Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 12 (21.4.1890)
- Date
- 1890-04-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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LcS Gottesdienstes, Sulzer passte die mehr denn 2000jährigen Weisen dem modernen Zeitgeiste ' an. Dieser verfasste im Vereine mit den großen Musikern Schubert, Seyfried, Würfel das bekannte Werk ^Schir Zijon', mit welchem er Schule machte und drm Zndenthnme bluen gefälligen, erhebenden, modernen Gottesdienst schuf. Sulzer fand denn auch rasch Anhänger und Nachahmer, die ihn cominentirten, ja sogar ergänzten, denn schon in den Fünfziger Zähren hörte man Synagogalgesänge vom königl. Musikdirektor Lcwäudowsky, ferner die ^Breslauer-Gesänge' von Deutsch, und endlich die in Ungarn zumeist verbreiteten Synagogen- Gesänge des Araber Chor-Dirigenten Adolf Grünzweig in den meisten Chor-Tempeln auffnhren. - Jedes Volk, jede Gesellschaft ehrt sich selbst, wenn sie ihre ver-- dienftvLÜen Männer ehret und auszcichnet.' Die ' Araber israelitische Culrusgemeinde verdankt Grünzweig in cultureller Beziehung außerordentlich viel, und wenn die Anhänger demselben aus Anlass seiner vierzigjährigen Wirksamkeit eine Ovation darbrachteu, so zollten sie ihm nur einen kleinen Tribut der Anerkennung für die Hebung des jüdischen Gottesdienstes in Arad, welche Grünzweig in erster Reihe zuzuschreibeu ist. Viele unserer Leser werden bei dieser Gelegenheit gerne Einiges über das Leben und Wirken Grnnzweig's vernehmen. Seine Jugend- und Studienjahre verbrachte Grünzweig in stetem Kampfe um's Dasein, doch durch Fleiß, Verständnis und Ausdauer gelang eS ihm bereits, schon in seinen Zwanziger Jahren in verschiedenen Cultnstempeln als Chor-Dirigent zu fungiren und in mehreren Gemeinden Chöre einzuführen. Er erfasste seinen׳ Beruf stets mir wahrer Begeisterung, und so sehen wir ihn schon im ersten Maunesalrer in der Reihe der Compositeure. Sulzer, Lewandowsky, Naumburg in Paris zollten ihm und seinen Compoßtionen vollstes Lob und munterten ihn zu fernerem Schaffen auf. Seit 1855 Chor-Dirigent der Araber israelitischen Cultusgemeinde, erschienen von ihm circa 170 Gebete nnd Psalmen in Musik gesetzt, welche dem Araber Tempel-Nepertoir eingereiht wurden. Die meisten dieser Gesänge sind den hiesigen Tempelbesuchern bekannt, und fast alle trugen wesentlich zur Hebung des Gottesdienstes bei, denn dieselben sind derart melodiös, dass sie sowohl Sachverständigen, wie auch Laien Zusagen. Seine Meisterschaft im polyphonischem Style und die glückliche Losung seiner mitunter schweren Aufgabe, die Melodie dem Texte richtig anzupassen, haben ihm vielseitige Anerkrnnung verschafft. Der Araber Tempel-Ehor wurde von ihm wiederholt regenerier und steht heute auf einer Stufe, die in Oesterreich-Ungarn — mit Ausnahme Wien's — vielleicht kein Tempel-Chor erreicht. Grünzweig's Ccmpcsitionen, die im Druck erschienen, sind auf dem ganzen Continente, ja sogar in einzelnen größeren Gemeinden Amerika'» ausgenommen, und geben wir daher nur unserer Freude Ausdruck, dass einer der Unseren durch Talent und Fleiß seinem Namen auch außerhalb der Grenzen unseres Vaterlandes Ehre verschaffte, und dass die geplante Ovation einem vollkommen Würdigen zu Lhcil ward.' Kieme Chronik. Wie«. Zn voriger Nummer brachten wir die Nachricht, das» Obercamor Singermann in Troppau nach abgekalteuem Probevortrage in Breslau unter Vorbehalt der Zustimmung Seitens der preußischen Regierung acceptirt worden sei. Auf diese Notiz hin wurde der Lroppauer Cultus-Vorstar.d bereits von einer Anzahl von Anträgen uud Bewerbungen überschüttet, die wohl zum größten Theil von nicht in Stellung befindlichen, sogenannten ,Cantoren' herrühren. Da die Aufnahme Siugermaun» in BreSlau, und in Folge besten auch sein Abgang von Troppau noch nicht sicher ist, halten wir es dem Anfehen und der Würde des Cantoreustandes nicht entsprechend, wenn trotzdem schon jetzr aus den Kreise» der ernst zu nehmenden Berufsgenosten Anträge an den Troppaucr Vorstand einlangeu. Ein Cautor, der seiner Ehre nichts vergeben will, darf nach unserem Dafürhalten erst dann׳ sich um einen Posten bewerben,. wenn ein diesbezüglicher ConcurA ausgeschrieben ist, oder wenn ihm ein officieller Antrag hiefür vorliegt. Wir bitten die geehrten College» im Interesse unseres Standes dies zu beherzigen. Wie«. DaS Gesetz zur Regelung der äußeren NechtSverhältiiiße׳ der - israelitischen Neligionsgesellschast