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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-03-21 · Heft 9 (21.3.1890) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 9 (21.3.1890)
Date
1890-03-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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© Die Chewra-Kadischa führt ferner aus, dass sie im letzten Jahrzehnte über 700.000 fl. für wohlthätige jeder Art) vorwiegend zur Unter- Stützung armer kranker und zur unentgeltlichen Bestattung von Todten verwendet habe, und diese ausgebreitete, segensreiche Wirksamkeit würde gelähmt, wenn eine Concurrenz-Chewra genehmigt werden sollte. Vorwiegend practischen CharacterS ist das im Memorandum entwickelte Argument, dass die Hauptaufgabe einer Chewra-Kadischa in der unentgeltlichen Bestattung armer Verstorbener bestehe, und Lass bei der Existenz zweier Chewra's die Frage auftauche, welche von ihnen die Pflicht habe, die unentgeltliche Bestattung zu besorgen. Eine Frage, welche umso schwerer zu lösen ist, als bei zahlreichen Todten nicht zu eonstatiren sein wird, ob sie sich bei Lebzeiten zur orthodoxen oder ueologen Anschauung bekannt haben. Die Chewra-Kadischa gibt nun der Besorgnis Ausdruck, Lass daß orthodoxe Concurrenz-Jnstitut nur die Besorgung der bezahlten Bestattungen übernehmen, sich jedoch gegen die Gratisbestattuugen sträuben würde — was dann auch die Behörde interessiren wird, La die Leiche schließlich doch bestattet werden muß und, wenn keine der beiden Chewra's dies übernimmt, die Be- Hörde die Kosten zu tragen hat. Der Entscheidung des hauptstädtischen VerwaltungSauSschusses wird mit Spannung entgegengesehen. Diesem Berichte, welchen Rabbiner Dr. David aus Preßburg in der ,Magdeb. isr. Wocheuschr.^ veröffentlicht, fügt der Autor noch die Thatsache hinzu, dass in Pressburg zwei jüdische Friedhöfe bestehen, und zwar schon seit-dem Jahre ^1872, zu welcher Zeit die FortschrittSgemeinde ins Leben trat. Zur Errichtung eines eigenen Friedhofs wurde die letztere moralisch geuöthigt, weil die Orthodoxie nicht gestatten wollte, dass ein Prediger im Ornat auf dem alten Friedhöfe Leichenreden halte, oder die Gebete vom Cantor allein recitirt werden. Ebensowenig erlaubte sie genagelte Särge aus rohen Bretter», oder eine andere Grabschrist als eine, hebräische. Vor einigen Jahren ließ ein orthodoxes Gemeiudemitglied auf den Denkstein für seinen Vater auch eine deutsche Grabschrift anbringen, musste sie aber, nachdem der Leichensteiu bereits einige Wocheu gestanden hatte, auSradireu lassen. — — Die Budapester Gemeinde hat auch soeben durch ihren Präses, Abgeordneten M. Wahrmanu, bei der Stadtbehörde angesucht, «S möge die städtische Jahressubveution für Liefe Gemeinde von 8000 fl. aus 12.000 fl. erhöht werden. Gr.-Kanisza, im März 1890. Ern herber Schlag traf unsere Gemeinde- Der seit drei Jahrzehnten als Präsident mit unsäglicher Hingebung, musterhaftem Eifer und nie ermüdender Thätigkeit wirkende Her S. H. Gutmann Edler Le Gelse verschied nach kaum zweitägigem Unwohlsein am 6. d., 8 Uhr AbeudS. Niederschmetternd wirkte diese Trauerkuude auf alle Bewohner unserer Stadt. Die für diesen Abend bestimmte und bereits im Anfänge begriffene Purim-Tanzunterhaltung wurde sofort eingestellt. Am 7. d., II Uhr Vormittags, trat der