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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-06-01 · Heft 16 (1.6.1890) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 16 (1.6.1890)
Date
1890-06-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 mächtiger Rauch und düsteres Gewölk aus dem furchtbaren Posaunenschall?) Absichtlich wird daher in unserer Stelle Donner und Posaunenschall vor Blitz und Rauch erwähnt, um uns auf die buchstäbliche Bedeutung des ״rauim“ und dadurch wieder auf die merkwürdige Erscheinung aufmerksam zu machen, dass die Israeliten am Sinaj Donner und Posauncnschall auch gesehen baben, und zwar srüher noch als den Blitz und das Gewölk. So originell diese Erklärung der Bibclstelle auch ist. so ist sie doch nicht neu. Der Talmud (Mechilta und Pirkeh d' N. Elieier) nimmt gleichfalls das Wort ״roim“ buchstäblich und meint, unsere Vorfahren Kälten durch ein Wunder den Donner gesehen. Der Talmud setzt aber auch unseren Vers unter die Kategorie der , Lückenhaften * * — ״mikro kozar“ — fügt ergänzend das Wort ״w'schoinim“ — ,und körten* — hinzu und bezieht beide Prädicate — ,sahen und hörten* — sowohl auf den Donner alS ans den Blitz, so dass die Israeliten den Blitz auch hörten, wie sie den Donner auch sahen. Diese talmudische Erklärung unserer schwierigen Stelle ist ebenso sinnreich, als dem biblischen Style angemessen; weil aber der Talmud das ,Donnersehcn und Blitzenhören* nur durch ein Wunder zu erklären vermochte, so fassten die modernen Bibelübersetzer das Wort rauim figürlich ans und setzten sich über die Schwierigkeit, die das Zuersterwäbnen des Donners bietet, stillschweigend hinweg. — Na sch i hingegen führt bloS die talmudische Ansicht an, und auch Babenu Schimon hagodaul zitirt in seinem bekanilten ״Schwuaus krauwaus“ biefe talmudische Stelle in ihrem vollen Wortlaute: ״Wchol boom ranim es haniroh w’haniscbmoh, w'schaumim es hanischmoh w'haniroh.״ ,Und das ganze Volk sah das Sichtbare und Höbare, auch hörte es das Hörbare und Sichtbare.* Aus dieser Auffassung unserer Bibelstelle ergibt sich uns nebenbei die wohl zu beherzigende Lehre, dass wir über die oft ,gar seltsam und wunderlich* scheinende Bibelauslegung des Midrasch und des Talmud nicht vorschnell den Stab brechen; denn was uns heute als paradox und widersinnig erscheint, kann mit der Zeit sich als ganz vernünftig und einleuchtend herausstellen. So warnt auch der sanfte Hilel (Aboth II, 2): Sage nie, dies sei eine Ansicht, eine These, die sich nicht erklären, nicht begründen lasse, da sie später — weil wohl begreiflich und leicht verständlich — allgemeine Zustimmung und Anerkennung finden kann.») 2) Aehnlich wie durch das Stoßen in die Posaune oder Trompete Luft — Hauch — ausgestoßen wird. 3) Für die Richtigkeit meiner Auffaffnng dieser schwierigen Mischnah- Stelle, reipective des ״Val taumar“, spricht der unmittelbar darauffolgende Spruch, sowie dort das ״Val taumar“ ein Ankündigungssatz ist, so ist es auch hier. ״Jagid olow reau.“ Die Gebete nach der heiligen Schrift und nach den Worten der jüdischen Gelehrten. Von Bezirks-Rabbiner A. Roth in Siklos. Der Gottesdienst wird mit dem Worte עמדה ausgedrückt. Gott sagte zu Israel: ,Ihr seid meine Diener und nur mir sollt Ihr dienen!