Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 12 (21.4.1890)
- Date
- 1890-04-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Theresia. Noch energischer gieng in dieser Beziehung Josef II. vor. Er schrieb, ,es sei der Neiigion an guten Christen, aber nicht an Getauften gelegen, und man ist nicht Christ bei gebundenem Alter, wenn man nur gelaust ist, wohl aber, wenn man. es vom Herzen sein will und bereit wäre, es noch zu thun, «venu eS nicht schon geschehen wäre.׳' Es muß aber noch ein wichtiges Moment hervorgeboben werden. Unter Kaiser Zosef kamen die Juden in ,Gesellschaft'; sie, die bis dahin allen gesellschaftlichen Kreisen, die von Christen gebildet wurden, ferne standen, wurden nun, ich spreche hier zunächst von Wien, von denselben ausgenommen. Dieser Umschwung bereitete sich bereits unter der Kaiserin Maria Theresia vor. Der damalige Erzbischof von Wien, Cardinal Migazzi, klagte darüber, dass Juden mit Christen verkehren, und tadelte es, dass die Juden die christlichen Gast- und Cafehäuser besuchen, noble Plätze im Theater cinuehmeu, christliche Dienstboten halten u. s. w. Die niederösterreichische Negierung, jetzt Statthalterei, stimmte diesen Klagen bei und hob bervor, dass der galizische Hoffactor Königsberger sich sogar anmaßc, einen Degen zu tragen und sei ousousteu in seinem Anzüge von einem Cavalier nicht zu unter-! scheiden. Als übelstes Kennzeichen der Gemütsart der Juden bezeichnete die Negierung, dass die Juden in christlichen Gast- Hausern essen. Sic schlug daher vor, den Juden den Besuch der christlichen Gasthäuser und der Tanzböden zu verbieten, und ebenso wenig sollte eS ihnen gestattet sein, aus distinguirten Plätzen im Theater zu sitzen. Der gesellschaftliche Verkehr zwischen Juden und Christen gestaltete sich viel günstiger unter Kaiser Joses. Unter ihm wurde Israel Hönig in den Adelstand erhoben, ein für die damalige Zeit ganz auSuahmswciscs Ereignis, das seit der Erhebung. Jacob Baffewis' in den Adelstand unter Ferdinand II. nicht wieder vorkam. Es ist bekannt, dass der Kaiser wiederholt aus Der Straße Frau Fanny Arnstein ausprach, die später beim Wiener Congreffe eine Nolle spielte. Ihr Manu brachte mehrere Fabriken in Flor. Ein Namensvetter dieses Arnstein mit dem Vornamen David, geboren 15. October 1765, gestorben 1840, trieb ästhetische Studien und verfasste mehrere Dramen. A. Joel war Docior der Nechte und sungirte als Hof- und Gerichts- Advocat, Abraham Philipp erwarb sich einen Nus als Graveur und im Anliquenschneiden, nicht zu vergessen Bernhard Eskeles, Laudesrabdiner vou Mähren. Es gab sogar einen jüdischen Taschenspieler Namens Nonaldi, der sich öffentlich produzirte. Ich habe hier nur in den äußersten Umriffen Einiges aus Dem Leben und Wirken des Kaisers Joses II. mitgetdeilt, aber Dieses Wenige reicht hin zu beweisen, dass das Andenken dieses Monarchen nicht aus der Geschickte und am allerwenigsten aus bem Gedächtnis der Juden schwinden wird. Gedenket der Tage der Vorzeit — erwäget die Aeiiderung der Zeitalter. - V. B. M. 32, 7. Dr. Gabriel Rießer II. XXVII. (Fortsetzung.) Unterm 23. Mai 1839 schrieb Nießer an Frau Dr. Haller: .lieber das Strauß'sche Werk, ,das Leben Jesu', habe ich vielleicht,, ohne mir des Grundes deutlich bewusst zu sein,' darum gegen Sie geschwiegen, weil ich überzeugt war, dass Sie weit Besseres und Gründlicheres darüber von Anderen gehört, vor Allem aber selbst gedacht haben würden. Dieselbe Rücksicht hält mich freilich sonst nicht ab, Ihnen meine Meinung über ein Buch zu'sagen, aber bei diesem ist es mit der Angabe des oberflächlichen, allgemeinen Eindruckes so wenig gethan und ein tieferes Eingehen erst recht