Gemeinde-Vorstand zusammen, um die Erweisung der letzten Ehren ihres allgeliebteu Oberhauptes, seinen immensen Verdiensten entsprechend, zu berathen. Der Präsident-Stellvertreter, Herr Leopold Ebenspanger, gab tieferschüttert die Trauerbotschaft bekannt, die stehend unter dem Zeichen wahrhaft glcichfühlender Trauer angehört wird. Sodann wurde befchlosteu: Seitens der Gemeinde eine Parte auszugeben und an verschiedene Gemeinden und Rabbiner des Landes, namentlich aber an jene deS 9. DistricteS — Zala und Somogy — Lessen Präsident ebenfalls der Verblichene war, ferner an alle Mitglieder des Groß- Kanizsaer Rabbinats Bezirkes, einschließlich der örtlichen Hauptgemeinde, zu senden. Seitens der Gemeinde einen Kranz auf den Sarg zu legen. Wird Herr Eduard Hirschel, Mitglied des Vorstandes, beauftragt, im Namen der Gemeinde einen Nachruf am Sarge zu halten. Das Bild des theureu Hingeschiedenen für den Sitzungssaal der Gemeinde anfertigen zu lasten. Ein Condolenzschreiben an die hinterbliebene Familie zu richten. In den nächsten Tagen einen separaten Trauergottesdieust im Tempel abzuhalten. Für das Leichenbegängnis wird ein viergliederigeS Ordnuugs-Comit^ ernannt. —Dieses Leichen- Legänguis am 9. d. M, Nachmittags 3 Uhr, gestaltete sich höchst imposant. Im großen Hofe des schwärzt ecorirten und trauerbeflaggteu Trauerhauscs, wo der Gemeinde-Vorstand, die vielen von fremden Gemeinden erschienenen Deputationen,- die Honoratioren der Stadt Kanizsa, die Spitzen der Behörden und Aemter, der Frauenverein, Geistliche, Professoren, re. versammelt waren, wurde die Leiche auf» gebahrt, und nach < den üblichen von Obercantor Kar t s ch m a r o f f auSgefnhrten Trauergesängen bestieg Oberrabbiuer Dr. Neumaun die Kanzel und - entwarf auf Grund des .Textwortes ,Heute si׳l ein Herr, ein Großer in Israel* ein glanzvolles Bild von dem verdienstreichen Wirken des Heimgegangenen, als Vater im Hause, als Großindustrieller im Weltverkehr und als Präsident in der Gemeinde. — Langsam bewegte sich nach Beendigung des weiteren Ceremoniells der mit Kränzen voll beladene Leichenwagen durch die mit Menschen besäeten Gasten, wo alle Lampen schwärzbeflort brannten, hinaus nach dem Friedhof. Int neuerbaüten großen Betsaale des Friedhofes sprach Herr Ed. Hirschl im Namen der Gemeinde, Herr Julius Rapoch, Advocat, im Namen der Familie, und Herr T. Szekely im Namen der nach Hunderten zählenden Beamten des großen Hauses Gntmann Edler de Gelse. Nach, einem kurzen Gebete wurde der so allgemein Betrauerte in die Familingrnft gesenkt, wohin ihm der Segen Tausender folgt. ׳ G. Werkin. In einer der letzten Sitzungen des Abgeordnetenhauses wurde die Petition der jüdischen Gemeinde in Segeberg (Schleswig) um Bewilligung einer Beihilfe aus Staatsfonds zur Besoldung ihres ReligiouslehrerS nach dem Anträge, der Commission durch »Uebergang der Tagesordnung* erledigt. Der Referent der Unterrichtskommission erklärte, dass letztere bereit gewesen wäre, die Petition zu unterstützen, dass aber der Negierungskommistar dagegen gewesen sei, mit der Begründnug, dass keine Staatsfonds beständen, um Mittel für solche Zwecke bereit zu stellen. Nach dem stenographischen Bericht hat der Negierungskommistär des Cultusministeriums in der Unterrichtskommission wörtlich gesagt: Er warne vor der Consequenz, da doch