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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-06-01 · Heft 16 (1.6.1890) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 16 (1.6.1890)
Date
1890-06-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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e Lass er nicht einmal die jüdischen Verhältniße des eigenen Landes kannte und der Wahrheit gemäß darstellte, dass die Juden überall in Deutschland sämmtliche Staatspflicktcn erfüllen,׳ insbesondere die des Kriegsdienstes, während ihnen die entsprechenden Rechte vorenthalten würden. Paulus behauptet, die Juden würden überall in Deutschland ׳ zum Handwerk und Ackerbau zugelassen, Nießer beweist dagegen, dass noch in vielen Staaten die Gesetzgebung sie ausdrücklich hievon ausschließt, beseitigt demnach auch die Vorwürfe wegen ihrer Vorliebe zum Handel und fordert, dass man das Unrecht, das sie etwa tbäten, bei ihnen ebenso wie bei Christen bestrafe, nicht aber in der Gesetzgebung sie als besondere Verbrecher behandle. Nießer geht zweitens auf den Vorwurf der gesonderten Nationalität der Juden ein, indem er erörtert: ,Fremd sei nur, wer nicht im Lande geboren, wer von Außen eingewandert fei.' Die Juden seien im Lande geboren, ansschließrnde Gesetze können also nicht ihrer Nationalität, sondern ihrer Religion gelten, zumal sie durch Neligionswecksel alle Rechte erlangen. Eine eigene jüdische Gesetzgebung gebe es nur noch für wenige Rechtsverhältniße. Die Ccrcmonialgcsetze seien nicht politische, sondern rein religiöser Natur, ebenso der Messiaszlaube. Soweit man die Lossagung von den Resten einer fremden Nationalität über- Haupt verlangen könne, sei sie von den Inden längst vollzogen. Als schändliche Verleumdung bezeichnet Nießcr vollends Paulus' Behauptung, Lass die!eichen Juden die ärmeren, die Rabbiner die Gemeinden bedrücken. Was drittens das Verlangen nach Aufklärung betreffe, so könne man dafür nicht die Staatsgesetzgebung zu Hilfe nehmen und gewisse Rechte und Prämien dafür aussctzeu. Auch sei cs Paulus mit dieser Forderung gar nicht Ernst. Bald ist ihm das Cermonialgesetz ein Hindernis, bald neune er die sich davon Lossagendcn — Leichtsinnige, Jndifserentisten, bald knüpfe er die Erlangung der Bürgerrechte an dje Aufhebung der Circumcission. die Verlegung des Sabbaths, das Aushören des Einflusses der Rabbiner und ihrer Lehrer. Nun wendet sich Nießer an die Christen und fragt, ob denn bei ihnen die geforderte Aufklärung schon so tief gewurzen, dass sie berechtigt seien, eine solche Forderung an Andersgläubige zu stellen: ,Könnt ihr alle die Ströme menschlichen Blutes, alle die Scheiterhaufen, könnt ihr die Beraubten und Erwürgien, die durch Sklavenarbeit langsam zu Tode gemarterten Geschlechter Süd-Amerikas aus der Geschichte streichen, die davon zeugen, dass die Lehre, der Ungläubige habe kein Recht auf Leben, Freiheit und Eigenihum als eine christliche gelehrt worden? Ihr zündet die Fackel historischer Untersuchung an, um herauszubriugcn, ob einmal in flüsteren Zeiten irgend ein flnsterer Rabbi gelehrt, dass man dem Andersglaubeuden weniger Treue und Glaube schulde als dem Glanbeusverwandten: seht ihr nicht den Scheiterhaufen durch die Nacht der Geschichte leuchten, der cö mit Flammenzügen niedergeschrieben, dass dem Ketzer nicht Wort zu halten? Seht ihr den kaiserlichen Schutzbrief nicht zerrissen daliegen, das Wort und die Ehre des ersten Herrn in der Christenheit in den Staub getreten, weil den! Ketzer nicht Wort zu halten? Ich bitte, brechet die Rechnung mit der Vergangenheit, öffnet die Gräber nicht, lasset die Todten ruhen; sie würden fürchterlich gegen Euch zeugend Die Civilisation der neuen Zeit, ist, wie Nießer weiter ausführt, durchras wiederbelebte Alterthum gewonnen worden. Sie ist kein spcciflichcs Eigenihum des Ehristcnthums, auch Spinoza und Mendelssohn haben an ihr gearbeitet. Es ist kindisch, die Besseren und Gebildeteren unter den Christen den Schlechteren und Roheren unter den Juden entgegen zu stelle». Wende man ihm ein, diese