Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 13 (1.5.1890)
- Date
- 1890-05-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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7׳ Kleine Chronik. Wien. Es verlautet hier, dass im Lause der nächsten Tage -ein Secretär des Baron Hirsch bei Herrn Rosner, dem Vorstände der äsr. Cultusgemeinde Hernals-Ottakring-Neulerchenseld, erscheinen wird, um den bei den Exeessen in den jüdischen Geschäften dieser Vororte angerichteten Schaden, festznstellen und ihn im Aufträge des Baron Hirsch vollständig zu ersetzen. Thatsache ist, dass behufs Eingabe an die Behörde vom Präses Nosnet nachfolgende Schadenbeträge eruirt wurden: Ludwig Eisenstädter, Nenlerchenfeld, Thaliastraßs, 962.50 fl.; bei Saul Perlberg, Nenlerchenfeld, Liebhartsgasse, 1100 fl., nachdem selbem 600 fl. von der Asseeuran; ersetzt wurden; bei Simon Knöpfetmacher, Ottakring, Ottakringerllraße, 306 fl.; bei Adolf Engel, -Ottakring, Eisnerstraße, 2100 fl.; Paul Ehrenreich, Ottakring, Blumbergasse 250 fl.; bei Moriz Grünhut, einem ans beiden Angen erblindeten Manu, Ottakring, Abelsgasse, 400 fl.; beim Käsehändler Ad. Buch, Ottakring, Reinhartsgasse. 50 fl.; bei dem Kleiderhändler Jakob Fischl. Ottakring, NeinhartSgasse, 50 fl-; bei R. Seidncr, .Ottakring, Hauptstraße 150 fl. Die eren^alls in'» Akitleid gezogenen Branntweinschäilker Nowak und Witrowski haben keine Ansprüche erhoben, sondern zn Gunsten der anderen Betroffenen ans jeden -Schadenersatz verzichtet. Wien. Es wurde bei einem hiesigen anerkannten Maler ein Madonneubild für eine katholische Kirche bestellt. Der Künstler nahm die k. k. Hofopernsängerin Frl. Lola Beeth zum Entwurf. Die Bestetter nahmen ahnungslos das Bild in Empfang und der Künstler wurde reichlich hcnorirt. Als jedoch die frappante Aehnlichkeit mit der schönen Sängerin sich heransstellte, war es unmöglich, eine Jüdin als katholische Heilige zn verwenden. Vergebens wird der Maler zur Abänderung des Bildes oder Rückgabe des Geldes anfgefordert und soll chierüber das Gericht demnächst die Entscheidung treffen. Lemberg. 25. April. Nach einem Kolomeaer Telegramm polnischer Blätter haben sich in vier bei Gwokziec gelegenen Dörfern in Folge der -Hetzreden eines antisemitischen Advocaturs-Candidaten Bauern und Feldarbeiter zusammengerotter, worauf dieselben in die Wohnungen der jüdischen Propinations-Pächter eindrangen und daselbst plünderten. Dis 'Verwüstungen sollen eine große Ausdehnung genommen haben. Die Gendaruurie sah sich-veranlasst. Succurs nachzusuchen. - DerNu. Ulber die Stellung des Kaisers Wilhelm zum Judenth'ume ist in letzter Zeit öffentlich und privatim viel gesprochen worden. .Ich kann' — schreibt hiezu ein Berliner Berichterstatter der ,Angsb. Ab. Ztg.' — ,aus zuverlässiger Quelle mittheilen, dass der Kaiser jeinen; jüdischen Ilnterkhanen nicht anders gegenübersteht, als den christlichen. Seit er das Gymnasium in Caffel besuchte, hat er eine gewisse Vorliebe für seinen damaligen jüdischen Mitschüler, den Assessor Dr..Sommer, gefasst und demselben fein Wohlwollen auch mach der 'Thronbesteigung mehrfach bewiesen. Dr- Sommer, der ein recht beschsidener und befähigter Mann sein soll, ist vom Kaiser wiederholt empfangen worden, und zwar gieug nach meinen Nachrichten die Anregung zum Empfang stets vom Kaiser ans. In den letzten Tagen hat der Kaiser auch einen jüdischen Prkvatsecretär in seinen persönlichen Dienst genommen-' Magdeburg. Aus Württemberg geht der ,Magdeb. isr. Wochenschr.' ein Bericht über die misslichen Verhältniße der dortigen Lehrer-Cantoren zu, der gewiss das Jntereffe der Leser Ihres geschätzten Blattes erwecken durfte. Derselbe lautet: ,Wir israelitischen Lehrer zerfallen in zwei Kategorien: 1. in solche, die Schullehrer und dabei ׳Vorsänger sind; 2. in solche die nur Vorsänger sind. Erstere haben den ganzen Jammer eines Schullehrers zu tragen, dabei alS Vorsänger geringstenfalls die ganze Liturgie im Gottesdienste zn versehen, mir dem -Rabbiner sich in den Religionsunterricht zn theilen und im israelitischen -Kirchelivorsteheramt als Protokollführer zu functionieren. Da. wo kein ^Rabbiner ist — und es ist in den meisten Gemeinden der Fall, dass, wo, ein Schullehrer-Vorsänger angestellr ist, der Nabbinatssitz daselbst sich nicht beftndet — hat der betr. Schullehrer-Vorsänger noch als gesetzlicher Srellvertreter des Rabbiners den vollständigen Religionsunterricht zu ertheilen. die Sabbalhpredlgt zu halten, der Seelsorge sich anzunehmen und im Kirchenvocsteheramt den Vorsitz zu führen. Kein Wunder, wenn unter solchen