Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 9 (21.3.1890)
- Date
- 1890-03-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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- -L — ,zur Leitung des Gottesdienstes ursprünglich kein besonderes Diplom nothwendiz war, jeder hebräisch lesende Tcmpelbesucher konnte vorbetcn', und zweitens, was daraus folgt, dass ,die Vorbeter in ältester (nicht in .älterer') Zeit keinen besonderen Stand bildeten, da sie zu diesem Amte keine besondere Befähigung brauchten.' Dies halte ich noch heule aufrecht, ohne einen Gewährsmann zu stellen oder erschöpfende Citate anzuführen, weil die genannten Behauptungen so selbstverständlich sind, dass sie keines Beweises bedürfen. Ich behauptete nämlich, dass die Vorbeter in ältester Zeit, also in den Zeiten von Esra augefangen, keinen besonderen Stand bildeten. Denn so lange das Heiligthum zu Jerusalem bestand, pflegten bekanntlich die Leviten den Gesang, während in den Synagogen, die schon in der Zeit des zweiten Tempels errichtet wurden, jeder, der hiezu würdig war, uorbeten konnte. Ueberhaupt muß man flch unter diesen Vorbetern keine eigentlichen Sänger vorstellen, denn der Gesang wurde, wie schon gesagt, nur im heiligen Tempel von den Leviten cultivirt. Im Talmud Beroch. 34, 1 heißt der Vorbeter sowohl עובר als auch יורד לפני התיבה, was Raschi und Toßephos mit שליה צבור wiedergeben, ja Maimonides in seinem Mischnacommentar zur Stelle sagt ausdrücklich: העובר לפני התיבה הוא שליה צבור (Siehe auch R. Ascher zu St.) Meine frühere Frage bleibt also noch immer offen, nämlich, ,wo und wann das Cantorenthum als selbstständiger Stand seine Thätigkeit begann.' Mit der Anführung Maimonides sind meine Behauptungen nicht widerlegt, denn diese beziehen sich, wie erwähnt, auf die Zeit der Anfänge des synagogalen Gottesdienstes, während Maimonides im 12. Jahrhundert, also beiläuflg änderthalb Jahrtausende später lebte, und somit immerhin möglich ist, Lass es in seiner Zeit schon besoldete Cantoren gab, für die er die bewusste Regel anordnete. Dass aber der Talmud keine besoldeten Cantoren kennt, erhellt aus der folgenden Anordnung desselben: ,Wenn der עובר לפנ״ התיבה in Verwirrung geräth, so dass er nicht weiß, wo er zu beten hat, so soll ein Anderer seine Stelle einnehmen, ohne sich vorher zu weigern.' Dies beweist, dass Einer wie der Andere — wenn mir der Ausdruck erlaubt wird — Dilettanten-Vorbeter waren. Gedenket der Tage der Vorzeit — erwäget die Aendernng der Zeitalter. V. B. M- 32, 7. Dr. Gabriel Rießer II. XXV. Geehrter Herr Nedacteur! Wenn es sonst sprichwörtlich heißt: ,Nach der Wahl kommt die Qual', so empflnde ich leider dieselbe vor wie nach. Meinem Plane gemäß sollen einige eigenhändige Briefe Rießer's Leben, das ich im abgekürzten Verfahren zu skizziren beabsichtige, näher kennzeichnen. Nun bietet aber sein eigentlicher Biograph, Dr. M. Jsler, im ersten Bande der gesammelten Schriften Dr. G. Rießer's, der mir vorliegt, eine wahrhafte Fülle elastischer Briefe, die fammt und sonders geeignet sind, diesen großen Mann -nach verschiedenen Richtungen, bezüglich seines iunigzärtlichen Familienlebens, seiner Anschauung über Judenthum, besonders aber seiner parlamentarischen Tbätigkeit zu illustriren, und es ist demnach Natürlich, dass die Wahl mir Verlegenheit bietet und schwer fallt. Vor derselben, weil cs mir wenigstens nicht leicht wird, die schönsten Blumen aus dieser berückenden Flora zu pflücken, und nach geschehenem kühnen Griff meinerseits bleibt es immer noch fraglich, ob die duftig prangenden Blumen; die. mich