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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-05-01 · Heft 13 (1.5.1890) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 13 (1.5.1890)
Date
1890-05-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— © — thatsächlich zu den Kunstfertigkeiten tüchtiger Cantoren. Laien, selbst in früheren Zeiten, vermochten dies nicht zu leisten. Hierzu Aebört entschieden der ganze Apparat eines jüdischen Cantors comme 11 faut, wie Brustkasten, Lunge, geeigneter Keblkopf und unverwüstliche Stimmbänder. Denn nur mit diesen unversehrten Organen ist es ihnen möglich, den Anforderungen orthodox sein wollender Gemeinden zu genügen und die Feier der Niederlage des persischen Antisemitismus durch correkte Vorlesung der Megilla innerhalb 20—25 Minuten würdig ans-und anfzusühren. Jndeis die Herren Cantoren sind an solche anstreng ende Synagogenleistungen gewöhnt, wie beispielsweise Musfafim der ,furchtbaren Tage', oder die correkte Vorlesung von Wjackhel-Pkude, Chukat und Balak, ja sogar Takria M'zora schadet gottlob nach Ansicht orthodoxer Gemeinden ihrer unverwüstlichen Constitution nicht. Die Cantoren Oesterreichs waren zudem diesmal durch die wahlhail klassischen Reden der Heren Abgeordneten, Rabbiner Dr. Bloch und Professor Dr. Zucker, durch welche der österreichische Antisemitismus — wenn auch leider noch nicht wie der persische gänzlich erlegt — doch jedenfalls zur Strecke gebracht wurde, sicher gestärkt und in gehobene Stimmung versetzt worden, was gewiss ihre anstrengende Thätigkeil um Vieles erleichtert hat. Die gegenwärtigen, wie die zukünftigen Inden werden hoffentlich derartige heroische Forderungen an iore Cantoren nicht stellen, einstenS die Niederlage deS europäischen Äntisemitismns von Stöcker und Böckel cic. durch Verlesung ihrer unwürdigen Namen u. 3: in einem Ärhemzuge zu feiern. Diese Geueralseicr kann und wird überhaupt nur begangen werden, bei Bewährung der prophetischen Verheißung Zes. 11, 9: ,Wenn die Erde so voll sein wird mit Gottes-Erkenntnis wie das Meer mit Wasser — daun, aber mir dann werden die Herren Antisemiten nicht schädigen und nicht verderben Israel.' Und von diesem prophetischen Ideale sind wir tciter noch weit entfernt, aber erreicht wird es unbedingt werden. Der Antisemitismus ist bekanntlich ein herziger, alter Knabe bleibt immer jung und scheint leider an Uustcrölichkeit zu leiten. Existirt er doch bereits 4000 Jahre, 11. z. seit dem Zeitalter der Patriarchen, wie aus dem ersten B. M. mehrfach erhellt. Derselbe erschtint in widerlichen, wioerhaarigen Metamorphosen. Bald in Gestalt der verkörperten Intoleranz des Nacenhasses — 1. B. M. 17, 8. Die Antisemiten Sodoms sprachen zum Semiten Lot: .Scher' Dich weg! Der Einzige fand Ausnahme bei unk, und will Len Richter spielen' — bald als der personifieirte Neid, wie Cap. 26, 14: .Und die Philister beneideten Izchak' — bald wiederum in Form der Undankbarkeit und deS großen Menschenhasses, wie rhn die Egypter gegen die Nachkommen Jakobs bethätiglen und bereits in diesem geschätzten Organe unlängst erörtert wurde. Meines Erachtens bezeichnen Antisemitismus und ScmitismuS die verkörperten Neigungen deS Bösen und Guten. Jezer Ha und Tob. Die böse Neigung im Menschengcschlechte ist dekanntlich, obgleich wir alle vom wahren GottcSsobne, von Adam, stammen, wahrhaft antidiluvianisch. Cap. 6, 5: ,All' seine Neigung und Dichterei ist immerwährend nur BoSbeit' — während die guic Neigung uns erst bei geistiger Reife mit 86m auslrilt, und von da ab beginnt dieser Gotteskampf für Recht und Tugend und wäbrt von Geschlecht zu Geschlecht. Der Antisemitismus wurde auch seitdem in meisterhaft, beredter Sprache bekämpft und widerlegt. Neues ist entschieden unmöglich gegen denfetben zu lagen; cs wäre dies auch vergebliche LicbcSmübe und geradezu Wort- und Zeitvergeudung. Denn gemeine Naturen -können nicht durch Worte, selbst wenn sie mir Engclszrnrgen