Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 9 (21.3.1890)
- Date
- 1890-03-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 zu beten anfangen darf.' Daraufhin bezieht sich auch die Einleitung des »Akdomos^ ׳Gedichtes und dasselbe will auch das paitanische ״Nisoä ellaellomirn" ausdrücken. Man vergleiche auch noch den Piut mit dem Introitus ״Lroselie erosod raehaschon“ Im Tal-Gebete, der ebenfalls auf diesen Gebrauch gegründet ist, und der — nebenbei gesagt — auf den Cantor allein Bezug hat über dennoch—- selbstverständlich nicht aus übermäßiger Kenntnis — von der ganzen Gemeinde abgebrummt wird. Von dieser Bevollmächtigung und Genehmigung ist nun in diesem Gebete die Rede, und deshalb auch, wenn das Gebet auf solcher Höhe steht und nach der geschilderten Weise vor sich geht, was Wunder dann, wenn da »das ganze Räderwerk des irdis chen und himmlischen Getriebes sich erhebt, und Ln den Augen dieser Seraphim, dieser feurigen begeisterten Beter, das ganze Weltall eine viel höhere, ätherische Gestalt annimmt, angesichts besten sie lobpreisen und sprechen: »Gelobt sei die Herrlichkeit Gottes, in seiner Erhabenheit!״ .Auf solche Weise lasten sie (die Cantoren mit ihren Mitbetern) dem gepriesenen Gotte liebliche Melodien erklingen, so stimmen sie dem lebendigen und beständigen Könige Gesänge an und lasten ihm Loblieder ertönen.* Diese nicht unwahr׳ schein liche Anschauung haben wir vom angeführten Gebete, und wenn es wahr ist, wie wir es überall sehen, dass die Propheten himmlische Dinge durch irdische Vorgänge schildern, so sind wir sogar geneigt anzunehmeu, dass daS erhabene Bild in Iesaia Kap. -6 ebenfalls dem gottesdienstlichen Wirken deS Cantors in Gemeinschaft mit seiner Gemeinde entnommen ist, bei welchem dem ähulich die Huldigungsformel von .Heilig u. s. w.' ein Theil dem Andern mit einer Stimme zuruft, die Wände erbeben und das Haus erzittern macht. WaS nun die .Nachfolgerschaft des Hohepriesters' anbelangt, so kann man nicht einmal die Behauptung aufstellen: Der Cantor ist der Nachfolger des Hohepristers. Denn nicht sein Nachfolger, sein Zeitgenoste war er, und als noch das Hohepriesterthum in Blüthe stand, hat das Cantorthum bereits existirt und für Gottesdienst und Judenthum segensvoll gewirkt. Man irrt sich nämlich darin gewaltig, wenn man im Allgemeinen glaubt, dass nach der Zerstörung des heiligen Tempels und nach Einäscherung der heiligen Stadt die Synagoge erst entstanden ist. Dem aber ist nicht so. Der palästinische Staat war Verhältnismäßig groß, und das herrschende Volk des Landes war eben das jüdische, das doch in allen seinen Städten und Dörfern zweifellos Gotteshäuser haben musste, wo die Bevölkerung ihre täglichen Gebete verrichten konnte. Auf die obligaten Wallfahrten nach Jerusalem allein, die nur 3 Mal im Jahre stattfanden, und wo sie gleichzeitig alle ihre inzwischen angesanmmelten Opfer mitnehmen und sie pflichtschuldigst darzubringen vermochten, konnten sie sich in dieser Beziehung nicht vcrlasten, da sie dann gezwungen gewesen wären, in der Periode von Sukkos bis zum Peßachfeste In den Provinzen gänzlich den gottesdienstlichen Uebungen entsagen zu müsten, was schwer anzunehmeu ist. Aber nicht allein in den Provinzen, wie hier klar hervorgeht, hatte man Bet- und Lehrhäuser vollauf, sondern in Jerusalem selbst bestanden noch neben dem Tempel, je nach Bedürfnis, auch Synagogen, und zwar gibt der Midrasch die Zahl derselben sauf 480 au, die alle bei der Zerstörung des Tempels mit untergegangen sind. (Midrasch Echa, Stück ״Villa, adonoj *velau chamol.e) Auf diesen Umstand nun beruht denn auch die Unterscheidung zwischen!.