ergötzen, dies auch bei Ihrem geschätzten Leserkreise bewirken werden. Jndeß Allen!nachts bekanntlich selbst der liebe Herrgott auch nicht recht, und frisch begonnen ist größtenthcils halb gewonnen. Zur Charakterisirnng des Verhältnißes zwischen Vater Rießer und seinem Sohne Gabriel gestattete ich mir, folgende Briefe zu bieten: Hamburg, 30. November 1824. Mein lieber Gabriel! Mag der Allvater Dir die Freude belohnen, die mir Dein liebes Schreiben vom 25. d. M., das ich am Sonnabend erhielt, machte. Glaube nicht, dass ich mich Dir gerade zum Muster aufstellen will, damit wäre ich noch gar nicht zufrieden; denn wäre ich bei dem Standpunkte geblieben, zu dem ich erzogen wurde, hätte ich, wie Du, mich ganz den Wissenschaften widmen können, so wäre ich gewiss viel besser geworden, so wie Du es mit Gottes Hülfe werden wirst. Die reinen Gefühle für das Höhere werden doch nicht wenig abgestumpft, wenn man sich beständig mit dem rein Weltlichen, das durchaus mit keiner Wissenschaft in Verbindung steht, beschäftigt. Selbst noch als ich Pächter in Lübeck war, fand mein Geist mehr Nahrung, wenn mir ein Aufsatz, deren ich damals sehr häuflge machen musste, nach meinem Geschmacke gelang, und als mich später bas hiesige Gemeindewesen sehr anzog, fand ich auch noch so manche Veranlassung zu geistiger Beschäftigung. Doch darin wünschte ich mich Dir zum Muster, dass ich mich über keine Lage verblende, das Mangelnde in derselben wohl einsehe, aber dennoch darin mich recht glücklich fühle.-- Von der dänischen Kanzlei ist neuerdings ein Patent erschienen, dass unsere Genossen, die zum Aufenthalt im H o l st e i n i s ch e n b e r e ch t i g t s i n d, in allen Zünften aufgenommen werden müssen. Diese unterstrichenen Worte zielen, wie ich officiell weiß, auch auf unsere hiesigen Genossen, weil diese von königlicher Seite noch als privilegirte Unterthanen betrachtet werden. Wenn nun dieses Patent Dich zwar nicht unmittelbar berührt, so kann es mittelbar auch für Dich sehr nützlich und seiner Zeit anwendbar gemacht werden. Außerdem weiß ich, dass das Vorwärtsschreiten unserer Genossen in den Rechten der Menschheit, woran die dänische Negierung immer das schönste und anspruchsloseste Beispiel gegeben hat, Dich nicht minder als mich interestirt. Hamburg. 18. December 1827. Mein herzgeliebter Gabriel! Deinen lieben Brief vom 25. v. M., den ick mir vornahm, gleich am ersten Posttage zu beantworten, ließ ich dennoch bis heute gegen meine Gewohnheit und gegen meinen Wunsch unbeantwortet, ohne dass ich Dir eine andere Ursache davon angeben könnte, als weil ich gerade einen Tag vor dessen Empfang Dir schrieb und erst darauf auch deine Antwort abwarten wollte, ׳ die auch, vorgestern wieder zu unserer großen Freude gehörig eintraf. Doch kann ich Dir zu deiner Nachricht sagen, dass Briefe, die an dem lieben Sonnabend, wie es bei dem ersten der Fall war, bei uns eiulreffeu, einen noch weit angenehmeren Affect machen. Da sitze ich bei meinem warmen Ofen, habe meine-Andacht in meinem stillen Kämmerlein in Erwartung - solcher Briefe mit noch mehr Weihe -als gewöhnlich verrichtet, zwischen durch schleicht die liebe Mutter oder das liebe Hannch'en im Neglige leise vorüber und fragen fast inimisch^ ,Ist noch kein-Brief da?' Und wenn die Glocke au der Thür sich bewegt, wird mit einigem Herzpochen gelauscht: und endlich kommt der Freudensbote, unser biederer treuer Zumforde, mit dem ersehnten Briefe in der Hand und mit der wärmsten theilnehmenden Freude im Gesicht, und nun werden die lieben Briefe mit erneuerter Andacht gelesen und commentirt. Siehst Du, das