Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 16 (1.6.1890)
- Date
- 1890-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Gottesfurcht sichert daher den Bestand des Menschen, verlängert seine Tage und erwirbt ihm auch die äußeren Glücksguter seines Neichthumes. Auch Sirach sagt: Die Furcht des Herrn ist ein gottseliges Wissen, und die Gottseligkeit behütet und rechtfertigt das Herz, gibt Wonne und Freude. Wer den Herrn fürchtet, dem wird es wohl gehen, und am Tage seiner Vollendung wird er gesegnet sein. 6) Und weil der Gottesdienst zumeist auf Gottesfurcht bestebt, wodurch wir bekunden, dass wir nicht nur Kinder Gottes, sondern auch Diener Gottes sind, so heißt der Gottesdienst ,TTD# und bildet nach dem Worte der Mischnah die zweite Gruudsäule der sittlichen Welt.') (Fortsetzung folgt.) Gedenket der Tage der Vorzeit — erwäget die Aenderung der Zeitalter. V. SB. M. 32, 7. Dr. Gabriel Rreher IV. XXX. Kaum Hatte Rießer sich im mütterlichen Hause einiger- «näßen eingerichtet, als im Sommer 1831 eine ganz unerwartete, aufregende Arbeit seine Thatkrast derart beanspruchte, dass ihn zum ersten Male im Leben der Schlaf stoh. Kirchenrath Paulus in Heidelberg, ein Manu, der bis dahin unter den Vorkämpfern bcs Liberalismus stand, trat in einer von ihm redigirten Zeitschrift .Sophrouzion^ mit einer langen ausgedehnten Anklage gegen die Juden überhaupt und mit heftigen Angriffen gegen Nießcrs erste Schrift insbesondere hervor, und ließ dieselbe auch als j besonderes Buch zur weiteren Verbreitung, unter dem Titel: j 6) 1. 18. 19. 7) Einige verstehen unter die Arbeitsamkeit, ans welcher nebst der Thora und Mildthätigkeit die Welt besteht. ,Die jüdische Nationalabsonderung nach Ursprung und Folgen und Befferüngsmittel re./ erscheinen. Wiewohl Paulus während seines ganzen Lebens, den Kampf gegen christliche Orthodoxie geführt und die Autonomie der menschlichen Vernunft in allen Verhältnißen und speciell auf sein Fach anwendete, entblödete er sich dennoch nicht, mit erwähnter Schrift gegen Jndenthum und Judenheit aufzutreten. Das Christenthum, das er und seine Genossen sich bildeten, war nur eine Art Moralsystem, aus dem alle Beziehungen des Menschen zu Gott ausgemerzt waren. Was ihrer Nationalität zuwider war, wurde mit erbitterter Unduldsamfeit angegriffen und schonungslos bekämpft. Natürlich boten ihm somit Judenthnm und Judenheit ein allzu geeignets Feld. Paulus, der bisher daran gearbeitet vom Christenthum alles speciell Religiöse abzustreiten, verlangte, dass Jedermann sich zu seinem Nationalismus bekenne. Schon 1817 mengte er sich in den Streit der Frankfurter Juden gegen die Negierung und behauptete.׳ von Menschenrechten ' könne in dieser Frage' gar keine Rede sein. Menschenrechte seien diejenigen, die auch die Beisaffen und Schutzbefohlenen hätten, enthielten aber keinen Antheil am Staate. In seiner 1831 erschienenen Schrift sprach er den Juden ebenfalls den Anspruch auf Bürgerrechte ab. weil sie eine abgesondert bestehende Nation wären und bleiben wollen und zudem diese Absonderung als ihre religiöse Aufgabe betrachten. Die Rechte des Staates setzen aber voraus, dass man sich als zur deutschen Nation gehörig ansehe. Zweien Nationen aber könne Niemand gleichzeitig angehören. Darum können die Juden zu nichts mehr als zum Unterthanenschutze und höchstens zur Schutzbürgerschaft gelangen, wenn sie nicht bewiesen, dass sie nicht mehr den Willen haben, zu einer eigenen Nationalität zu gehören. Das können sie aber auf nachweisbare Weise durch die Taufe, wodurch sie