Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 10 (1.4.1890)
- Date
- 1890-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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that. so wurde auch die milde Gabe im Namen und im Sinn der jüdischen Religion gespendet, und deshalb sorgte man nichtblos für den Leeren Magen, sondern es wurde auch dem religiösen Herzensbedürfnis Rechnung getragen; und so wurde denn allsabbathlich und an jedem Feiertage für die ״Orchim“, die ,zugereisten jüdischen Armen^, in dem Gotteshause ״Kidduseh“ und ״Hawdalah“ gemacht, und an den beiden ersten Pessach-Abenden wurde in der *Tamehuj ein Seder für die Orehim bereitet. Nun aber mussten in der Volksküche für diese beiden Abende zwei Säle eingerichtet werden; in dem einen Saale wurden die nichtjüdischen Armen gespeist, und im andern wurde den jüdischen ״Orchim“,*!« Seder angerichtet. Und wie hentzutage die jüdische Volksküche durch Maueranschlag es ankündigt, Lass sie für die Dauer des Passahfestes nur Mazzoth und Pessachspeisen verabreiche, ebenso brachte auch die babylonische Tamehuj diesen Umstand demonstrativ dadurch zur allgemeinen Kenntnis, dass sie während der acht Pessachtage eine Nazzoh als Aushängeschild an ihr Gebäude anbrachte mit der rbeigefügten Erklärung: ״Ho lachmoh anjoh, di aeholu awohosono bearoh demizrajim.“ d. h. .F ü r beute dieses dürftige Sclaven׳ Commihbrot, daß unsere Vorfahren gegessen im Lande Egypten.' Um nun Verirrungen vorzubcngen, wurde über dem Speises a a 1 die Ueberschrist gesetzt: L^ol dichfin jehseb wejecbul! ,Wen hlo§ der Hunger plagt, der trete hier ein!' während der Sedersaal durch das angebrachre: Ho! dizrieh jehseb wjifsach— ,Entre für Seder-Bcdürftige" erkenntlich gemacht wurde. Da in der Tamehuj die Vorsteher, die Gaboim, anwesend waren, um sich persönlich zu überzeugen, ob Alles aufs beste bereitet und aufs zweckmäßigste hcrgerichtet wurde, so dankten ihnen die Armen nach aufgehobener Tafel und verrichtetem Seder mit dem Wunsche: Lesehonoh habooh bearoh de jissroel, d. h.: ,Ihr edlen Menschenfreunde! Was ihr Heuer und heute hier in Babylon, auf fremdem Boden, an uns gethan, das sei euch gegönnt schon nächstes Jahr aus eigenem Boden, im Laude Israel, zu thun!' Damals sehnte sich nicht blos das jüdische Proletariat nach Palästina, sondern auch die jüdischen Großen, die obersten Zehnrausend, fühlten eine Sehnsucht nach dem Lande, ,wo die Gräber unserer Ahnen' sich besindcn (Nehemi'a 2). Auch galt damals das heiße Verlangen und das innigste Gebet um Wiederaufbau Jerusalems nicht als unpartriotisch und Landesverrath; denn Las edle und humane Wirken, das segens- und erfolgreiche Streben unserer Großen im talmudisLen Zeitalter war. wie zu Zeiten Esras und Nechemias, von keinerlei niedriger und widerlicher Nebenabsicht getragen, sondern ihr ganzes Leben, ihr Thun und Lasten entstammte der reinsten Menschenliebe und der höchsten Sittlichkeit, oder, was ja im echtjüdischen Sinn dasselbe ist und blos mit einem einzigen Begriffe auszedrückl wird, es geschah Leschem Schomajim, aus innigster Religiosität. Weil nun alle Welt von der Aufrichtigkeit und Ungezwungenheit dieser in so selbstloser und bescheidener Weise geäußerten Gesinnungen überzeugt war, wagte man es. auch nicht, die heiligsten Empsindungen der Juden, die weder jemanden ver- Letzten und schädigten, noch die aufrichtigste hingebendste Vater- Landsliebe beeinträchtigten, zu verdächtigen, diese rein menschlichen Gefühle der Juden zu schmähen, zu verspotten und zu verlästern, und so wünschten die Nichtjudrn gleich den Juden ihren israelitischen