hat bereits die Allerhöchste Sanction erhalten und wurde Dienstag am 15. d. M. in der ,Wiener Zeitung' amtlich publicirt. Wie«. Am ersten Tage Pessach wurde, wie bereits gemeldet, im Seitenslettentempel die Barmizwahfeier des ältesten Sohnes des- Freiherrn- Albert v. Rothschild, Georges Anselm, begangen. Nach- Beendigung des Gottesdienstes, bei welchem der Barmizwah die Haftora mit vielem Verständnis nnd in vollendeter Weise vortrng, fand im Palais Rothschild ein Dejeuner statt, zu welchem mehrere hervorragende Mitglieder der jüdischen Gemeinde, sowie auch Prediger Dr. Jellinek. Rabbiner Dr. Güdemann, Obercantor Singer nuh Neligionslehrer Kanitz geladen waren. Der Barmi.wah kielt eine Ansprache an die Eltern und die velsaminelteu Gäste, worauf Freiherr v. Rothschild einen Toast auf die Funktionäre sprach, dem Dr. Jellinek erwiderte. Nach dem Mahle sprach der Barmizwah das Tischgeber laut und vernehmlich vom Anfang bis Ende, mit den üblichen ,ResLus'. wobei er eine in solchen Kreisen selten anzntreffende Kenntnis des Hebräischen bekundete. Die üblichen ,Horachamou' trug Obercantor Singer vor. — Von anderer Seite wird über diese Feier Folgendes gemeldet: Es war eine durchaus jüdische Feier, und alle Theilnehmer hatten die wohlthuende Empfindung, dass der Glan; des Speisesaales nnd der Tafel, bei welcher zahlreiche Bediente aufwarteten,. gehoben war von einer Wärme, wie sie nur treue Anhänglichkeit ciii da- Indem hum nnd jüdischer Familiensinn verbreiten können. Dies zu bekunden, erachten wir umsomehr für eine willkommene Psticht, alsunsere reichen Inden nicht gerade durch jüdische Solemnitälen von sich reden machen, und als selbst die Nicht!eichen es in diesem Punkte den Neichen gbichthun. Wie wir hören, werden die Norbschild'schen Kinder angehalten', an Sabbathen nnd Feiertagen weder zu schreiben, noch zu fahren, und es ist dafür Sorge getragen, dass sie fortgesetzten religiösen Unterricht erhalten. Nach einem Aussprache unserer Weisen, ist es die Frau, welche das Haus unsmacht. Fran Baronin Bettina v. Rothschild hängt mit inniger Treue an dem Judenthnme und ist mit dem Nitualwesen desselben in nicht gewöhnlicher Weise veriraul^ Verlangte sie doch, dass der Barmizwah vor dem .Benschen' sich die Hände wasche, was bei einigen Anwesenden, und wenn wir nicht irren, selbst bei dem Hausherrn, Verwunderung hervorrief, während die Sachkenner sich sagen mussten, dass Frau Baronin Nolhschitd wohl die einzige Dame in der jüdischen ,Gesellschaft' fei . die von dem- Gebrauche deS ״Majiin acheronim“ Kunde habe. Man sieht, dass- Liebe zum Judenthnme und eingehende» Verständnis, sowie Pflege desselben dem gesellschaftlichen Ansehen d.S Hauses Rothschild nicht zum Nachtheile gereichen. Wir sagen damit vielleicht zu wenig. Sie gereichen demselben zum Vortheile, denn der Adel deS Lande» hält esherkömmlich u:.d naturgemäß mit der Religion, während leider ein großer, wenn nicht der größte Theil des jüdischen Adels von der Religion nichts weiß und nichts wissen will, sondern seine Standeserhöhung als eine Erhöhung über das Judenthum anzujehen scheint.. Frau Baronin 3iothschild hat dagegen ein feines Verständnis für dieses Mißverständnis, welche» für den Adel de» Landes ebenso an-׳ stößig ist, wie für die große Masse der nnadeligen, aber edlen und warmsühlenden Juden. Deswegen können wir nicht unterlassen, dem- Hause Rothschild für die jüdische Haltung, die es anlässlich der Barmizwahfeier öffentlich bekundet hat. unsere volle Anerkennung auSzudrncken, und wenn wir davon den größeren Theil der Hausfrau zumesfeu, so wird der Hausherr durch diese Vertheilnng sich ebenso-׳ wenig verletzt fühlen dürfen, wie jene Mutter, von deren Schönheit Hora; sagt, dass sie von der Schönheit der Tochter übertroffen werde.. ^rag. Der neue Oberrabbiner Herr Dr. Ehrenfeld, dem der hiesige Stadlrath bereits die Heimatsberechrigung ertheilt hat, wird׳ dem Vernehmen nach am 29- April mit dem Abendznge der Staatsbahn in Prag anlaugen. Strakonitz, 15. April. Am 8. Tage Pessach wurde vom- Obercantor Emil Fräukel im Haskoras Neschomaus folgendes Gebet eingeschaltet: ,Wir gedenken in dankbarer- Anerkennung,'uud- Verehrung des kürzlich verblichenen großen Künstlers und ZionsängerS, Professor Salomo» Sulzer, der durch seine Compositionen und Gesänge d§n Gottesdienst in Israels Gotteshäusern zu einem andachterweckenden,, weihevollen, würdigen' gestaltete und dadurch im fortschrittlichen Sinne