gesprochen würden, belehrt werden. (Lprüche 29, -19.) Wer, wie Ihr Correspondcnt/ sich mit der jüdischen Geschichte, besonders mit den gediegenen Werken Dr. G. Nicßers und mit der Emancipations-Litteratur befasst, wirdmir gewiss zugeben, so schön und elastisch Oesterreichs jüdische׳ Abgeordnete auch gesprochen, Neues vermochten sie nicht zubieten. Sie genügten nur der Pflicht, und zwar rrotbgedrurrgen^ Ihr unbestreitbares Verdienst ist und bleibt, dass sie öffentlich׳ einen Hidr186b 8a86b6m geübt, den österreichischen ArrliserlritismuS zur Strecke gebracht und luomcirlarr dieser Hyder den Kop'st verwirr! haben — abgeschlagen aber keirresweges. Selbst wenn dies gelänge, cs würde nichts nützen, denn er wächst leider die ec ,Schlange nach dem Aussprüche des Hagadi'ten in jedem Zeitalter wieder, bis die Menschheit von richtiger Golteserkennlnis erleuchtet׳ sein wird. Nach dieser, wie ich bofsc, nicht rurzeitgemäßen Abichweifurrg kehre ich zu meinem eigentlichen Thema, die Emaucipatioilstbätigkei! Dr. Gabriel Nießer's, zurück und knüpfe den Geschichis» faden neuerdings an die französische Nsvolurion von 1830. Die Wirkung, welche die Julirevolrrtion aus Deutschland׳ hervorbrachte, war ein unbeschreiblich gewaltiger Zürrdstosf, der nur des Funkens bedurfte, um in mächtigen Flarrlirren auszulodern, und in allen Staaten in reichlicher Fülle vorhanden war., Volkkbewegurrgen brachen an sehr vielen Orten aus, und die Jugend war froh erregt. Konnte sie auch nicht Alles vertbeidigen,. was geschah, so sab sie doch irr der Bewegung selbst einen. Uttgeahttlen Fortschritt und knüpfte an die neue Periode die׳ lebhaftesten Heffnurrgell. Die Negierungen waren erichrcckr, die Höflinge wagten cs nicht mehr, ihre Willkür an die Stelle des׳ Gesetzes zu setzen, man durste wieder laut reden und ohne.Gefahr׳ für Freiheit und Vermögen die Gebrechen des Staates bezeichnen׳ und tadeln. Die Zeit, von der so Viele in ihren jugendlichen Idealen gelrärnm hatten, schien gekommen zu sein, und was noch fehlte, das hoffte man zuversichtlich irr nächster Zukunft zu erreichen.- In dieser Zeit kebrte Nießer nach Hamburg zurück, um im mütterlichen Hause die Entwickelung der großen Zeilbegcbenbeiten zu beobachten. Zttzk schien ihm der Zeitpunkt gekommen, wo auch ftinc Glaubensgenossen eine Lösung ihrer Fesseln mit Recht, erwarten konnten. Louis Philipp hatte das Wort gesprochen: ״La charte sora desormais une verite.“ Auch die deutsche Bnnd.sacle musste zur Wahrheit werden. Mau musste Press-- fr«bett,-cr>llstilrtt1onellLNsgisrnng urrd'GrwisserrSsrelbcit-gewähren, wenn irgend einmal, so war es der jetzige Moment und musste benutzt werden. Nießer's eigene trübe Ersabrungen der letzten Jahre veran'.a>s:en ihn, die Nechtmäßigkeit der Zustände,, die auf Dcnlschland's Juden tasteten, in reifliche Erwägung zu ziehen. Schon im Herbst 1829 sprach er jeiuem Biographen Dr. Zsler gelegentlich seine Absicht aus, dieses Tbema in einer״ eigenen Schrift zu behandeln. Sein sittliches Gefühl empörte 'sich gegen Unrecht, wo es immer hervortrat. 'Von vorncherein erklärte er cs für die Aufgabe seines Lebens, für das Rechtseiner Glaubensgenossen anszulreten, ohne aber alle anderen Fragen des Rechtes und der Sittlichkeit anszuschließen. Er sprachnicht für sich, sondern für sein Volk, er IctteUe nicht, sondern forderte, was ihm gebührte, weil cs recht und sittlich war: ,Wer mit dem deutlichsten Bewusstsein an eiiur guten Sache sein Leben setzt, ist er darum zu tadeln, weil er mit der guten Sache״ sein eigenes zugleich verlheidigt?' Im Jahre 1830 war der Zustand der Inden Deutschlands noch ein sehr trauriger. Alle Abstufungen der Ausschließungen von der Thcilnahme am Rechte des Bürgers konnte mau in den verschiedenen Gesetzgebungen verfolgen. Es gab Städte und׳- Staaten, die durchaus keinem Inden Zutritt gestatteten, besonderszeichnete sich Bremen hierin aus. (Fortsetzung folgt.).

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