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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-04-01 · Heft 10 (1.4.1890) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 10 (1.4.1890)
Date
1890-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 .Von unserem Stammvater Jacob erzählt die Schrift: ,Er 'sah im Traume eine Leiter, deren Fuß unten auf der Erde stand, deren Spitze aber bis an den Himmel reichte, die Engel Gottes stiegen auf derselben auf und nieder, der Ewige aber stand oben darauf* u. s. w. (1. B. M. 25, 12—13). Wenn von irgend einer Stätte, gilt dieses Schriftwort von der heiligen Stätte, an der wir unS augenblicklich befinden, von der Schule. Die Schule, die das Kind im zarten Älter, in frübcster Jugend betritt, ist eine solch' wunderbare Leiter, die mit ihrem Fuße unten auf der Erde steht, deren Spitze aber bis an den Himmel reicht. Das Kind sängt hier in der Schule an, von unten die Grundelemenle des Wissens, das Alphabet, das Buchstabieren, Lesen, Uebersetzen n. s. w. zu erlernen; diese Grundelemenle befähigen aber später das Kind, die höchsten Höben der Wissenschaft, der Weisheit und Wahrheit, in unserem Falle die höchsten Höhen der Rtligion, der ,Thora*, zu ersteigen und zu erklimmen. Das Kind, das wir heute im Beginne des Schulbesuches sehen, wir können es nach Jahren, wenn es fleißig und strebsam, als Zierde der Gemeinde, der menschlichen Gesellschaft erblicken. Die ״Engel', die ,Bolen Gottes* das find offenbar die Lehrer, die ihr Leben der Erziehnng und Bildung, ihre ganze Kraft der Entwickelung der Seelen- und 'Geisteskräfte der Jugend weihen und widmen und die Kinder auf der Leiter der Wissenschaft, der Cultur, von Stufe zu Stufe nach oben führen. Und auch das Wort .Auf- und Niedersteigen* trifft vollständig zu. Wir führen das Kind von Stufe zu Stufe, von Elaste zu Elaste, immer weiter, immer vorwärts, aufwärts, bis wir unser Werk vollendet und dem Kinde das Maß von Wissen beigebracht, das es hier überhaupt erreichen kann, und wenn wir bei dem Kinde unser Werk vollendet und oben auf der Leiter angekommen sind, dann steigen wir wieder von der Leiter herunter und beginnen unsere Arbeit vom Neuen. Bei all' unserer Thätigkeit aber an der Schule verlässt uns auch nicht einen Augenblick der Gedanke, dass ,Gott oben steht*, dass das höchste Ziel alles Wissens, aller Wissenschaft Gottesfurcht, Gotteserke nnln iS ist. ,Der Anfang aller Weisheit ist Gottesfurcht* (Ps. 3, 10). Das Kind, so lange es den Schlaf der Kindheit schläft, so lange die Seelen- und Geisteskräfte noch gleichsam im Halbschlummer begriffen sind, und es den Werth der Schule zu erfassen nicht im Stande ist, weiß auch nicht, die Heiligkeit dieser Stätte zu schätzen und zu würdigen; erst später, nach Jahren, wenn es aus seinem kindlichen Schlummer erwacht, spricht es: ,Wahrlich, der Ewige ist an dieser Stätte und ich — wusste es nicht!' (ibid. 16). Wir Erwachsenen und Erfahrenen aber, die wir den Werth des Unterrichtes, des Wissens für den Menschen zu ermessen wissen, wir rufen aus voller Ueberzeugung: ,Die Schule ist ein Gotteshaus, ja sie ist die Pforte des Himmels* (1 B. M. 25. 