Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 11 (11.4.1890)
- Date
- 1890-04-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oest erreic hisch-ungarische Cantoren - Zeitun __ Central־Org־a11 _ Pränumcralions-Prcis. Kür Kantoren und ßultnsveanite in Hesterrekch Ztngarn Ganzjährig.fl. 4.— Halbjährig . .... fl. 2.— Kür Kantoren und ßnttusveamte im Anstand Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel. Kür private und Institute Ganzjährig ... . . fl. e.— für dir Interejfm der (Kantoren und HultilsdeMiten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor Jacob Bauer. Wedaclitm und Mrmnikratio» Wien II. Novaragasse Nr. 27, Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte w-rden nicht retournirt. ASonnements- und Infertions- Beträge sind in Wie!» zahkSar. Nr. 11. Wien, 11. April 1890. 10. 3al)raamj. ״Ho lachmo anjo.“ Von L. Buxbau m, Religiouslehrer in Wien. (Schluss.) Der erste Vers Ho lachmo anjo wurde ursprünglich nicht als Pamchuj-Ueberschrift verfasst, sondern mit diesem Satze hat der Hausvater den Seder eingeleitet, um feine unmündigen Kinder auf die Mah-mschtanoh־Sra9eu biusuletten, da es toch nicht denkbar ist, den 86der von einem kleinen Knaben, dem Baal-mah ־ nischtanoh, eröffnen zu lassen. Der Hausvater enthüllte daher die bis dahin bedeckten Mazzoth und zeigte den Kindern auch das Karpath und das Moraur, wie das Salzwasser und das Chrauses, die heute genossen werden müssen, und fügte hinzu, dass die 86d6r-Ceremonie größtentheils in hingelehnter Lage verrichtet wird, so dass daS kluge Söhnchen, der Chochom. sofort die vier Fragen bei* Mali-nischtanoh formiren und vorbringen konnte. Und dieser den 86d6r einleitende Satz wurde, weil passend, während der acht Pessachtage als Aufschrift für die Tamehnj verwendet. Als nun später ein ״Sidur-Pessach“ redigirt wurde, sammelte man alles ans den 8cder Beznghabende und entnahm für die daraus entstehende Bagada nicht blos dasjenige, was ,dem Munde eines jeden Juden längst geläufig war', sondern auch Manches, was nicht direct zum 8eder gehörte, daher auch nicht ursprünglich für denselben verfasst wurde, wenn es nur für die Bagada verwendbar war, obgleich im anderen Sinne und in veränderter Bedeutung. Aus diesem Grunde wurden auch später die Gedichte: Echad mi jodea und Chad gadja, deren Tendenz eine allgemeine ist. der Bagada beigefügt. Man wollte nämlich die alten jüdischen Gebräuche und Sitten conserviren, theils zur Nachahmung für das spätere Geschlecht, unsere Nachkommen, theils, dass sie Zeugnis ablegeu für Israels universelle Nächstenliebe, welche eS im Sinne seiner heiligen Thora übt, die ihm gebietet, in den Wegen seines Gottes, des einig einzigen und allgütigeu Adonaj, zn wandeln, von dem es beißt (Psalm 145): ,Gütig istAdonaj gegen Alle* —alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens, der Abstammung, der Nationalität und des Standes — ,denn fein Erbarmen erstreckt sich ja über Alles, was sein Werk ist* — ,von dem behöruten N'ehm, dem gewaltigsten Landtbiere, bis zum winzigen Gl de» kleutste» Znjectes.'— Und jo har man denn die beiden in der Nachbarschair deS Bo lachmo anjo Vorgefundenen ״Kol dicbfia“ und ״Kol dizrich“ mitaufgenommen. Dasselbe Motiv liegt auch der Ausnahme der altjüdischen Begrüßungsformel zwischen Spenser und Empiänger zu Grunde, die, frei von jeder selbstentwürdigenden Kriecherei und Lobhudelei von Seiten der Betheiligten, wie fern von jeder stolzen Herablassung und tiefverletzenden Nonchalance, Zeugnis ablegt von dem wahrhaft brüderlichen Verkehr zwischem dem Dürftigen und Begüterreu und zur Genüge beweiset, dass wir Juden es nicht nöchig haben, uns von andern Neligioneu und Nationen über Nächstenliebe überhaupt wie speciell über das Wesen und den ModuS de» Almosengebens belehren zn lassen. Denn wir Inden sind — mit Verlaub — dasjenige Volk, welches das Wohlibnu in die Welt gesetzt hat; denn unser Stammvater Abraham war der erste Mensch, der Almosen spendete, und unsere Bibel, das älteste Buch der Welt, und noch mehr, ja weil und vielmehr als diese, unser Talmud — nicht der von dem Dreigestirne Brimanns, Notkinsohu und Morgenstern den unverfälschten Deutschen als Bär aufgebundene Talmud — enthalten Vorschriften über die Pfiicht der Wehlthätigkeit, wie über die Art und Weise, wie selbe anszuüben sei, die das Höchste, was andere Religionen darüber vorschreiben, wie das Größte, was die modernen Culturvölker gegenwärtig auf diesem Gebiete leisten, weit üb erlressen.*) Wie das Bo lachmo anjo demnach eine Ehrenrettung des Zudenthums nach außen hin seinen zahllosen Feinden gegenüber ist, ebenso unschätzbar sind die Dienste, die es uns nach innen hin. als nachzuahmendes Beispiel für unsere Neligionkdebörden, respective die Cultusgemeinden, leistet. Denn das Bo lachmo anjo *) ״Nicht verschließen darfst Du Deine Hand gegen Deinen dürftigen Menschenbruder. Geben und wieder geben sollst Du ihm", wird uns Juden an den drei hohen Festen beim öffentlichen Gottesdienste auS dem Pentateuch vorgelesen. Und der von Rohling und Consorten als Menschenfreffer verschrieene Talmud interpretirt das mosaische Gebot: ״Geben und wieder geben" mit — ״bis hundert M al", sage neunundneunzig Mailand noch ein Mal der einen und derselben Person, dem einen und demselben Dürftigen.