Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-06-01 · Heft 16 (1.6.1890) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 16 (1.6.1890)
Date
1890-06-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3453172-3453188--2871-3457166
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Boruemißa reifte allein nach Budaveft zurück, die Vorkehrungen zur Hochzeit wurden getroffen, und sofort, nachdem die Mutter aus Kairo .zurückgekehrt war, fand die Vermählung statt. Das junge Paar reiste nach der Trauung nach Kairo, in die Garnison des Gatten ab. Die Binder ans der Ehe mit dem Baron Boruemißa sind bei den Großeitern zurückgeblieben. Wie es heißt, hat Mr. Hovard Brown von ׳seinem Schwiegervater eine jährliche Apanage von 1500 Pfund Sterling — 18,000 fl. erhalten. Ob unter dem heißen Himmel Egyptens der ,sterblichen Liebe' oder der .jährlichen Apanage' wegen die zweite Ehe eine glücklichere fein werde, wird die Zukunft zeigen. — Wie unser auswärtiges Amt von jeder antisemitischen Färbung frei ist, beweist die That׳- sache, dass Graf Kalnoky nach dem .N. Pefter Journal" erklärte, dass der in Wien s. Z. nicht angenommene amerikanische Gesandte K. dies nicht der Eonsession seiner Gemahlin, welche Jüdin ist, sondern seiner ultramontanen Gesinnung zuznschceiben habe, welche, da sie bis zur Gegnerschaft gegen König Humbert sich verstiegen habe, auch in Nom feine Ablehnung herbeigeführt hatte. — Der Bischof von -Großwardein, Dr. Lorenz Schlauch, hielt am 19. Mai seinen Einzug in Szilägy-Somlyo und wurde daselbst in glänzender Weise empfangen. Auch der Oberrabbiner der dortigen israelitischen Gnltusgemeinde begrüßte ihn mit einer ungarischen Ansprache, von welcher der Bischof und dessen Umgebung sichtlich angenehm überrascht waren. Der Rabbiner feierte Len Bischof als edlen Menschenfreund, indem er an dessen jüngst gesprochene Worte: ,Die socialen Leiden müssen durch die sociale Liebe geheilt werden', anknüpfte. Der gelehrte Bischof drückte dem Rabbiner seinen wärmsten Dank für seine ,äußerst gediegenen Worte' aus und bemerkte, der .Redner habe treffend hervorgehoben ,dass fein Leitstern bei allen gesellschaftlichen Fragen immer nur das Princip der reinsten Menschen-;liebe sei, und zwar ׳ jener Menschenliebe, die sich auf sämmtliche -Classen, Nassen und Religionsbekenntniße erstreckt'. ,,Ich kann Ihnen versichern,' sagte Bischof Schlauch, ,.dass unsererseits nie und nimmer etwas geschehen wird, was mit diesem Principe auch nur im Ent- ׳ferntestcn im Widerspruche steht.' Lörrach. Der entlassene Lieutenant v. Liebermann war vor einigen Tagen nach Lörrach gereist, um in diesem friedlichsten der badischen Städchen seine schmachvolle Jndenhetze zu treiben. Doch hatte er seine Rechnung ohne Len — Dr. Rüdt gemacht. Dieser war von Heidelberg heraufgekommen, um bei einem Arbeiterfeste die Fest- -rede zu halten. Als er Lörrach betrat, erblickteer an den Straßenecken die Plakate des entlassenen Lieutenants v. Liebermann, welche zu einer .antisemitischen ,Volksversammlung' cinluden. Liebermann hatte Liesmal — so sicher war er seines Erfolges — Jedermann , freien Zutritt' gewährt. Dr. Nüdt traf nun sofort alle Anstalten, damit die ,Volksversammlung' auch recht zahlreich besucht würde. Punkt sieben Uhr war der Saal zum ,Storchen', wo die Antisemiten tagen wollten, strategisch besetzt, und zwar von 200 Arbeitern und freisinngen Bürgern. Der Hetzapostel v. Liebermann war in Begleitung einiger Mameluken erschienen und wollte alsbald den Vorsitz übernehmen und das Wort .ergreifen. Da erhob sich Dr. Rüdt und rief: ,In einer Volksversammluug hat das Volk selbst den Vorsitzenden zu wählen. Ich fordere deshalb zur Wahl eines solchen auf; nachher werden wir. des Weiteren sehen, ob die Versammlung gewillt ist, dass ein Juden-Hetzer im Widerspruch mit den Laudesgesetzen und der Verfassung in dieser Stadt sein schändliches Treiben fortsetze.' Nun erhob sich ein wahrer Sturm der Entrüstung gegen die anwesenden Antisemiten. ,Raus mit dem -Gester, erst Schulden bezahlen! Nieder mit Stöcker, nieder mit Liebermann, nieder mit dem Wucherer Pickenbach!' tönte es von allen Seiten. Als Ruhe eingetreten war, schlug Dr. Rüdt den Vorsitzenden des Arbeiterwahlvereines ,Wayß' als Vorsitzenden vor, der unter großem Applaus gewählt wurde. Jetzt erhob sich der Lieutenant v. Liebermaun, um sich abermals der Versammlung aufzuoctroyiren. Doch . so oft er zu sprechen beginnen wollte, unterbrach ihn das Volk, das er zur Judenhetze eingeladen hatte. Mit langen Gesichtern zogen nun der entlassene Lieutenant Liebermann und sein trauriger Stab ab. Das Hohugelächter und die Ehrentitel, die ihm an die Ohren klangen, mussten ihn überzeugen, dass man nicht alle Tage Kirschen schütteln kann. Sollte er nochmals in unser Städchen kommen, so soll es ihm gewiss noch schlimmer ergehen! W0M. Der hochselige Herzog