Wohlthätern: Lesehonoh habooh bearoh de jissroel, denn sie wussten, dass nach der Erfüllung dieses Wunsches das Herz der Vorsteher sich sehne. Die Vorsteher ihrerfeits erwiderten diesen aufrichtigen Wunsch der Armen mit dem nicht minder inniggefühlten: Lesehonoh habooh beneh chaurin! ״Möge Eure Abhängigkeit von menschlicher Gnade, Euere gedrückte und traurige Lage mit diesem Jahre ein Ende nehmen, so dass ihr am nächsten Pessachfeste in freier, unabhängiger Stellung Euch befindet!' Der Zusammenhang deS Ho lachmoh anjo wäre mithin hergestellt, und die Eingangs erwähnten Fragen gelöst, wenn sich nicht dafür die begründete Frage aufgedrängt hätte: Wie kommen diese Auf- und Ueberschriften der Tamehuj, wie der Dialog zwischen den Armen und den Vorstehern der Volksküche in die Hagadah, respective als einleitendes Stück derselben, hinein? Nun, diese Frage wollen wir in nächster Nummer beantworten. (Schluss folgt.) Die Jacobsleiter. Eine symbolische Darstellung. Da viele meiner Amtsgenossen gleich mir auch das Amt eines Religionslehrers,- oder des Lehrers überhaupt, bekleiden, so dürfte es dieselben sicherlich interessiren, in welch' schöner Weise dieses hohe Amt von einem Fach- und Sachkenner gewürdigt wird, und daraus zu erfahren, wel'ch ein bedeutungsvoller Factor der Neligionslehrer, eventuell der Lehrer im Allgemeinen, auf dem Gebiete der Bestrebungen menschlicher Cultur ist. Wohl fühlt jeder berufs- und pflichtgetreue Fachgenvsse die Größe der anerkenneyswerthen Dienste, die er der menschlichen Gesellschaft leistet, Dienste, die von keinem anderen Mitarbeiter in der großen Kette menschlicher Bestrebungen übertroffen werden können; doch es ist wohlthuend, auch einmal aus' dem Munde eines Andern die gebührende Würdigung zu vernehmen. Dieser schönen und sinnigen Darstellung soll aber auch manche nützliche Lehre entnommen werden: Vor Allem möge sie darthun, wie ein würdiger, seinem hoben Amte vollkommen entsprechender Rabbiner, ein wahrer Seelsorger in seiner Gemeinde, den Neligionslehrer, respective den Lehrer, neben sich zu achten und zu schätzen und ihn als seinen Amtsbruder und Mitarbeiter im ,Weinberge des Herrn' zu würdigen verstehen muß. Denn trauriger Erfahrung gemäß haben leider sehr viele, unserer Herren Nabbineu das Bestreben, den Stand, die Würde, den Werth und die Leistungen des neben ihnen amtirenden Lehrers, Cantors oder Lehrer-Cantors herabzusetzen, einen Oberherrn über ihn zu spielen, um irrig vermeinter Weise die eigene Autorität und Macht dadurch zu erhöhen*), ja selbst durch gewisse Machinationen ihn mala üde zu verdrängen. Daraus kann aber auch die Lehre und Weisung gefolgert werden, in welch' schöner und anständiger Weise ein Lehrer, dem das kostbarste Gut der Gemeinde — die Jugend — anverlraut und zur Heranbildung und Herzensveredelnng überlassen ist, in sein Amt und in seine Wirksamkeit eingeführt werden muß, wenn er der Gemeinde wahrhaft das sein soll, wozu er berufen ist, und dass es durchaus nicht hinreichend und standesgemäß ist, wenn man den Cultusbeamten durch den Synagogendiener in Empfang nehmen und in's Amt einführen lässt, wie dies leider bei uns gewöhnlich der Fall ist. Sr. Ehrwürden Herr Dr. K o h n, gewesener Rabbiner in Prag, jetzt in I n o w r a z l a w in Deutschland, führte nämlich den dortigen Neligionslehrer, Herrn I. Herz b erg, in Gegenwart der Gemeinderepräsentanz, der Schulcommission und mehrerer der angesehensten Gemeindemitglieder durch folgenden Vortrag feierlich ein: . *) Schreiber dieses konnte staunenswerthe Thatsachen darüber mittherlen, die er aus eigener, trauriger Erfahrung kennt. .