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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-06-01 · Heft 16 (1.6.1890) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 16 (1.6.1890)
Date
1890-06-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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-hamanitischen Anklagen, (Ester 3, 8.,) mit deutscher Gründlichkeit -bearbeitet. Um seine Sätze zu begründen, behauptete Paulus, den Anden sei in Deutschland überall jeder bürgerliche Erwerb gestattet .und freigestellt. Von Emancipation könne keine Rede sein, denn dieses Wort käme von maneipium ,Sklave* her. Den Juden seien aber bereits mehr Rechte eingeräumt, als in einem geordneten Staatswesen gestattet werden könne. Sie bättcn selbst besondere 'Richter und würden nach ihrem eigenen Gesetze gerichtet. Indes weitere Zngeständnisze würden nur einigen Neichen zu Gute kommen, um die ärmere Bevölkerung noch mehr zu bedrücken, als es schon bislang durch sie und, ihre Nabbinen bereits geschieht. So lange nicht völlige Ausgabe ihrer Eigenthümlichkeit — insbesondere -die Circumcission und die Sabbathseier, dies uralte Arbeiterschutzgesetz der Bibel — eingetreten, könne von bürgerlicher Gleichstellung überhaupt keine Rede sein. Nieder führe die Sache der Anden überhaupt mir Unwahrheit, wenn er behauptet, die Juden seien noch jetzt gehindert, Handwerk und Ackerbau zu treiben. Nur -von der Gesetzgebung seien und müssen sie ausgeschlossen bleiben, weil ein Jude nicht über Christen herrschen dürfe. Obgleich diese Schrift nur hundertfach Gesagtes und bereits Widerlegtes wiederholte, konnte und durfte sie nicht Seitens der Inden unwiderlegt bleiben. Sie erschien nämlich kurz vor Berathung des badischen Landtages über die Stellung der dortigen Anden. Zudem war der Name Paulus, der frühere Saulus, bei Vielen von Bedeutung. Er galt für liberal, der rücksichtslos seine Ucberzeugnng ansspräche. Eine Erwiderung war demnach -aus mannigfachen Rücksichten geboten. Darum hielten es auch mehrere jüdische Schriftsteller für :erforderlich, dieser Paulus- Schrift zu entgegnen. Ai. Creuznach und Ai. Hess betraten zuerst die Arena. Ersterer mit der Schrift: ״Die jüdische Absonderung*, Letzterer mit einer ,Epistel der Hebräer an Dr. P. .Franks. 1831.* Auf Nießer machte das Paulns'sche Buch geradezu der: peinlichsten Eindruck. Nichts konnte ihm so unerwartet kommen, als ein Angriff auf feine sittlichen Motive, und es ließ ihm keine Ruhe, bis er durch ausführliche Widerlegung seines Gegners seinem verletzten Gemüthe Beruhigung gewährt hatte. Die Schrift ,Vertbeidiguug der bürgerlichen Gleichstellung der Juden gegen die Einwürfe des Herrn Dr. H. E. G. Paulusden gesetzgebenden Versammlungen Deutschlands gewidmet, von Gabriel Rießer, Dr. der Rechte*, mit dem Motto: Einen Vater in den Höhen, eine Mutter haben wir. Gott ist aller Wesen Vater, Deutschland unsere Mutter hier (Altona 1831), ist ein Werk von sechs Tagen. In der Vorrede rechtfertigt Nießer diese Eile dadurch, dass er es für eine Gewissenssache hielt. Alles anfzubieten, um den üblen Eindruck, den die Sophismen deS Paulus in der badischen Stände-Versammlung etwa Hervorbringen könnten, so rasch als möglich zu mindern. Diese rasche Entstehungsart that aber keineswegs dem Werke desselben den mindesten Eintrag. Das Schwert, das Rießer in seiner Polemik führt, ist ein scharfes, wvhlgeschliffenes, seine Streiche treffen sicher und tief. Niemand aber kann ihm den Vorwurf machen, dass er je, wenn auch bei leidenschaftlichem Ausdruck, die Grenze der Wahrheit überschritten und mit unehrlicher Waffe gekämpft habe. Nachdem er den Standpunkt der Frage erörterr, namentlich das Unmoralische des Uebertritts zum Christenthum ohne die Ucberzeugnng von der Wahrheit desselben dargethan, geht er auf den eigentlichen Inhalt des Streites über. Nach Paulus soll es sich um nichts anderes