von Aosta äußerte sich über die -antisemitische Bewegung, wie die ,Lombardie' berichtet, unter Anderem also: Ich kann diese-Feindseligkeit, zu der doch nichts berechtigt, riimmermehr begreifen. Ich erblicke darin den traurigen Beweis für die Thatsache, dass unsere raffinierte Civilisation doch nur ein Firnis bleibt, um den unveränderten primitiven Kern zu bemänteln. — Irr Modena starb der Oberst Ccsare Rovighi. Ehrenadjutant des Königs Victor Emanuel. In den Jahren 1846—1843 redigierte er eine Zeitschrift ,Israelitische Revue'. Er schrieb eine Geschichte des italienischen Krieges und eine Biographie des Herzogs von Genua. König Humbert schloß sich in einem Telegramm an die Familie ihrem Schmerze an. Waris. Der Erzbischof bekämpft die Feuerbestattung unter Berufung au f den jüdischen Brauch und auf den Ausspruch der Bibel: ,Von Staub bist Du und zu Staub wirst Du wieder zurückkehren.' Die Erde ist unsere gemeinsame Mutter, und Niemand ist berechtigt, dieselbe ihrer Kinder zu berauben. London. Bei herrlichem Wetter und unter Beifallsrufen der Menge stattete die Königin am 14. Mai dem Baron Rothschild in seinem Schlosse Waddesdoe in Buckinghamshire einen Besuch ab. Lord Rothschild erwartete Ihre Majestät auf der Station Aglesburg und begrüßte sie ehrfurchtsvollst. Auf dein Wege nach WaddeSdoe bildeten Schulkinder Spalier, und vor den Thoren des Schlosses überreichten zwei Mädchen Ihrer Majestät ein prachtvolles Bouquet. Nachdem die Königin an dem Lunch im großen Speisesaale theilgenommen hatte, besichtigte sie die Knnstschätz.׳ des Schlosses und machte einen Spaziergang in den herrlichen Park. Darauf pflanzte sie zur Erinnerung an ihren Besuch ein Bäumchen, wie dies schon der Prinz von Wales, der belgische König und der Schah früher gethan haben. — Eine in jüngster Zeit in einer Kirche zu. Lincolnshire gemachte interessante Endeckung würde vor nicht allzulanger Zeit die Juden Englands in die größte Angst und Gefahr gestürzt haben. Unter den Wandgemälden in der Allerheiligenkirche (Friskney) hat man ein solches gefunden, welches in unserm Lande wohl als Unicum gelten dürfte und die ,Hostienschändung durch die Juden' darftellt. Dieses Ereignis soll sich 1369 zu Brüssel zugetragen haben, obschon wir nicht t insehen können, mit welchem Specialfalle dasselbe indentificirt werden könnte. Im Mittelalter waren Märchen dieser Art sehr verbreitet, da in demselben die Juden öfters beschuldigt wurden, Hostien durchstochen oder mit Steinen nach denselben geworfen oder in anderer Weise die Priester bei Ausstellung der heiligen Einbleme beschimpft zu haben. Der Ausbruch solcher Beschuldigungen hatte gewöhnlich die schrecklichsten Leiden im Gefolge. Man kannte keine Grenzen für die den unschuldigen Opfern der Bosheit und Verleumdung zugefügte Grausamkeit. Das gewöhnliche Verfahren bestand darin, die Inden in ihre Häuser zu treiben und diese dann anzuzünden. In den meisten Fällen tödteten aber die gefangen gehaltencn Juden, um der Taufe zu entgehen, ihre Frauen und Kinder mit eigener Hand und stürzten sich dann selber in die Flammen. Wie falsch derartige Beschuldigungen waren, möge man daraus ersehen, dass selbst der ärgste Judenfeind, Schudt, sich weigert, für die Wahrheit der Geschichten, welche er anführt, einzutreten. In der That aber führt er selbst christliche Zrugniße für die Unschuld der Juden an und erzählt sogar, wie ein christlicher Priester des 14. Jahrhunderts die Hostie mit Blut bestrich und darauf die Inden beschuldigte, dieselbe geschändet zu haben. Solche erlogene Beschuldigungen wurden gewöhnlich noch mit dem detaillirten Zusätze ausgeschmückt, dass die Hostie wunderbarerweise blutete, wenn sie mit dem Dolche ketzerischer Inden durchstochen wurde. Merkwürdig ist es nun, wie ähnliche Gedanken immer wieder auftauchten und sich fortwährend erhielten. So lesen wir z. B. im Talmud von einer sehr ähnlichen Idee. Als nämlich Titus in höhnischer Weise den Vorhang im Tempel zerriss, troff Blut aus demselben (T. Babli Gittin 65). Später, so lesen wir in der jüdischen Geschichte, sollen die Pfeiler Roms am 9. Ab, dem Tage der Zerstörung des Tempels durch die römischen Legionen, Thränen vergossen zu haben. So kommen wir, ohne erst weiter zn gehen, auf den Ursprung und die Ausbreitung dieser Sagen, zu welchen die vergleichende Völkergefchichte fortwährend neue Beiträge liefern kann. Es ist ein Glück für die Juden, dass sie heute bei Erwähnung der Hoftienschändung, statt die vermutheten Erfolge fürchten zu brauchen, dieselben ruhig als einen Gegenstand rein antiquarischen Jutereffes betrachten dürfen. Danksagung. Allen meinen Gönnern, die mich zu meinem Doppel-» Jubiläum mit Gratulationen und Liebesspenden beehrt haben, statte ich hiermit meinen innigsten und herzlichsten Dank ab. Wien, im Mai 1890. Vaövirrer WoMrer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.