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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-06-01 · Heft 16 (1.6.1890) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 16 (1.6.1890)
Date
1890-06-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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er gesagt hat, die andern haben all zugehört, dem Ch‘asen wie er sagt; dass keiner nits hat gesagt, der es nit verstanden hat. Aber itzunder hat jetlicher vor sich ein groß Machsor und schreyt höher als der Ohascn und sagt und wissen nit, was sie sagen; gleich as ein Vogel, der da schreyt, oder as ein Hund, der da bellt und der nit weiß was er bellt. Darum ist es gar eine wunderliche Sach' unsere schöne liebliche Thephilos, die wir haben, und sollen sie asso hinwegbringen mit Ohnverstand und Ohnvernunft, dass wir sollen drein schrcyen und hören den Ohascn kein Wort nit zu. War es nun nit besser, dass wir sollen still schmeygeu und sollen dem Ohascn zuhörcn?' Za, das wäre freilich besser, aber wie sollte setzt diejem seit Jahrhunderten eingefleischten Missstaude vorgebeugt werden können? Die sogenannten Frommen wollen nicht ׳־'יוצא״ sein und meinen: selbst sagen das macht seift, das macht selig! und die Neuen haben bereits nichts mehr, womit יוצא״" zu sein, sie bekommen fast nur Gesang, Chor und Orgel zu hören. Die citirte Stelle zeigt aber auch, welche bedeutende Stellung das Cantorthum im Judenthum zu allen Zeiten eingenommen hat und noch immer einnimmt, wie verzweigt und eng verbunden das erstere mit dem letztern ist. Ob in den Zeiten, als noch der Cantor der Gemeinde Gebete vorsagte und letztere blos mit ihrem aufmerksamen Zuhörern allein ihrer Betpflicht vollkommen genügte, oder ob, wie jetzt, die Gemeinde selbst mitbetst und der Cantor als Leiter und Führer derselben fungirt, immer ist und bleibt er ein bindendes Glied der Gemeinde, der sie beim Gottesdienste fest zusammenhält und deshalb ihr unentbehrlich und von ihr unzertrennlich ist. Und darum auch ist es so 1111־ endlich schwer, einem Nichtjuden begreiflich zu machen, wie nothwendig der Cantor der jüdischen Gemeinde ist und welches wichtige Amt er eigentlich innerhalb derselben zu vertreten hat; Alles begreift er wohl, nur das nicht. Wenn nun Hr. Niesenfeld in Nr. 2 d. Blattes, behufs möglicher Besserung der Lage des Cantors, die gerechte Forderung anfstellt: ,Dem Staate ein klares und umfaflendes Bild von der Bedeutung deS Cantors zu entwerfen, damit derselbe Gelegenheit habe, einzusehen, dass die Cantoren mit Recht fordern dürfen, nicht gänzlich durch den s Rabbiner verdrängt und in Schatten gestellt zu werden'', ist es gewiss recht und gut, allein ist das wohl möglich? Man müsste dann dem Staats klar machen, dass es bei uns erstens keine Seelsorge gibt, und hauptsächlich der Rabbiner hat nichts weniger als etwas mit der Seelsorge zu schaffen; im Gegentheil liegt ihm vielmehr die Körpersorge ob; er hat : besonders über die praktische Religion zu wachen, dass Alles in der Ehe, im Hanse und in der Küche recht sauber und honett, ganz nach jüdischreligiöser Vorschrift bleibe, und dann hat er die ihn aufsuchenden Zünger nicht Religion, sondern jüdische Wissenschaft zu lehren. Ferner müsste man dem Staate begreiflich machen, dass der ganze jüdische Gottesdienst nur vom Cantor einzig und allein abhängig ist, und hier hat mit ihm, nach den Grundsätzen unserer Religion, Niemand etwas zu theilen, und wenn Gebet und Gesang alleiniges Eigenthum der Seele sind, so ist eigentlich er der rechte Seelsorger. Wird das wohl ein christlicher Staat verstehen und wird er es uns glauben wollen, wenn wir es ihm sagen? Nie und Nimmer! Nur die Rabbiner allein könnten hier ersprießliches