handeln, als dass die Christen von den Juden regiert werden sollen. Das Widersinnige dieser Behauptung war unschwer darzuthun, ebenso die Widersprüche, die in Paulus' eigener Behauptung nebeneinander Hergiengen, nachzuwcisen und den wirklichen Zustand dem von Paulus vorgegebenen entgegen zu stellen, zu zeigen, dass alle Behauptungen des Paulus ans völliger Unkuude und Böswilligkeit Hervorgiengen, litze besetzte Hosen und Gamaschen, ein blaßkoth seidenes Oberhemde mnd eine zuckerhutförmige Mütze, über welches Alles ein weißer Schleier herabhieng; ihr fettes hübsches Gesicht war durch Schminke förmlich entstellt, und ihre Schuhe waren so klein, dass die Füße nur mit ׳Muhe hineingezwängt werden konnten. Sie saß auf einem Sessel mit zu Boden gerichteten Blicken, bewegungslos die Ankunft des Bräutigams erwartend, welcher noch in der Synagoge war, um sich durch Gebet zu dem feierlichen Acte vorzubereiten. Plötzlich erscholl Trompetengeschmetter, ausgeführt von den Kindern der Verwandtschaft, die Frauen erhoben ein Jubclgeschrei, und der Bräutigam trat ein; einen Augenblick stand cr neben seiner Braut, dann wurde diese auf einen in einem Verschlag befindlichen erhöhten Sitz gehoben, so dass sie den Bräutigam überragte; dieser legte einen Zipfel seines Tallis (Gebet- -Mantels) auf ihr Haupt und stellte auf diese Weise einen Baldachin her. Der Rabbi las die Trauungsgebete, womit die Ceremonie endete und der Bräutigam sich entfernte. Des Abends wurde die Braut von ihren Verwandten unter Musik und Freudengeschrei in das Haus des Bräutigams geführt, welcher sie am Eingänge desselben erwartete. In die Wohnräume gelangt man durch einen engen, dunkeln und oft schmutzigen Gang, welcher in einen großen, offenen, viereckigen Raum ״patio" aüsläuft; derselbe ist gewöhnlich mit Marmor gepflastert.. Von diesem gehen nach allen 4 Seiten, deren jede von einer andern Familie bewohnt ist, die Zimmer aus, wogegen der offene .Hof gemeinschaftlich ist und zum Waschen und Trocknen der Wäsche benutzt wird. Oberhalb desselben ist eine Gallerie, welche ebenso ab- -getheilt ist. Die Betten haben prachtvolle Umhänge, und in den .Zimmern sieht man gewöhnlich auch eine französische Wanduhr und sonstige Luxvsgegenstände. In Tunis gibt es verschiedene Synagogen. Die größte derselben ist schon sehr alt und liegt tief unter der horizontalen Bodenfläche. Einige meinen, sie sei so gebaut, um bei Verfolgungen als Zufluchtsort zu dienen; andere dagegen glauben, sie sei schon so att, dass der Boden nach und nach sich um dieselbe gehoben hat. Auch die Schule darf nicht vergessen werden, welche hauptsächlich von der ,Alliance Jsraelite* unterhalten wird und unter der bewährten Leitung des Herrn Cazes steht. Sie hat 1300 Knaben, welche in derselben in der französischen und hebräischen Sprache, 1 so wie in allen Elementarfächern Unterricht erhalten. Die Schüler sind in 24 Claffen getheilt und scheinen mit Erfolg unterrichtet zu werden. Sämmtliche Lehrer sind Franzosen. Anfangs verursachen die Kinder den Lehrern viele Schwierigkeiten, da sie nur arabisch sprechen können. Ferner hat die Schule 600 Mädchen, welche dieselbe jedoch nur unregelmäßig besuchen, da die Mütter den Segen des Unterrichtes nicht zu würdigen verstehen. Die Mädchen werden auch in weiblichen Handarbeiten unterrichtet und machen in diesen gute Fortschritte. Zum Schluss noch eine kleine Anekdote: Ein jüdischer Teppich- Händler hat sein Geschäft am Sabbath geöffnet. Ich machte ihm dieserhalb Vorstellungen, worauf er entgegnete: ,Was wollen Sie aber, mein Herr? Wenn ich am Sabbath schließe, so wird mein arabischer Nachbar mir alle Kunden abwendig machen; aber Sie müssen wissen, ich rauche am Sabbath nicht.* Ein Jude aus Tunis soll sich auch bei Stanley'» Karawane befunden haben, als dieser mit Emin Pascha nach der Qstküfte Afrikas zurückkehrte.

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