die. jüdische Religionsgemeinschaft immer nur eine konzessionirt geduldete in unserem Staate sei. — Diese Aenßerüng ist ganz unverfastnngsmäßig. Die jüdische Religionsgemeinschaft ist nach der Verfastung keine »konzessionirt geduldete* sondern eine vom Staate anerkannte und mit Korporationsrechten versehene Religionsgesellschaft. «Leipzig. Am 4. März ist hier -er geheime Kirchenrath, Professor Franz Delitzsch, im 78. Lebensjahre verschieden. Delitzsch genoß einen großen Ruf als ausgezeichneter Hebraist und Exeget und machte hauptsächlich die Thora zum Gegenstände seiner Forschungen. Geistvoll sind seine Commentare über Genesis, Psalmen, Job und Jesaia. Das Judenthum muß dem verstorbenen Gelehrten für sein mannhaftes Auftreten gegen den Antisemitismus und dessen Lügenapostel Rohling und I u ft u s ein besonders dankbares Andenken bewahren. Ae/san. Das Moses Mendelssohn-Denkmal für Dessau schreitet unter den Händen des Bildhauers Heinrich Hoffmeister in Berlin bereits der Vollendung entgegen. DaS Denkmal erhält die Gestalt eines von einem Stufenbau getragenen Bassins, in dessen Mitte das Postament mit der Kolossalbüste aufragt. Ihr zur Seite hat die sinnend in die Ferne blickende Figur der Philosophie ihren Platz, während an den drei übrigen Seiten Becken mit wasterspeienden Bärenköpfen angebracht sind. Waris. General Tseng-Ki-Tong, der Militär-Attache des Himmlischen Reiches in Paris, veröffentlicht im »Gaulois* in einem »Die Juden in China* betitelten Artikel unter Anderm Folgendes : »Die Juden kamen im zweiten Jahrhundert vor der christlichen Aera unter der Han-Dynastie nach China. Sie theilten uns mit, dass Fremde sie aus ihrem Vaterlande vertrieben hatten, indem man sie zwingen wollte, ihren Glauben zu verlassen. Sie erklärten uns, dass auch sie gleich uns heilige Bücher hätten, dass ihr Gesetzgeber, der ihnen diese Bücher gegeben, ihnen befohlen habe, alle Tugenden zu üben und alle Laster zu hasten, dass er ihnen in diesen Büchern ausdrücklich befohlen habe, ihre Eltern zu ehren, ihre Nächsten wie sich selbst zu lieben, und dass er ihnen absolut verboten habe, Böses zu thun. Er habe ihnen sogar vorgeschrieben, ihren Feinden im Unglück Hilfe zu leisten, dass endlich, als sie noch in ihrem Lande weilten> das Gesetz sie verpflichtete, einen gewissen Theil ihrer Ernte ausschließlich Witwen, Waisen und Fremdlingen zu widmen. Man fand, dass diese ganze Moral sich jener nähere, welche von der Religion unserer Gelehrten, der deS ConfuciuS, gelehrt werde. Die Juden fügten hinzu, dass sie nur an einen einzigen Gott glauben, und dass der Bildercultus bei ihnen ebenso wenig wie bei den Schülern unseres großen Philosophen bestehe. All dies, sowie ihre Speise- und Gesund-- heitsgesetze erschienen sehr gut und sehr logisch, so dass unsere Ahnen sich beeilten, den Juden ohne jede Bemerkung das Bürgerrecht zu verleihen. Sie wohnen feit 2000 Jahren in der schönen Provinz von Ho-Nan, besonders in der Gegend von Kai-Fung-Fn. Wir haben unS niemals über sie zu beklagen gehabt, weil wir ihnen niemals Böses zufügen. Wir haben sie nicht in Ghettos gesperrt, sie sind auch dem Reste der Bevölkerung nicht fremd. Sie unterscheiden sich von derselben durch Beobachtung gewisser׳ hygienischer Regeln und durch die Feier

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