Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-04-01 · Heft 10 (1.4.1890) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 10 (1.4.1890)
Date
1890-04-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/1304829-3453172-3453182--2815-3457104
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 5 — beim Juden Veith wegen [2000 Gulden verpfändet. Kurz vor Her letzten Austreibung der Juden aus Wien, im Jahre 1670, war wieder das Silber des Hofes verpfändet, und die Hofkammer, das jetzige Finanzministerium, sprach sich gegen die Vertreibung der Juden aus, da sie sonst nicht in der Lage wäre, die Küche oder den Keller des Kaisers zu versorgen. Thatsächlich sah man sich genöthigt, die Juden wieder aufzunehmen, und ist es bekannt, welche Summen Samson Wertheimber und Salomon Oppenheimer dem Staate verschafften, die es Oesterreich ermöglichten Kriege zu führen. Kaiser Josef I. schickte seinem Sohne, nachmals Carl VI., nach Spanien, wo er um die Erbfolge Krieg führte, 311.000 Gulden, um den Truppen, die ec im Kampfe gegen Philipp von Anjou bedurfte, den Sold zu bezahlen. Die Wiener Megierung konnte sich jedoch diese Summe nur dadurch verschaffen, dass sie den baierischen Schatz und die Juwelen der Kurfürstin bei Emanuel Oppenheimer, dem Sohne Samuels, verpfändete.*) ׳Carl selbst hatte als König von Spanien nicht das Geld, um seiner Braut einen Ring oder ein Porträt zu schicken, und musste Hie Hochzeit verschoben werden. Während des siebenjährigen Krieges dachte mau, wie Arneth berichtet, das Heer zu reduciren, weil es an Mitteln fehlte, dasselbe zu erhalten. Abgesehen aber von den Kriegen, die das Land verheerten nnd zerstörten, sank der Volkswohlstand immer mehr und mehr in Folge der Gegenreformation. Kaiser Ferdinand II. suchte die ׳Protestanten auszurotten, und!eine Nachfolger behielten dieses System bei. Am stärksten kam eS unter der Kaiserin Maria Theresia zum Ausdrucke. Wo viel Licht, ist viel Schatten, heißt cs im ׳Sprichwort, und die große Kaiserin, deren Weisheit sich auf allen Gebieten des Staatswesens bewies, war auf diesem Gebiete engherzig, und obschon ihre Mutter protestantisch geboren und erzogen war und nur zu dem Zwecke katholisch wurde, um Karl VI. zu heiraten, war Maria Theresia eine heftige Gegnerin der Protestanten. Unter der Kaiserin Maria Theresia war die Lage der Prote- -stauten in den Erbländern ärger, als jene der Inden, und wie man *) Aus Dr. M. Landauer.- Kaiser Carl VI. al» König von!Spanien S. 373. Blessirter mich anrief. Ich sprengte hin und erkannte nach kurzem ׳Nachsinnen in dem Verwundeten meinen Jugeudkameraden Moriz. der mit größter Freude, mit verklärtem Gesicht zu mir sagte: ,Sehen Sie Herr Oberlieutenant, auch ich bin für das Vaterland verwundet worden.* Ich stieg auf eine Minute vom Pferde, druckte ihm die Hand, und auf meine Frage, wo er verwundet sei, zeigte er mit größter Freude auf seine beiden Schenkel und sagte. Lass ihm nicht nur der eine Schenkel wie mir, sondern die beiden Schenkel mittelst einer Kanonenkugel gebrochen seien. Ich hatte keine Zeit, bei ihm zu verweilen, drückte ihm die,Hand und versprach, ihn nach der Schlacht anfzusuchen und ihm beizustehen, doch mit meiner Gemüthswar eS zu Ende: denn ich konnte mir denken, dass, wenn ich mit einem Schenkelbruche kaum dem Tode entgangen war, mein armer ׳Freund den zwei Brüchen erliegen müsse. Die Schlacht dauerte bis spät in die Nacht hinein und endigte -mit dem vollständigen Siege der Unseren. Nach der Schlacht eilte ich auf den Verbandplatz, wohin bereits unsere Tobten und Verwundeten gebracht worden waren. Ich sprach vor Allem mit den Asrzten, um -Erkundigungen über den Zustand meines Freundes einzuholen, leider war ihre Mittheilung eine höchst betrübende, denn sie sagten, dass nicht nur die beiden Schenkel gebrochen sind, sondern an einem Fuße auch die Adern und Sehnen zerquetscht seien, so dass, wenn ich mit ihm reden wolle, ich mich beeilen müsse, denn in Folge der gänzlichen Erschöpfung habe er kaum mehr eine Viertelstunde noch zu leben. Ich eilte zu meinem Freunde und fand ihn regungslos, mit geschlossenen Augen auf der Erde liegen. Ich fasste