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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-04-11 · Heft 11 (11.4.1890) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 11 (11.4.1890)
Date
1890-04-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 zeigt 1ms. in welcher Weise und in welchem Umfange die Gultusgemeinde, die heutige Neligionsbehörde, für 0״'wilu8- -eüa880dirn^ — der dritten der 3 heiligen Pflichten, die nrsprünglich dem L^ulieärion, später dessen Stellvertreter dem Bes-din oblagen und heute auf die Cnltuszemeinde übertragen wurden — für Liebeswcrke aus religiöser Pflicht Sorge zu tragen habe. Für uns im Allgemeinen aber ergibt sich folgende Moral LiuS dem Bo laclimo anjo: Nicht das feige Ausgebcn unserer Slammeseigeuheit und unseres religiösen Standpunktes bringt uns Achtung und Anerkennung, sondern das mannhaste Eintrercn für unseren angestammten Glauben und das Festhalten an die ehrrvürdigen, Geist und Herz bildenden und die reinste Nächstenliebe widmenden jüdischen Gebräuche werden uns unsere angefochtenen Bürger- und Menschenrechte wieder bringen, so dass die Schlussfätze des Bo laclimo anjo an uns in Erfüllung gehen werden: Mur noch dieses Zabr hier in antisemitischer Atmosphäre, das nächste Zahr aber wird hier ein anderer Geist herrschen, so dass unser theneres Oesterreich auch als das Vaterland der Israeliten allgemein anerkannt werden wird; denn unsere Aechtung wird, den Antisemiten zum Trotze, nur vorübergehend sein, und in nicht -ferner Zukunst werden wir wieder als freie, gleichbcrech- 4 igle Slaatßbürger betrachtet und geachtet werden. Kaiser Josef II. (Fortsetzung.) Wir haben bereits hervorgehoben, das die Kaiserin bei ihrem Regierungsantritte leere Staatscasien vorfand, und dass die Staatscasseu auch leer waren, als sie starb. Wir haben Gründe angeführt, wieso dies kam. Wir müssen aber noch einen hinzufügen. Die Kaiserin war nämlich außerordentlich freigebig und hat oft minimale Dienste, die dem Staate geleistet wurden, geradezu verschwenderisch belohnt. Als Josef zur Negierung gelangte, suchte er als guter Sohn genau den letzten Willen seiner Mutter zu erfüllen und ließ die von ihr gemachten Legale voll und ganz ausfolgen. ES snuß nämlich hcrvorgchoben werden, dass auf verschiedenen Gebieten die Ansichten der Kaiserin weit von denen ihres -Sohnes aüseinandergiengen. und kam es nicht selten zu Nede und Gegenrede, die manchmal einen bitteren Nachgeschmack hatten. Es standen sich eben die alte und neue Zeit gegenüber. Trotz all dem liebte die Kaiserin ihren Sohn, wie eben nur eine Mutter ihren Sohn und einen solchen Sobn Lieben kann, und Josef schaute mit Verehrung zu seiner großen Mutter empor, die so viel große und herrliche Eigenschaften besaß. Als sic am 28. November 1780, Vr 10 Uhr Abends verfchiedcn war (während ihrer Krankheit war der Kaiser stets um sie und kurz vor ihrem Tode gieng sie, da sie an Athemnoth litt, uuf dem Arm des Kaisers gestützt einige Schritte im Zimmer Zimmer herum) schrieb Josef an Kaunitz: ,Das furchtbare Unglück, das mich betroffen hat, wird Ihnen schon bekannt sein. Zch höre auf. Sohn zu sein, und doch glaubte ich, dies am besten ,zu sein (et c’est ce que je croyais etre 16 mieux.)