Umständen die meisten iiraelitifcheu Schullehrer-Vorsänger an den Stimmorganen erkrankt sind und waren! Aber wie werden alle diese Aemter bezahlt? So viele Nebenämter sollten doch auch entsprechend honorirt sein! Ja sie sollten wohl sein, sie sind es aber nicht. Der Schullehrer-Vorsänger bezieht seinen Schullehrergehalt — meistens die Minimaltaxe — und dazu 80 Mk.' aus der Centralkirchenkaffe. Da ist der reine Vorsänger viel bester daran. Elementarunterricht braucht er nicht zu ertheileu, den NeligionSuutericht theilt er meistens mit dem Rabbiner; denn der reine Vorsänger sitzt meist in Städten, und da sind eben auch dis RabbinatSsitze. Der Gehalt des reinen Vorsängers ist gewöhnlich höher, als der des Schullehrer-Vorsängers; er sitzt ja in leistungsfähigeren Gemeiuds». Mit diesem Unterschiede könnten wir israelitischen Lehrer Württembergs uns jedoch aussöhnen, wenn die älteren Lehrer principiell ans dis weniger mühevollen und bester berahltsii reinen Vorsängerstelleu befördert würden. Das ist aber leider nicht der Fall; denn für dis reinen Vorsängerstelleu haben die Gemeinden das Wahlrecht und dis Gemeinde neht mitunter nicht ,auf'S Herz' sondern ans den krummen Rücken — der aber gottlob bei den württ. israelitischen Lehrern eine Seltenheit ist — nnd aus ein angenehmes Stimmorgan. Mit Rücksicht auf letzteren Punkt werden denn auch in der Regel junge Leuts gewählt und der Alte bleibt eben sitzen. Das Wahlrechr der Gemeinden für dis Besetzung der Vorsängerstelleu ist überhaupt etwas unzeitgemäßes und unlogisches, es ist Ausnahmegesetz; denn sowohl Kirchennnd Schulämter werden von kgl. Behörden besetzt: der Rabbiner vom Cnltns» Ministerium, der Schnllehrer-Vo,fänger von den kgl. Schulbehörden in Uebereinstimmnng mit der kgl. israelitischen Oberkirchenbehörde, warn», macht man nun beim reinen Vorsänger eine Ausnahme? — DaS Wahlrecht der Gemeinde schädigt aber noch mehr, wenn wir in Berracht ziehen, dass es auch den Bestand der allzeit tüchtigen israelitischen Volksfchnle untergräl't; denn schon manche Gemeinde hat ihre Volksschule (Consessionsschnle) ansgegeben nnd eine reine Vorsängerstelte errichtet, nur um selbst den Lehrer wählen zn dürfen.' Mainz. Montag den 14. April verschied nach längerem Leiden im Alter von 59 Jahren der Rabbiner der hiesigen Gemeinde Dr. M. Lehmann. Als Führer der Orthodoxen und Redacteur des von ihm zur Bekämpfung der Reformer gegründeten Organes ,Israelit' genoss ter Verblichene eine hervorragende Stellung im Jndenthums. Das Leichenbegängnis fand unter außerordentlicher Thsilnahme, namentlich ans rabbinischen Kreisen, statt. Luxemburg. Der Stadtrath genehmigte die unentgeltliche Ueberlassnng eines der schönsten öffentlichen Plätze der Stadt zum Ban der neuen Synagoge, sowie eine Snbsidialsumme von zehntauftnd Franken. Petersburg. Die Agitation der Studenten an den russischen Universitäten ist nicht ohne Bedeutung für unsere Glaubensgenossen. Die Studenten verlangen u. 31., dass auch die Juden ebenso wie dis Nichtjudeu in unbeschränkter Zahl zugelassen werden. Dieses Vorgehen zeigt uns, dass der Edelsinn und die Begeisterung der gebildeten rnssischen Jugend für das Recht weit erhaben sind über die Vornrtheile, welche die herrschende Klasse ihnen einzuslößen, sich bemüht- AnS solchen Symptomen leuchtet für unsere Brüder ein Hoffnungsstrahl. Vielleicht׳ werden die Wünsche der Studenten vorlänsig noch zurückgewiessn werden; man wird ihre 3ln!räge berücksichtigen. 3lber die Zeit wird ihre Bestrebungen mit Erfolg krönen, und in d.׳m Kampfe zwischen dein starren Militarismus, der offisiellen und der liberalen Gesinnung der vorwärtsltrebenden 'Arbeiterklasse muß der Sieg Loch endlich denen zn Theil werden, welche die Zukunft repräsentiren. — Die Statute» des Vereines zur Unterstützung jüdischer 3lckerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina haben die Genehmigung der russischen Regierung erhalten, welche sich gegen Vereinsbildungen, besonders jüdische, foult sehr ablehnend verhält. Es ist dies geradezu ein Ereignis für die rusfifche Judenheit. Um das Zustandekommen des Vereines bat sich der Herausgeber des .Hameli;' hervorragende Verdienste erworben, wofür ihm die vollste ^Anerkennung gezollt werden muß. Wir appelliren nochmals an den rollegialen Sinn unserer geehrten Abonnenten, Vre rückständigen Ndonnemrntsdeträge umgehend rinzusenden. Bei einer solchen Gleichgiltigkeit» wir sie nach dieser Richtung gegenwärtig herrscht» wird es uns fast unmöglich gemacht» für die Interessen unseres Standes fernerhin chätig zrr fein. Die Redaktion.