Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 12 (21.4.1890)
- Date
- 1890-04-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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von ihrem Inneren heraus, wie die Spinne ihr Gewebe, hätten entwickeln können. Der Christus der Evangelien soll nach Strauß das Symbol fein der freien, selbstständigen, durch ein frommes Bewusstsein vollbrachten Einigung des Menschlichen mit dem Göttlichen. Nun scheint mir aber diejenige Seelenstimmnng, für welche der Glaube -an die Menschwerdung, den Tod und die Auferstehung des Sohnes Gottes seine unermessliche Bedeutung bat, aus welcher -also allein nach den Grundsätzen von Strauß dieser Glaube sich entwickelt haben kann, wesentlich eine solche zu sein, welche die Möglichkeit einer freien, aus der Tiefe der Menschenbrust, ohne einen vom Himmel herab der schwachen Menschheit dargebotenen besonderen Stützpunkt, hervorgebendeu Erhebung zum Göttlichen ׳aufgiebt, und darum nach dem zur Erde sichtbar herabzestiegenen ׳Gott ein unendliches Verlangen hat. So scheint es mir, dass Strauß den Kern des Chriftenthumes, das christliche Bewusstsein, das, was als Christenthnm in den Gcmülhern zu allen Zeilen gelebt hat, in einen nicht christlichen Gedanken umwandelt. Doch bescheide ich mich gern, von der. Frage wenig zu verstehen. Zu der Abhandlung über Vergängliches 11. s. w. glaube -ich ein gewisses, verlegenes Streben wahrzunehmen, die zweite, bleibende Partie nicht dem Räume nach allzuknapp im Verhältnis .zu der vergänglichen aussatlen zu lassen. Aus welchem Streben ich die Ausführung über die verschiedenen Arten von Genies -erkläre, von der ich nicht einzusehen vermag, wie sie dahin gehört. Sophistisch und böchst sorcirt von dem,Standpunkte des Verffassers, dabei gehässig gegen andere Religionen, erscheinen mir die Aeußerungen zum Schluß dieser Abhandlung: Religion ohne Christus haben zu wollen, wäre widersinnia, und .ohne seine Gegenwarr im Gemütbe sei keine vollkommene Frömmigkeit möglich.' Wenn die Offenbarung Gottes in Christo keine thatsächliche,, sondern eine gedachte ist, sei es nun in dem Bewusstsein -Christi selbst, oder in dem Gefühle derer, die an ihn glauben, warum soll es denn unmöglich sein, dass eben so viel Frömmigkeit, eben so viel Erhebung zu Gott sich an die Vorstellung von einem . anderen Dasein knüpfe, oder ohne die Vermittelung einer solchen ' sich im Gemüthe erzeuge? Ich glaube, Herder, wenn gleich ein besserer Christ als Strauß, würde Bedenken getragen haben, sich | so zu äußern. Es kommt mir vor, als wenn eine Ausschließlichkeit, .die sich philosophisch construirt und gerechtfertigt zu haben glaubt, die schlimmste unter allen wäre, und ick finde hier einen neuen Beleg dafür, dass Kritik und Aufklärung nicht gerade immer nothwendig zur Humanität führen, sondern dass zu ihr noch ein anderes Element gehört." Den 24. Mai: ״Was Sie mir von Zeit zu Zeit über den Anterrichl schreiben, den Sie Ihrer Tochter geben, interessirt mick sehr. Gern würde ich z. B. Zeuge davon sein, wie Sie den Stoff der ältesten biblischen Urkunden zu solchem Zwecke verarbeiten. Lch kann nämlich den von so Vielen geäußerten Zweifel, ob denn wirklich jene biblische Erzählungen geeignet sind, gerade vor- .zugsweise zu einer der ersten Grundlage der Zugendbildung zu dienen. nicht überwinden. Was ist denn z. B. in dem ersten Buch Moses für einen kindlichen Sinn besonders Ansprechendes oder Lebrreiches, wenn ich etwa die Geschichte Zoseph's — zum Tbeil — auSnähme? Doch sehe ich wohl ein, dass hier die ׳Erfahrung zu anderen Ergebnißen führen kann; dass die Art der Einwirkung des gegebenen Stoffes auf eine Kindsrseele eine andere in der Wirklichkeit sein mag, als die Theorie sie sich denkt. Meine biblischen und classischen Studien schreiten