“ Wie bemerkt, wurde der letzte Wille der Kaiserin voll und Hauz außzeführt; aber der Kaiser suchte auch sofort nach Thun- Lichkrit Ordnung in die Finanzen zu bringen. Er selber gieng mit gutem Beispiele voran. Er batte von seinem Vater 22 Millionen Gulden geerbt; die Summe widmete er dem Staate. Der Kaiser lebte so einfach, wie möglich. Bei Tische wurden nur 3—4 Speisen aufzetrageu und sein ausschließliches Getränk war Waffer. Der Kaiser entließ daher die Hofköche und begnügte sich wie in Bürgerhäusern mit einer Köchin. Nur jene Diener, die ihn persönliich bedienten, erhielten Trauerkleider, die anderen trugen die gewöhnliche Livree; überdies entließ er einen großen Tbeil der Dienerschaft, und 600 Pferde aus den kaiserlichen Marstallen wurden verkauft. Ein schlechter Wagen mit zwei abstrappazirten Pferden machten die Equipage des Kaisers aus; wenn er außgieng, folgte ihm blos ein Diener zu Fuße. Seine Lebensweise war, wie er an seinen Bruder Leopold am 22. Jänner 1781 schrieb: Er arbeitete von 7 Uhr Morgens bis 2, Uhr Nachmittags, dann gieng er ans. Um 4 Uhr nahm er das Mittagsmahl und arbeitete dann wieder bis 9 Uhr. Hierauf gieng er in Gesellschaft oder er sah einen kleinen Kreis bei sich und um 11 Uhr gieng er zu Bette. Im Sommer wobnie der Kaiser in Laxenburg, und zwar gcwiffermaßen als Privatmann. Weder die ungarische noch die polnische oder deutsche Garde war da; man sah selbst keinen Kammerdiener oder Pagen. Wenn Gäste kamen, so ergieng man sich im Garten. Wenn dann die Speisestunde kam, führte der Kaiser seine Gäste in den Speiiesaal und jeder setzte sich, wohin es ihm beliebte. Man speiste wie in den besseren bürgerlichcn Häusern, doch nicht so prächtig wie beim Erzbischof von Wien, Cardinal Migazzi. Von fremden Weinen wurde den Gästen blos Madeira und Champagner angeboten. Die Conversation war gewöhnlich nur allgemein, und der Kaiser verstand es, sie in Gang zu halten. Oesters sprach er. und zwar mit großer Begeisterung von seiner ersten Gemahlin Isabella von Parma. Ich habe diese Momente angeführt, weil sie beweisen, wie einfach der Kaiser lebte und wie sehr er bemüht war, sparsam zu sein. Selbstverständlich konnte sidoch die Sparsamkeit allein nicht die Mittel für die Bedürfniße des Staates herbeischaffen, noch den Wohlstand des Volkes fördern. Die Aufhebung der Klöster, deren Insassen dem belchaulicbcn Leben huldigten, war ein wirksameres Mittel, da sie zahlreiche Kräfte, die dem Müssiggange sröhnten, der Arbeit zusührteu. Es muß nämlich bemerkt werden, dass zu jener Zeit Eltern, die nickt wussten, in welcher׳ Weise sie ihre Kinder versorgen sollen, dieselben in die Klöster gaben. Von dem Besitze, welchen die cingezogenen Klöster hatten, siel jedoch -dem Staate nichts zu. da der Kaiser denselben ausschließlich für Kirchen- und Schulzwecke bestimmte. Dieses letztere Moment muß besonders betont werden. Der Kaiser suchte den Volkswohlstand zu heben, indem er die Bildung förderte und das Schulwesen nach allen Richtungen bin verbesserte. Im Zabre 1775 zählte man auf dem flachen Lande in Böhmen 14000 schulbesuchende Kinder und im Jahre 1785 zäblte man dort in 2200 größtentheils neucrrichteten Landcsschulen 117.000 Kinder, die den Elementarunterricht genossen. In ähnlicher Weise war das Verhältnis in den anderen KronländerN. Der Kaiser legte auch großen Werth auf die Bildung des weiblichen Geschlechtes, die damals sehr vernachlässigt war, und es entstand in Wien die höhere Töchterschule unter Leitung der Frau Luzac, das jetzige Civil-Madchen.Pksionat. Unter Kaiser Josef wurden die Gymnasien, die bis dahin fast ausschließlich Lateinschulen waren, resormirt und das Universitätsstudium nahm einen neuen Aufschwung; überdies wurde eine neue Universität zu Lemberg begründet. Unter ihm wurde das anatomische Theater behufs Leichensection errichtet, und das Josesinum ist sein Werk. Alle diese Schulen waren, wie wir sofort binzufügen wollen, Jedem, ohne Unterschied der Confeffion, gleich zugänglich, und da der Eid auf die unbefleckte Empfängnis bei Gelegenheit der! Promotion aufgehoben wurde, so konnten auch Akatholiken, d. h.! Protestanten und Juden, den Doctorgrad erlangen. Nun fragte es sich aber auch, das tiefgesunkene Handwerk und Gewerbe zu heben und, den Ackerbau zu fördern. Zn diesem

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