Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 10 (1.4.1890)
- Date
- 1890-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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- — Um den Werth und die Bedeutung dieses Monarchen zu würdigen, genügt zu wissen, das Kaiser Josef II. von der Sage verherrlicht wurde, und die Sage verherrlicht nur die auserlesensten Personen. Der größte Dichter, das Volk, besingt nur -ie Unsterblichen. WiÜ man jedoch den Kaiser und seine Wirksamkeit verstehen, so muß man einen Blick auf die Zustände und Verhältniße werfen, wie sie sich unter seiner Mutter, der Kaiserin Maria Theresia, hcrausgebildet hatten. Bekannt ist der Spruch: ״Tu Austria felix uube“. Hormayr nannte Oesterreich im abfälligen Sinne einen ,zusammengebeirateten Staat.' Wie man jedoch weiß, haben bereits die Vorgänger der Kaiserin dahin gestrebt, aus Oesterreich ein Ganzes zu machen. Viel zu wenig gewürdigt sind die diesfälligen Bestrebungen Kaiser Carl VI. Wir wollen daher bemerken, dass derselbe bald nach seinem Regierungsantritte ein Mandat ergehen ließ, in welchem es beißt: »So haben wir den Beschluss gefasst, so bald als möglich einen von allen unseren Erblanden gemeinsamen oder General-Lantag hier in unserer kaiserlichen Residenzstadt in forma solenni zu deliberiren, der von allen Erblanden, Ständen wohl instruirt und mit behörigen Vollmachten versehen oder legitimirte Deputirte berufen und ihnen freie Stimme verstatten'.*) Wir haben hier in nuce den jetzigen Neichsrath vor uns. Dieses Vorhaben des Kaisers verlief jedoch in den Sand, wie dies auch bei seinen Vorfahren der Fall war. Glücklicher war die Kaiserin Maria Theresia^ welche die zerstreuten Theile Oesterreichs aneinander zu fügen begann. Der erste und letzte Gedanke Kaiser Joscf's II. war der Staat, und wenn die Kaiserin ihre Hoheitßrechte auch der Kirche gegenüber, deren hingebende und ergebene Tochter sie war, wahrte, so that dies der Kaiser in noch höherem Grade und gestattete auch nicht im Entferntesten wem immer, die Hobeitsrechte des Staates zu verletzen. Wenn Ludwig XIV. sagte: ״l’etat c’est moi“, lü gieng Kaiser Josef II. ganz im Staate auf. Kaiser Josef II. war auch ein Mann des strengen Rechtes und hasste das Protcctionswesen. Als er zur Herrschaft gelangte, *) Vergl. G- Wolf: Geschichte der k. k. Archive, S. 13. zogen seine Schwestern, die Erzherzoginnen Elisabeth und Marie Anna, als Aebtissinnen, die Crstere nach Innsbruck und die Letztere nach Klagenfurt. Bei dieser Gelegenheit richtete der Kaiser an den obersten Kanzler, Grafen Blümegen, 19. Mär; 1781, ein Schreiben, in welchem es hieß: ,Sie (die Erzherzoginnnen) werden privatim leben, keine Art von Empfehlung oder Recommandation weder zu einem geistlichen oder weltlichen Dienst unter was immer für einen Vorwand, auch nicht beim Magistrate, wird in Betracht zu ziehen sein.' Der Kaiser legte einen großen Werth auf die Verbindung seines Neffen, des Erzherzogs Franz, nachmaligen Kaisers, mit der Prinzessin Elisabeth von Württemberg, die mit dem russischen Hofe verwandt war. Ihr Bruder, der Prinz von Württemberg, der Protestant war, trat in österreichische Dienste, bekleidete den Rang eines Oberstlieutenants und domicilirte in Klagenfurt. Dieser wünschte für sich und seine Domestiken, dass der Ossiacher Pastor Andachtsüvungen halte, an welchen auch andere militärische Glaubenspersonen sollten Antheil nehmen können. (Bethäuser für Protestanten wurden jedoch nur da gestattet, wo 500 Seelen waren. So viel waren nicht in Klagenfurt.) Der Hofkanzler glaubte in dem Falle eine Ausnahme machen zu sollen und die Bitte zu gewähren, doch der Kaiser ließ das nicht zu. Er schrieb : ,Das sogenannte Durchdicstngersehen ist ein sehr falscher Grundsatz einer guten Administration.' Als die Kaiserin Maria Theresia zur Negierung gelangte, fand sie die St aatscassen leer. Dasselbe war der Fall, als Kaiser Josef zur Negierung gelangte. Das Militärbudget betrug unter der Kaiserin Alles in Allem 12—14 Millionen, nichtsdestoweniger betrug die