nicht sowohl die Annahme des Christenthums als Religion wie eine Garantie ihrer deutschen Nationalität bekunden würden. Kurz wir haben hier die alten wohlbekannten Die Juden in Tunis?) Wenn wir leider so viel über die Bedrückung der Juden in Len verschiedensten Landern Europa's hören, so ist es wohlthuend zu vernehmen, dass dieselben in einem kleinen Winkel eines andern Grdthdils im wahren Sinne des Wortes Herren der Situation sind. In Tunis machen sie ungefähr ein Drittel der Bevölkerung aus und dennoch beherrschen sie alles Eigenthum und allen Handel in einem solchen Umfange, dass am Samstage dadurch die meisten Kaufläden geschlossen sind und ein großer Theil der, Stadt ein feiertägiges Gepräge zeigt. Die meisten Gehülfen in den Läden und Bankhäusern sind Juden, während fast alle- Schneider, Schüller und Zimmerleute derselben Religion angehöreu; Dienstmänner, Mäkler, Antiquitäten- Händler u. dgl. sind fast ausnahmslos Juden. Letztere haben Hypotheken auf den größten Theil des Grundbesitzes, so dass die Araber mit Grundeigenthum fast alle ihre Schuldner sind. Die Juden in dem europäischen Stadttheil kleiden sich fast wie ihre europäischen Brüder und sind von/diesen nur dadurch zu unterscheiden, dass sie in der Regel eine feinere Außenseite zur Schau tragen. Im Quartier der Eingeborenen kleiden sie sich nach orientalischer Sitte in einen Fez mit gewöhnlich blauer Jacke und weiten Hosen, Strümpfen und Schuhen, eine Kleidung, welche ihnen bei ihren schönen Gesichtszügen sehr wohl austeht. Die Frauen tragen ein höchst eigcnthümliches Gewand, nämlich weiße, baumwollene Hosen und ein kurzes Ober- *) Aus dem »Jewish Chronicle", übersetzt von L. Cohen. Siehe ,Magdeb. israel. Wochenschrift* Nr. 21, Zahrg. 1890. Hemde. Diese, wenigstens nicht sehr kleidsame Tracht scheint den Europäern noch sonderbarer Lei der ungewöhnlichen Korpulenz, welche die Frauen sich zu verschaffen suchen. Es gehört nämlich zu ihren Lebenszielen, so corpulent wie möglich zu werden, und wenn ein Mädchen sich verlobt, so erhält es vom Bräutigam ein Armband, welches vor dem Hochzeitstage die Arme genau ausfüllen müssen. Ich habe viele jüdische Familien besucht; das Gesicht der meisten Jungfrauen ist von auffallender Schönheit mit großen dunkeln Augen, anmuthigen Zügen und von langen schwarzen Haarlocken eingerahmt. Alle bemühen sich aber, die als Schmuck geltende Korpulenz zu erhalten und die meisten heiraten schon zu 15 Jahren. Ich habe sogar eine 25jährige Frau gesehen, welche bereits Mutter von 9 Kindern mar. Sind die Mädchen nicht vermögend genug, um heiraten zu können, so erhalten sie ihre Aussteuer und eine sonstige Mitgift aus einem zu diesem Zwecke gegründeten Vereine. Am Samstag sieht man im Judenviertel fast aus jedem Fenster 3 oder 4 liebliche Mädcheugesichte auf die Straße hinausschauen. Dieser Tag ist Besuchstag, und zahlreiche Frauen bewegen sich durch die Straßen in kleinen goldgestickten . Schuhen; ihre Hosen sind ebenfalls mit Gold- oder Silberlitze besetzt und die kurzen Oberhemden größtentheils von hellfarbiger Seide mit geschmackvoller Goldstickerei. Die verheiratheten Frauen tragen auf dem Kopfe eine hohe Mütze in Form eines Zuckerhutes und die Mädchen umwickeln denselben mit einem echt seidenen Tuche. Auch in Tunis Pstegt man die üble Gewohnheit des Schminkens; die Augen und Augenbrauen werden schwarz gefärbt, was man in Europa mit Recht für unschön hält. Ich hatte das Glück, einer jüdischen Hochzeitsfeier beiwohnen zu können. Die Braut tmg der Sitte entsprechend prachtvoll mit Gold-