17). Dieses Gotteshaus, dieses Heiligthum, geehrter Herr Herzberg, wollen wir nun Ihnen übergeben, Ihrer Obhut anvertrauen, aus dass Sie darin als Prister walten, als ,Bote Gottes* unsere Jugend führen und leiten, in deren Seelen und Herzen daß ,ewige Licht* der Gotteslehre anzünden, die heilige Flamme der Gottesfurcht anfachen, dieses Licht und diese Flamme unablässig nähren und pflegen, die Jugend auf der Leiter der Wissenschaft, der Thorakenntnis immer vorwärts, inimer aufwärts führen und Aug' und Herz der Kinder stets auf jenen höchsten Gipfelpunkt hinlenken, von dem es heißt ,der Ewige steht oben*, denn, wie bereits gesagt, der feste unerschütterliche Glaube an Gott den Einzigen und Allmächtigen ist der Hauptzweck aller Bildung Wissenschaft und Weisheit. Und nun empfangen Sie als Neligionslehrer an unserer Schule unseren herzlichsten Glückwunsch und für den neuen ernsten und m ü b e v o l l e n W e g, den Sie autreten, auch den Segen, den ich Ihnen im Namen unserer altebrwürdigen Gemeinde crtheile. Es ist derselbe Wunsch, derselbe Segen, den einst Gott Josua, dem Führer und Leiter der Kinder Israels, crtbeilte: ,Es weiche nicht dieses Buch der Thora von deinem Munde und sinne darüber Tag und Nacht; denn alsdann wirst du glücklich sein ans deinem Wege, und dann wird dir Alles gelingen.* (Josua 1, 8.) Es ist ein gar merkwürdiges Buch, das Sie fortan an dieser Stätte beschäftigen wird, aus dem Sie Hunderten und Hunderten von Schülern Lebre und Unterricht crtheilen werden. Jedes andere Buch lesen wir einmal, zweimal, dreimal, endlich aber haben wir genug gelesen. Dieses Buch, .das Buch der Thora', können wir bundert, raufend Mal lesen und es erfreut uns, es erhebt und beglückt uns, es erwärmt, entflammt und begeistert uns immer von Neuem, wir möchten, wenn es möglich wäre, wieder Kinder werden, wieder das Buch von Neuem anfangen, um wieder die besecligcnde Höhe zu erklimmen, die wir einmal bereits erklommen haben. Das der erste Theil unseres Segens, 10״ jomäseh“ dass Sie in Ihrer Thätigkeit und Wirksamkeit nie ermatten und er« schlaffen, sondern in derselben immer neue Befriedigung und Erhebung finden, aus derselben immer neue Anregung und Anspornung schöpfen. Das Schriftwerk an Josua enthält aber auch eine pädagogische Lehre, die an Wahrheit und Trefflichkeit alle anderen überragt. Die Lehre lautet: An dem Fleiß und Eifer des Lehrers entzündet sich der Fleiß und Eifer deS Schülers, der Lehrer muß mit dem Beispiele der Strebsamkeit und Rastlosigkeit vorangehen, .wenn er glücklich auf seinem Wege* sein, erfolgreich arbeiten und streben will. Wir Lehrer müssen den Kindern thatkräftig und lebendig zeigen, was eS heißt, ,Du sollst Tag und Nacht über dieses Buch sinnen', und wir haben die halbe Arbeit vollbracht, bevor wir noch mit der Arbeit überhaupt begonnen. Und so bewähre sich an Ihnen und Ihrer Wirksamkcit auch der zweite Theil des göttlichen Segens ״Wehagitha.tt Sinne über dieses Buch Tag und Nacht, dann wirst Du glücklich sein auf Deinen Wegen und Deine Thätigkeit wird von schönstem Erfolge gekrönt sein!* — Ich rufe Sr. Ebrwürden, dem Herrn D r. K o h n, im Namen aller meiner Berufsgenosten für diesen herrlichen und gediegenen Vortrag und für diese ausgezeichnete Würdigung und Anerkennung unseres Berufes und Strebens ein vielfältiges ייעיך 2ךןך I Ein Cantor und Religionslehrer. Kaiser Josef n.*) Kaiser Josef II. wurde am 13. März 1741 geboren, an einem Tage, der später in der Geschichte unseres Vaterlandes von so großer Bedeutung wurde, mit welchem der Völkerfrühling in Oesterreich begann. Und ich glaube, wenn man den Namen Kaiser Josef II. nennt, so ist cs, als würden Frühlingslüfte wehen, wir vernehmen gewissermaßen den Lerchenschlag. Das Bild und Gleichnis, welches ich hier gebraucht habe, ist übrigens nicht neu. Anastasius Grün singt: Ein Despot bist Du gewesen, doch fürwahr ein solcher blos, Wie der Lenz, der Schnee und Kälte treibt zur Flucht erbarmungslos. *) Festrede gehalten vom Schulinspektor Dr. Ger son Wolf, aus Anlass 100-jährigen Todestages Kaiser Josef II. am 20. Februar 1890 im Vereine der ,österr.- israel. Union' in Wien.

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