österreichische Staatsschuld, als die Kaiserin starb, 460 Millionen Gulden, die zu jener Zeit, wo das Geld theurer war als heute, sehr viel bedeutete. Man kann sich nicht vorstellen, wie arg die finanziellen Zustände des Staates, wie der Monarchen in früherer Zeit in Oesterreich waren, und mögen einige Beispiele diesen Satz illustriren. Unter Kaiser Ferdinand I. war der Hof dem Gewürzkrämer einige hundert Gulden schuldig, und es mussten Fristen gewährt werden, damit der Hof in die Lage komme, diese Schulden zu bezahlen. Im Jahre 1581 war das Silbergeschirr des Hofes Heldentod eines jüdischen Honved. In Groß-Becskerek hat sich ein Comits zur Errichtung eines Denkmals für die im Freiheitskampfe dort ruhmvoll gefallenen Honved gebildet. Aus diesem Anlasse sendet dem ,Pester Loyd" ein 1848/49er Honved-Oberlieutenant folgende ergreifende Reminiscenz: Der 1848/4der Freihektskampf war so reich an Heldenthaten und an Beweisen von Vaterlandsliebe, dass es ewig schade wäre, dieselben der Vergessenheit anheimzugeben, da sie einestheils den griechischen und römischen Heldenthaten gleichstehen, anderseits den jetzigen und künftigen Generationen als Beispiel dienen können, wie man das Vaterland lieben und für dasselbe sterben müsse. Damit meine Erzählung verständlich sei, muß ich den Er- «iguißen des 1848er Jahres ein wenig vorgreifen. Im Jahre 1830 freguentirte ich in einer Proviuzstadt die 1. Elasse des Gymnasiums. Unter meinen Mitschülern war ein Israelit Namens Moriz N., der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns. Er war ein hübscher Junge, geistig begabt und von sanftem Gemüth, so dass Viele unter uns, und insbesondere ich, ihn liebgewonnen haben und gute Kameraden wurden. Doch dieses idyllische Leben dauerte nicht lange; denn nach beendeter zweiter Lateinclasse mussten wir uns trennen, da sein Vater wünschte, dass er Kaufmann werde und daher nach Pest in die Handelsschule gehe. Erst nach mehreren Jahren trafen wir uns wieder, leider in trauriger Lage. Es kam das Jahr 1848, ich war einer der Ersten, die sich zu den Honved üssentiren ließen, bald war ich Feldwebel und im October bereits Lieutenant: mein Bataillon wurde zur Belagerung der Araber Festung commandirt, und als Anfangs November die Kaiserlichen einen Ansfall aus der Festung machten, entspann sich ein kurzer und heftiger Kampf, welcher zwar mit der Znrückwerfung der Kaiserlichen endete, allein auch uns große Verluste verursachte. Unter den Verwundeten war auch ich, dessen linkes Bein am oberen Schenkel durch den Streifschuss einer Kanonenkugel gebrochen wurde. Meine Wunde war eine schwere, die Aerzte konnten erst nach zwei Wochen mir versichern, dass mein Fuß nicht ampntirt zu werden braucht, und es vergiengeu 2 72 Monate, bis ich mit Hilfe einer Krücke zu gehen vermochte. Ich konnte jedoch nicht ruhen, denn nach meiner damaligen Auffassung fürchtete ich, dass wir den Feind rasch besiegen werden, und es war ein unerträglicher Gedanke, dass ich an diesem Erfolge nicht sollte theilnehmen können. Ich meldete mich daher zum Dienst/ und da ich nicht zu Fuße Dienst leisten konnte, übernahm ich die Adjntantur, so dass ich ein Pferd erhielt; die Krücke ward im Sattel versorgt. . Anfangs März 1849 wurde das Bataillon nach Szegedin unter das Commando Perczel's dirigirt. Nun begann ein brillanter Feldzug. Perczel nahm St. Tomas, schlug die Serben bei, den Römer-Schanzen, trieb sie über die Donau und befreite Peterwardein, darauf fetzte er über die Theiß, schlug auch hier die Serben bei Kikinda, Groß- Becskerek und Uzdin und drang bis Pancsova vor. Hier kann ich wieder den Faden der Geschichte meines Jugendsreuudes Moriz aufnehmen. In der Groß-Becskereker Schlacht, als die Uuserigen den Feind bereits auf vierhundert Schritte zugedrängt und jeder unserer Blessirten auf dem Platze, wo er fiel, liegen-blieb, erhielt ich den Auftrag, zum Reserve-Commaudanten zu reiten, um einen Befehl zu hinterbringen. Der Ritt führte mich ,durch die Reihen unserer Verwundeten, als auf einmal ein auf der Erde liegender