ziemlich vorwärts. Die Ersten sind bis in's dritte Buch Moses gediehen, vom Taeitus bin ich im Begriff, das größte seiner Werke, die Ännalen, zu beenden.' Zn das Stammbuch einer Freundin schrieb Dr. G. Nießer: Heidelberg 1827. »Es sind verschiedene Richtungen derselben Seelenkraft, durch die wir erkennen und empfinden, so wie cs dasselbe Licht der Sonne ist, durch das wir sehen und durck das wir uns erwärmen. Darum sollte man Achtung und Liebe nicht in der Art trennen, wie man es gewöhnlich thut; man sollte jene nicht für etwas Kaltes, blos dem Verstände AngehörigeS, diese nicht für etwas Willkürliches, Zufälliges, vom Erkennen Unabhängiges halten. Beide gehören dem ganzen Menschen an. Achtung geht nur der Liebe voraus, wie das U r t h e i l der V o l i* g i e b 1111 g. Achtung ist das innige Bewusstsein, dass ei» edles Wesen unsere Anerkennung verdiene, Liebe ist die wirkliche Anerkennung. Zn der Liebe wird die Achtung lebendig, in der Achtung erklärt sich die Liebe. In der Vermählung beider liegt die Lebenskraft wie die Unsterblichkeil beider.' (Fortsetzung folgt.) Ein 40jährige!. Amtsjulnläum. Am letzten Pessachtage feierte der Cbordirrgent der Arader israelitischen Cnlrusgemeiude, Herr Adolf B r ü n z w e i g, das 4l)jährige Jubiläum seiner Wirksamkeit als Chordirigent und Musik- Compositenr. Die Ovationen, die dem verdienstvollen Zubilar aus diesem Anlaffe vou Seiten seiner Gemeinde und seiner zahlreichen Verehrer innerhalb derselben dargebracht wurden, waren wohl spontane, aber die Herzlichkeit und Innigkeit derselben überragte weitaus die lärmenden Veranstaltungen, die sonst in ähnlichen Fällen mit geringerer Berechtigung getroffen werden. In Anbetracht der hervorragenden Persönlichkeit Grünzweig'S und seiner unbestrittenen Verdienste um die Förderung des Svuagogengesanges müssen wir es aufrichtig bedauern, dass von der bevorstebenden Feier in Leu weiteren Kreisen der Berufsgenossen gar nichts verlautete, denn es wäre dieser Tag gewiss geeignet gewesen, um der Anerkennung für ein so langjähriges und wackeres Streben in passender Weise Ausdruck zu leihen. Aeharcm sehel Pessach war der Arader Tempel dicht gedrängt von Andächtigen, und auch viele Andersgläubige hatten sich daselbst eingesunden. Der Zubilar wurde »hoch" zur Thora ansgernsen, und nach der zweiten ,Breche' wurde vom Tempel-Chor ein von Grünzweig eomponirter Psalm anfgesüvrt, der allgemeine Sensation erregte. Nach dcm Gottesdienste begab sich eine Deputation von Freunden und Gönnern in die Wohnung des Jubilars. Der Führer derselben, der Präses des Kranken- und Leichenvereines, Herr N. S. Kohn, richtete an den Jubilar eine schmeichelhafte Ansprache und überreichte ihm einen silbernen Lorbeerkianz, geziert mit einer goldenen Lyra und den ,Luchaus." Schöne und treffende Worte der Anerkennung sprachen auch Herr Oberrabbiner Dr. Rosenberg, der Präses des Ausstatkungs- Vereines, Herr Sigmund Schwarz, die beiden Herren Tempelvorsteher Wilhelm Preisach und Moritz Weiß, Obernotär Herr Rosenberg und der zweite Notär, Herr Schwitzer. Zum Schlüße der Feier brachte dann der Tempel-Chor das Schnbert'sche ,Am Meer", von Grünzweig für gemischten Cbor arranzirt, mit Clavier- und Harmonium-Begleitung prachtvoll zur Geltung. Die ,Arader Zeitung" feiert gleichfalls den Jubilar in einem Artikel mit der Ueberschrift ,Dem Verdienste seine Krone" mit folgenden treffenden Worten: ,Die Geschichte des modernen jüdischen Gottesdienstes ist noch gar nicht alt. Erst das Eingreifen des berühmten Wiener Predigers Mannheimer im Vereine mit dem Altmeister und Nestor der Cantoren, Sulz er, bewirkten es, dass dieser Gottesdienst aus jenes Niveau, gehoben werden konnte, auf welchem es heute steht. Mannheimer kämpfte mit der Macht seines beredten Wortes für die Neugestaltung