirknng durch Wort und Ton (Musik) als nörhig sich erweist. Ist nun das Gebet des Einzelnen, als das Verhältnis des Menschen zu seinem Gotte, einer solchen Doppelwirkung sehr ähnlich, jo erweist sich das Gebet des Vorbeters, des Vermittlers zwischen Menschen und Gott, als die vollkommene Darstellung, dieses Doppelbezriffes. Wenn der Vorbeter nun die mannigfachsten Gefühle der einzelnen Andächtigen ihrem Gotte gegenüber vermitteln helfen und den Reflex dieser Vermittelung als Empfindung im Herzen der Beier wachrufen soll, wie ist dieser Doppelcrfolg durch die einseitige Wirkung des sanglosen Wortes möglich? Wie darf ein Vorderer demnach seinen synagogalen Vortrag als einfache Wortdeclamation behandeln? So viel vom theoretischen Gesichtspunkte. Der praktische» Belege, die gegen die Wortdeclamation sprechen, könnten wir eine ganze Legion anführen, wenn es der Raum gestattete; heute wollen wir nur den einen berühren, dass es ja das von vielen Neformrabbinern so heiß ersehnte Ideal unterstützen hieße, wen» die jüdischen Cantoren ihre Vorträge im nackten Sprechtone hielten. Entäußern wir unsere Vorträge des unterstützenden, modernen oder traditionellen Sanges und wir haben die sicherste Gewähr, dass innerhalb 50 Jahre kein einziger Cantor in de» Gotteshäusern Israels anzutrcffen sein wird. Noch and.rs! Viele der nicht heiligen Gebete, wie Lolniäro und Piutim sind längst aus de» jüdischen Gebetbüchern eliminirt, während, die Melodien der betreffenden Stellen aks heiliges Vermächtnis bewahrt und gesungen werden; man denke sich einmal das Abendgebet des Bosch-hasehanah und Jom Kippur oder Neilah. rc. im einfachen Sprechtone vorzetragen, von

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