במקדש" und »י׳במדינה welche die Mischna in verschiedener Beziehung aufstellt, und nach Raschi »Bamdino' nicht allein auf. die Provinzialsynagogen, sondern selbst auf diejenigen in Jerusalem Bezug hat. (Siehe l'osxbot- ©m*tow Sehekallm 1. Mischna 3.) Demnach ^müssen wir resumiren, dass im Tempel wohl der Opfercultus war, welchem Priester vorstanden, in den Synagogen aber war der Gebetcultu s, den Cantoren pflegten und fruchtbar machten. Nun wollen wir einmal einen Umblick halten, wie es mit der Nachfolgerschaft des Rabbiners als Prediger, außsiebt und wie es in Wahrheit damit sich, verhält. Es ist wahr, die Priester hatten ebenso zu lehren und über gesetzliche Fragen, zu entscheiden, wie jetzt die Rabbiner. Allein haben die Priester dies ihr Nebenamt etwa während des Gottesdienstes ausgeübt, dass hier nur entfernt von einer ,Nachfolge irgend die Rede sein könnte? Wir wollen hier nicht untersuchen, ob überhaupt nach der Beschaffenbeit unserer Religion predigen zugleich lehren heißt. Der Talmud weiß vom Predigen in heutigem Sinne nichts. In jener Zeit hatte man nur kurz vor den Festen auf öffentlichen Plätzen dem Volke die Gesetze und Gebräuche des kommenden Feiertages vorgetragen und die Menge darin belehrt, wie sie sich am selben praktisch zu verhalten hat, weiter nichts. Dagegen findet man im Talmud, dass auf Redekunst kein so großer Wert gelegt wurde, und als Rabbi Akiwa sich einer exegetischen Redewendung bedienen wollte,^ verwies ihn Rabbi Elieser und rief ihm zu:,!״כלה מדברותיך ולך אצל נגעים ואהלות ,Vollende Deine Rede und wende dich lieber den Neinignngsgesetzsn zu, die Dir mehr Gründlichkeit und Scharfsinn bieten, als dieses.' (Raschi, Sanhedrin 67, 2.) Wie wir nun sehen, ist die Kanzelpredigt nicht auf jüdischem Boden entstanden und somit vollständig eine christliche Institution, was auch der Grund sein mag, weshalb sich die Orthodoxie in der ersten Zeit ihres Aufkommens so sehr gegen sie sträubte. Aber selbst in der christlichen Kirche datirt sie noch nicht von gar sehr lange her. Luther war der Erste, der sie in den Mittelpunkt des Gottesdienstes setzte und sie einen intezrirenden Theil des protestantischen Cultus werden ließ, um den einförmigen und kalt lastenden Gottesdienst dadurch zu heben und ihn anziehender zu machen. Und dennoch genügt dieses Mittel selbst in der christlichen Kirche nicht mehr und klagen jetzt schon gewichtige Stimmen darüber, dass ,die religiösen Bedürfniße keineswegs durch die ausschließliche Herrschaft der Predigt befriedigt werden." (Siehe ,der protestantische Cultus' von Hans Julius, Augsb.) Bei uns. aber wird die Predigt nie und nimmer die religiöse Bedeutung gewinnen, wie in der christlichen Kirche, denn erstens fehlt unfern Geistlichen — wenn überhaupt von Geistlichkeit bei uns gesprochen werden kann — die autoritative Gewalt, und anderseits fehlt unserm Publicum die nöthige blinde Gläubigkeit und fromme Einfalt. Bei uns ist und bleibt sie nur ein Schau׳ stück, in welchem der Redner sich der unmaßgebenden Kritik der Zuhörerschaft aussetzen muß. wo selbst die hiebei Schlafenden und Nickenden ihr Votum abgebeu, ob die Predigt gut und schön, oder schlecht und langweilig war. Ein treffliches Bild darüber, wie die Kauzelpredigt in unfern Gemeinden sich gar nicht einbürgern will und kann, liefert uns einer der ersten und bedeutendsten jüdischen Prediger, der selige Dr. Adler, Landrabbiner von Hessen - Cassel, in der Hamburger Laubhütte Nr. 9 des ersten und einzelnen Jahrg. 1867, wo er schreibt: ,In jeder Gemeinde gibt es Leute, für welche die Predigt etwas Ueberflüstiges und Entbehrliches ist. Noch ist sie für die jüdische Gemeinde kein wesentlicher׳ Beständtheil des Gottesdienstes.' (Dafür sehen sie die Prediger selbst nicht an, da sie doch nicht alle Samstag predigen.) ״Noch hören wir von sonst gebildeten Gemeindemitgliedern: ich bleibe bei der Predigt, weil ich überhaupt noch den Gottesdienst besuche, was mir ein Prediger übrigens von der Kanzel sagen , kann, weiß ich auch und ich könnte für mich die Predigt entbehren.. Und, wieder gibt es