geeignet, uns die Unzulänglichkeit des eigenen Urtheiles fühlbar zu machen. Im Ganzen habe ich beim Durchlesen gesunden, dass das kritische Element in meiner Natur nicht kräftig genug ist, um ein ausdauerndes Jntereffe zu nehmen an den mühsamen Untersuchungen, die ungefähr nach demselben Canon bei jeder Erzählung der Evangelien von Neuem beginnen, ohne dass man über das Resultat von vorne herein jedes Mal in einem bedeutenden Zweifel sein könnte, wobei man nur selten von den Erzeügnißen eines mehr positiven Scharfsinnes überrascht wird, wie es z. B. der Fall ist bei einigen schlagenden Nachmeisuugen, wie die Details einzelner Erzählungen offenbar aus mißverstandenen Stellen des Alten Testamentes hervorgegängen sind. Doch habe ich meinem Vorsatze treu, das ganze Buch ohne Ueberschlaguugeu. wenn auch nicht ohne einige Langweile zu Ende gelesen, und fand mich später durch den polemischen Scharfsinn und die Lebhaftigkeit der Streitschriften entschädigt. Wäs ich in dem Buche fortwährend vermisste, war eine gründliche Untersuchung über die Zeit und Art der Entstehung der evangelischen Schriften nach den äußeren bistorischen Zeugnißen; davon' muß man, wie es scheint, sich eine Ansicht gebildet haben, um eine Vorstellung von der Entstehung des Inhaltes fassen zu können, die sonst gleichsam in der Lust schwebt. Ich'hielt diese Lücke Anfangs für eine lediglich in meiner Unwissenheit begründete und setzte voraus, die gangbaren Annahmen der Theologie über die Entstehung der Evangelien genügten, von denen ich freilich kaum etwas kannte, außer einigen interessanten fragmentarischen Erörterungen in Leffing's theologischen Schriften. Erst aus den Streitschriften gewahrte ich. dass auch kundige Beurtheiler, namentlich Ullm.ann, dem Werke diese Lücke vorgeworsen hätten,- und dass Strauß selbst zngibt, dass cs eine sei, deren Ausfüllung nöthig sei, aber vorerst nicht in seinem Plane gelegen habe. Worauf ich aber bei dem Ganzen eigentlich am meisten, gespannt war, das war der positive, construirende Theil des Werkes, durch welchen eS doch eigentlich allein dauernde Bedeutung, abgesehen von der bloö gelehrten, gewinnen könnte; denn für die, die ohnehin nicht glauben, die ihrer Gesinnung nach außerhalb der Kirche sieben, scheint mir die Mühe wirklich zu groß zu sein. Ich glaube nicht, dass diese solcher umsaffenden Stärkungen im Nichtglauben bedürfen und irgend ein neues Resultat aus diesen mühevollen Arbeiten gewinnen werden. Folgenreiche Bedeutung kann also das Werk nur gewinnen, wenn seine Ansichten aus irgend einem Punkte innerhalb des Glaubens, innerhalb der Kirche Fuß fassen. Ein Ziel, das sich der Verfasser offenbar vorgesetzt hat, wie aus dem Buche selbst und aus dem Streben des Verfassers nach einem theologischen Lehrstuhl deutlich hervorgeht. Dieses Ziel ist aber gewiss nur mit Hilfe eines positiven Elementes erreichbar. Der Rationalismus schien es freilich gewissermaßen erreicht zu haben blos mit Hilfe der Conceffionen und Halbheiten, indem er die Kritik .׳durch gewisse Rücksichten kluger Schonung zügelte. Edler und achtungswerther ist gewiss das Verfahren von Strauß, der die Freiheit der Forschung in ihrer ganzen Macht walten lässt und dann aufrichtig einen neueren, höheren Stand- Punkt zum Wiederaufbau der zerschlagenen Glanbenswelt sucht. Aber die Ausführung bat meinen Erwartungen aus diesem Punkte durchaus nicht entsprochen, sie ist mir etwas seicht und in sich widersprechend erschienen. Es ist mir vorgekommen, als wenn die gegebene Deutung säst auf das Gegentheil 'von denjenigen Seeleustimmungen und.Vorstellungen hinansliefe, welche etwa die zu deutenden Myten als ihren entsprechenden Ausdruck