seine Hand, rüttelte ihn sanft und rief ihm zu: Moriz, Moriz, kennst Du mich nicht? Ich bin'S, :Dein Jugendfreund! weiß, war sie den Juden nicht geneigt. Die Kaiserin vertrieb 1744 die Juden aus Böhmen, oder eigentlich richtiger gesprochen, sie gab den Befehl, die Juden zu vertreiben; thatsächlich mussten blos die Juden in Prag theilweise abziehen. Im Jahre 1748 sahsich die Kaiserin genöthigt, das Ausschaffungsedict aufzuheben. Es erklärten nämlich die böhmischen Stände, die Prager Bürger, die Zünfte, ja sogar die Barbiere, dass sie nicht in der Lage sein werden, die Steuern zu zahlen, wenn man den Juden nicht die Rückkehr gewährte. Seit jener Zeit war wohl die Kaiserin gegen die Juden nicht gnädig, aber doch gerecht und oft wohlwollend. Nach wie vor war es den Juden in den Kronländern, in welchen sie wohnen durften, gestattet. Gemeinden zu bilden, Rabbiner und sonstige Functionäre zu bestellen, ihre Synagogen zu erhalten etc., und man mischte sich in die internen Verhältniße der Juden nicht ein. Anders war dies bezüglich der Protestanten. Sie durften nur an wenigen Orten in den Erbländern (in Ungarn lagen die Dinge allerdings anders) wohnen, keine eigene Gemeinde bilden und keine Kirchen haben. Eine Ausnahme bildete Schlesien in Folge des westphälischen Friedens und der Naastädter Convention (1107) zwischen Kaiser Joief I. und Carl VII. Im Jahre 1752 wurden in jenen Kronländern, in welchen Protestanten waren, geistliche Missionäre bestellt, welche die Aufgabe hatten, die ,Irrlehre* auszurotten. Sie entzogen den Protestanten die Bücher (zu diesen gehörte auch die Bibel), hinderten sie an der Unterweisung ihrer Kinder in den Lehren ihres Glaubens und wendeten alle Mittel an. um sie entweder für den Katholicismus zu gewinnen, oder aus dem Lande zu entfernen. Es kam so weit, dass zahlreiche Personen wahnsinnig und Orte menschenleer wurden. Protestanten konnten ebenso wenig wie Juden den Doctorgrad an österreichischen Universitäten erlangen, da sie nicht den Eid auf die unbefleckte Empfängnis leisten konnten, welchen die Promovirenden seit Ferdinand II. ablegen mussten; man liest Protestanten blos zum Baccalaureat zu und durften sie die Praxis nur da ausüben, wo Protestanten wohnten. Ebenso wenig gelaugtensie in den Erbländern zu Aemtern, hingegen mussten sie dem katholischen Pfarrer die Stola, den Zehnt etc. zahlen. Erst Ende ihres Lebens ernannte die Kaiserin den Protestanten Er öffnete die Augen und nickte ein wenig mit dem Kopfe, ich suchte ihn zu trösten und jagte ihm. er werde ebenso geheilt werden wie ich, ich schilderte ihm, mit welcher Freude ihn seine gute Mutter wieder sehen, wie stolz sein Vater auf ihn sein werde, er aber gab auf diese Worte keinerlei Antwort. Als ich dies sah, fürchtete ich das Schlimmste, und selbst vom Schmerze überwältigt, schüttelte ich seine Hand noch einmal und rief ihm iu's Ohr: Kamerad! Wenn Gott es so befohlen, werden wrr für das Vaterland auch sterben können. ״Dulce et decoram 68t pro patria raori \u Hierauf, als hätte er alle seine Kräfte sammeln wollen, athmete er tief und sagte leise: ״Igen a hazat'rt lu (Ja, für's Vaterland). Das waren seine letzten Worte; denn bald kam ein Arzt und constatirte, dass der wackere junge Held anSgerungen habe. Ich eilte vom Platze, um meinen Thränen freien Lauf lassen zu können; der Schmerz ergriff mich so heftig, als hätte ich meinen Bruder zu beweinen gehabt. Am folgenden Tage zeitlich Früh brach unser Lager auf, ich bat meinen Commandanten, bis zur Beerdigung der gestern Gefallenen Zurückbleiben zu dürfen, und begab mich wieder auf Leu Verbandplatz. Da lagen dicht neben einander die Todten in Reihen und hinter ihnen war ein breiter, tiefer Graben aufgeworfen. Bald kam unser Feldpater, ein Franciskaner; er hielt eine kurze Rede, segnete die Todten ein und betete für ihr Heil —• im Tode sind wir Alle gleich. Dieses, gemeinschaftliche Grab bezeichnet gegenwärtig noch kein Monument, bald jedoch wird ein würdiges Denkmal sich dort erheben, wo mit so vielen tapferen Helden auch mein jüdischer Jugendfreund und Kriegskamerad ruht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.