wirken, wenn sie der Wahrheit die Ehre geben und die Regierung darüber aufklären wollten; aber wenn sie wollten. (Fortsetzung folgt.) ן Donnern — sehen, und blitzen — hören! Von L. Buxbaum, Neligionslehrer in Wien. In dem interessanten Artikel ,Farben und Töne' in Nummer 12 dieser geschätzten Zeitung wird die innige Verwandlschast der Töne und Farben durch die Thatsachen bewiesen, dass es sogenannte ,Tonseher' gebe, Personen, welche keinen Ton hören, ohne gleichzeitig auch eine Farbenempflndung zu haben, wie es auch umgekehrt ,Farbenhörer' gibt, nämlich Leute, bei denen leuchtende Gegenstände T o n w a h r n e h m u n g e n Hervorrufen. Die Sache ist übrigens nicht neu, denn bereits vor Zähren wurde diese merkwürdige Erscheinung in der .Wiener medicinischen Wochenschrift' und auch in einigen Tages-Zournalen ausführlich besprochen, und auf Grund mannigfacher Beobachtungen wurde die ziemlich starke Verbreitung dieser .,Sinnes-Abnormität' mit 1272% constatirt, denn unter 596 Personen befanden sich 76 ,Doppelsinnige', theils ,Tonseher', theils .Farbenhörer'. Ist nun auch das Wesen der Doppelempflndung noch in Dunkel gehüllt, so führt doch deren unbestrittene Existenz zum Verständnis einer wohlbekannten aber recht unklaren Bibelstelle. Der Eindruck, den die Offenbarung am Sinai auf unsere Ahnen machte, wird 2. B. M. 20, 15 folgendermaßen geschildert: ״W’chol hoom rauim es hakaulaus ־vv’es hälapidim, w’es kaul haschaufor w’es hohor oschen.“ ,Und das ganze Volk sah die Donnerstimmen und die flammenden Blitze, den Posaunenschall und den rauchenden Berg.' Hier wird also mitgetheilt, dass das ganze Volk nicht blos den Blitz und den rauchenden Berg, sondern dass es auch den Donner und den Posaunenschall gesehen. Da man aber Donner und Posannenschall nicht zu sehen vermag, wird das im Urtexte gebrauchte ״rauim“ von Mendelssohn mit .empfand' und von Zunz, Philippsohn und Herxheimer mit ,gewahrte' übersetzt; und letzterer bemerkt in der Note: Weil man durch ״roauh-sehen' die meisten äußeren Eindrücke und am klarsten in sich aufnimmt, steht das Wort auch von Wahrnehmungen der Stimme und anderer Dinge, wie Genesis 27, 27; 42 1; Zesaias 34 16. Wenn nun auch zngestanden werden muß, dass durch ״roauh“ auch Eindrücke und Empflndnugen anderer, ja sämmtlicher Sinne ausgedrückt!werden, wie dies Leviticus 20, 17; Exodus 5. 21; Psalm. 34, 9 unwiderleglich beweisen, so wird doch jeder zugeben, dass hier das ״rauim“ unmöglich ,wahrnehmen' oder ,empfinden' bedeuten könne. Denn in unserem Verse wird berichtet, dass der Donner vor dem Blitze, und der Posaunenschall vor dem rauchenden Berg wahrgenommen wurde, was doch im Widerspruche mit der Wirklichkeit ist, da doch der Blitz zuerst sichtbar und der Donner erst später hörbar wird. Auf Grund der Doppelempflndung aber enthält unser Vers weder Unbegreifliches noch Widernatürliches. Die Bibel, die nach Ausdrücken sucht, die imstande wären, uns überhaupt eine Vorstellung von den übernatürlichen Erscheinungeu am Liuag zu machen/) berichtet, dass Donner und Posaunenschall von solch' überwältigender, aller Beschreibung spottender Kraft und Stärke waren, dass man selbe nicht blos hörte, sondern dass man sie auch sah, in den verschiedenen Farben nämlich, die eben diese gewaltigen Geräusche, dieses schauerliche Grollen und Tosen hervorlockten. Die Farben des Donners sind aber früher sichtbar als der Blitz,׳ da die Farben mit dem Donner zugleich entstehen, während der Blitz erst durch den Donner entsteht. Dasselbe gilt auch vom Posaunenschall, denn wie der aus dem Donner . entsteht, so entwickelte sich 7 Wie sich Exod. 24, 10 bestrebt, das ״Esch aucheles b’rausch hohor״ zu versinnlichen.

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