* Zu den Worten in der heiligen Schrift: ,Zu lieben eueren 'Gott und ihm zu dienen mit euerem ganzen Herzen*, bemerkt der Talmud *) אי זהו עבודה שבלב הוי אומר זו תפלה und auch Maimonides deducirt aus den Worten in der heiligen Schrift, 2. B. M., V. 25 : ״Ihr sollt dem Ewigen euerem 1) Tanith 2a. Gott dienen', dass man mosaisch verpflichtet sei zu beten. In der Bibel finden wir nirgends ein feststehendes Gebet, die Juden hatten frühzeitig ihr Gayatnak, die Muhamedaner ihre erste Sure, die Christen ihr vom Judenlhume entsprungenes Vaterunser; unsere Bibel ermahn! nur, Gott zu lieben, ihm zu dienen, ihn zu chrfürchten, an ihm zu hängen, das Gebet ergibt sich dann von selb!). Alle unsere Gefühle, die uns nach oben hin beseelen, die uns in unserem Aufblick zu Goit erfüllen, drücken wir im Gottesdienste ans, wir halten uns als Diener Gottes verpflichtet, unserem alleinigen Herren zu dienen, ihm für die empfangenen Wohllhaten zu danken. Der ganze Begriff des Gottesdienstes liegt in den Worten Mosis: ,Und nun Israel, was fordert der Ewige von Dir, als Du Ehrfurcht habest vor dem Ewigen, Deinem Gotte, in seinen Wegen wandelst; ihn liebest und ihm dienest mit Deinem ganzen Herzen und Deiner ganzen Seele.' Die Ehrfurcht, die יראת אלה״ב, ist das wesentlichste Erfordernis, die ganze Bedingung des Gottesdienstes; so ermahnte Samuel: ,So habet Ehrfurcht vor dem Ewigen und dienet ihm in Wahrheit mit euerem ganzen Herzen, ihr sehet ja, welche große Dinge er sür euch gethan.׳) Die Ehrfurcht vor Gott muß mit der Liebe zu Gott auf's Engste verbunden sein, weil ohne Liebe die Gottesfurcht nur eine knechtische Furcht ist, wir sind מים למקום ועבדיב למקום durch Liebe und Furcht. Schon dem Talmud war die Ehrfurcht vor Gott keine מלתא יוםרא, weil dies Wort zu Mißdeutungen Anlass geben kann, da Gott doch nicht gefürchtet allein, sondern mehr geliebt werden will, daher wird die Ehrsurcht vor Gott im MosaismuS stets mit der Liebe gegen Gott als Gebot hingeftellt. Die Furcht vor Gott, wie die Diener ihren Herren fürchten, dass sie nicht bestraft werden, soll den Menschen veranlassen, den unsittlicheu Lebenswandel zu meiden.») ,Gott fürchte ich', gibt Joses seinen Brüdern als Grund ihrer Freilassung an. Salomon sagt: Die Gottesfurcht ist, Böses hassen, Hoffahrt, Hochmuth und bösen Wandel. Auch Jeremias sagt: Ich bin der Ewige, gebe ihnen einerlei Herz und einen Wandel, mich zu fürchten alle Tage, damit es ihnen und ihre» Kindern nach ihnen wohl gehe. Antigonus aus Socho sagt: Seid nicht wie die Diener, die ihrem Herrn um Lohn dienen, sondern gleicher denjenigen, die ihrem Herrn nicht des Lohnes wegen dienen, cs walte über Euch die Gottesfurcht. Gott ist Vater, König und Herr; himmlische Ehrfurcht müsse» wir vor ihm haben, wir müssen ihm dienen. Unsere Nabbineu lehren; Heil dem Manne, der Gott fürchtet und an seinen Geboten Wohlgefallen hat; an ihnen nur, und nicht an ihrem Lohnes) Auch Salomon endet in Koheleth mit den Worten: der Schluss von Allem ist: Gott fürchte und feine Gebote beobachte. Als Werke der Gottesfurcht nennen die Rabbinen die Feier von Sabbath- und Festtagen, den Besuch des Gotteshauses.») Die Gottesfurcht besteht in dem beständigen Gedanke» und stete» Gefühle, dass wir immerfort vor Gott wandeln, wir fürchten, dass fein allsehendes Auge in die geheimsten Triebfedern, in die verborgenste Werkstätte unseres Willens hineinblickt und unser Thun beobachtet und richtet. Von hier aus erklärt daher die heilige Schrift die Gottesfurcht als den Anfang der Weisheit und der Erkenntnis, die Weisheit als praktische Lebensklugheit und Erkenntnis als theoretische Einsicht. 2) I. Sam. 12. 24. ») Sp. Salom. 10, 27. *) Aboda Sara 19. ») Jebomoth 93.

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