seien nicht liebreich gegen Christen, so fragt Nießer:׳ ,Ist denn Euer Pöbel so liebreich gegen uns gesinnt? Oder ist es etwa nur Euer Pöbel, der uns gehässig begegnet? Meint Ihr das, o daun leset, ick bitte darum, diesen Paulus und sehet^ wie jeder Gedanke, jedes Gefühl, jeder Ausdruck von Hass und׳ Bosheit geschwängert ist, leset ihn mit seinen Nationale n, seiner Judcnschaft, seinen unseren Leuten, seinem den Egypten! abgenommenem Gold und Silber, leset auch die Produkte seiner Geistesverwandten und fragt Euch dann: ob da Liebe zuernten, wo Hais, Einlracht. wo Zwietracht gesäet worden? Zum Schluss kommt Nießer auf die Deutung der Menschenrechte, wie Paulus sie in seinem Buche gegeben: der Mensch erhalte sein Recht, wenn er, sofern er Andere nicht beschädigt, nicht beschädigt wird. ,Dass wir die Freiheit anders ausfassen, dass wir nach der Erlangung einer höheren Freiheit auf einemanderen Wege als der ist. den man uns zeigt, mit allen Kräften׳ ringen und streben und dies bis zum letzten Lebenshauche zuthun entschlossen sind — das ist es, so glauben wir. was uns würdig macht, Deutsche zu sein. Der Hauch der Freiheit, der über die deutschen Gaue zog, hat auch unsere schlummernden Freihcitshoffnnngen geweckt und manche frohe Aussicht ist ihnenschon seitdem geworden. Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören und werden es auch. Es kann, darf und mag Allesfordern, was eS von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist, wir werden es willig opfern — mir Glauben und Trenc^ Wahrheit und Ehre nichts (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Hlukschowih. Eine Feierlichkeit, di«.׳ selbst die zahlreich anwesenden Katholiken bis zu Thränen rührte, ist am 25. Mai l. I.. am Pfingstsonntag im isr. Tempel zu Butschowitz ab gehalten worden. Vier Mädchen die das 13. Lebensjahr zurnckgelegt haben und mit Ende dieses Schuljahres auch die Schule verlassen werden, sind von unserem trefflichen Neligionslehrer Herrn M. Landau consirmirt׳ worden. Während der Ansprache, die er an die Consirmanden richtete,- blieb kein Auge trocken. Einen sehr guten Eindruck machten die Worte des CultusvorsteherS Herrn Fritz Siiasny, der den Mädchen im- Namen der Gemeinde gratnlirte. Die Lieder, die Eingangs und am Schluffe gesungen wurden, hat der Chor vorzüglich vorgetrazen. Lemberg. Am 11. Mai starb im Alter von 83 Jahren Michael Wolf, der Nestor unter den hiesigen jüdischen Lehrern, der fast ein halbes Jahrhundert die Jugend unterrichtete und, man kann sagen, eine ganze Generation seine Schüler nennen dürste. Mit Verständnis und Ernst waltete er seines Amtes als Religionslehrer. Seine Kenntniße, sein biederer Charaeter und seine Pflichttreue erwarben ihm die Achtung Aller. Er besaß auch die Gabe der Rede. In Abwesenheit des Predigers vertrat er ihn bei dringenden Anlässen und be-׳ stand mit Ehren die an ihn gestellte Aufgabe. Er fnngirte auch als קורא und Vorbeter viele Jahre im Tempel, in welcher Eigenschaft er seine genaue Kenntnis der Liturgie bekundete. Auch als- Verleger und Herausgeber von nützlichen jüdischen Werken erwarb er sich einen geachteten Namen, und sein Hingang wird auch in dieser Beziehung eine Lücke zurücklassen. Das Leichenbegängnis zeugte von der großen Popularität dieses Mannes und der allgemeinen Beliebtheit "desselben, ,ת״נ״צ״ב״ד. Wudapelk. Jungst hat in der aiitglikanischen Kirche eine interessante Trauung stattgefnnden: Mr. Hovard Brown, Ofsizier der englischen Armee, bei der englischen Besatzung in Egypten stativnirt^. der dritte Sohn ,eines englischen Baronets, hat Frau Ottilie Schoßberzer de Tornya, die geschiedene Gatiiu des BaronS Bornemißa^. > zum Altar geführt. Frau Schoßberger, welche sich den Winter über mit ihrer Mutter in Kairo aufgehalten hatte, machte dort die Bekannt'-, schaft des eleganten jungen Qificiers, welcher sich sterblich in.die׳ interessante Frau verliebte. Schon nach wenigen Wochen trat er mit einem Heiratsantrage hervor, welcher auch angenommen wurde. Baronin

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