Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 8 (11.3.1890)
- Date
- 1890-03-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die achtzehn Benedictionen. Mein sehr geehrter Freund, Herr Josef Löwinger, Cantor in Keszthely, hat in seiner ,Reflexion über Tempelreformcn' in 'Nummer 3 dieses Blattes den competenten Lesern eine Frage über die Verrichtung der achtzehn Benedictionen vorgelegt. Sollen sie nach dem bisherigen, allgemeinen Usus erst von der Gemeinde gebetet und dann vom Cantor rccitirt werden, oder soll die Gemeinde erst im Stillen beten und der Vorbeter dann nur bis uachK6du86bab wiederholen, oder ist es endlich angezeigt, wie eS manchem Rabbiner gefällt, dass der Vorbeter sammt der Gemeinde das Gebet zu gleicher Zeit mit lauter Stimme beginne und vom Anfänge bis zum Ende mit einander verrichte. Herr Löwinger hat sich besonders an meine Wenigkeit, als Mitarbeiter dieses geschätzten Blattes gewandt, und ich will biemit seinen Wunsch erfüllen und die angeregte Frage nach Wissen und Gewitzen objectiv beantworten. Die Ouelle, ans welcher die Codices ihre Meinung schöpfen, ist inr Tractate Rösch Haschonoh 34 b. Die Chachamim sagen: So wie der Vorbeter belei, so muß jeder Einzelne beten. ׳Rabbi Gamliel behauptet, dass der Vorbeter durch seinen Vortrag ׳die Gemeinde von ihrer Psiicht zu beten enthebe, oder mit anderen Worten, er ist sie .מוציא Ans der Contreverse im Talmud ist zu entnehmen, dass sowohl die Chachamim als Rabbi Gamliel verlangen, sowohl die Gemeinde als der Vorbeter haben zu beten, .aber die Chachamim legen mehr Gewicht auf die Gebete der Gemeinde und Rabbi Gamliel mehr auf die des Vorbeters. Im Codex wird für das ganze Jahr, außer Rösch Haschonob und Jom Kippur, die Meinung der Chachamim acceptirt. Im Orach Chajim K. 124 heißt es: Nachdem die Gemeinde gebetet hat, -soll der Vorbetcr das Gebet wiederholen, und der, welcher nicht zu beten weiß, soll genau zuhören» was der Vorbeter sagt, Damit er יוצא ist. Ueber den אינו בקי, den der Vorbeter מוציא ist, sind die Meinungen verschieden. Nach Naschi ist ihn der Vorbeter מוציא, selbst wenn Ersterer von der hebräischen Sprache gar nichts versteht, nach vielen anderen Gelehrten muß der Zuhörer die hebräische Sprache verstehen. Nach ihnen heißt ׳אינו בקי er kennt .nicht die Ordnung der Gebete .אינו בקי כבתל יניבה לתפלה Das kann aber nicht befremden, dass man die hebräische Sprache verstand und doch nicht der Reihe nach zu beten wusste, weil .in der Zeit, in welcher die Buchdruckerei noch nicht allgemeine Verbreitung hatte, die nacheinander folgenden Gebete nieder- ,geschrieben wurden und selten zu studen waren; daher gab es Viele, welche zwar die hebräische Sprache verstanden aber doch nicht ,wussten, wie man zu beten habe. Nur der Vorbeter hatte ein solches correctes Buch. *) Die Codices acceptiren die Ansicht jener Männer, welche sagten, dass die Zuhörer die hebräische Sprache verstehen müssen, .wenn sie der Vorbeter מוציא sein soll, da es aber in unserer ,Zeit Viele gibt, welche die hebräische Sprache nicht verstehen und doch wissen, wie man zu beten hat, so kann sie in keinem Falle -ber Vorbeter מוציא sein, denn dieser ist nur jene מוציא , welche nicht zu beten wissen. Daher muß in allen. Fällen die Gemeinde die achtzehn Benedictionen beten. Nun ist die Frage, wozu braucht .man den Vorbeter? Schon der Mögen Abraham sagt im O. Chaim K. 53, 20, dass in unserer Zeit der Vorbeter die Gemeinde nicht מוציא ist, ,man braucht nur den Vorbeter zu den Pijutim, wie auch zu Ksduschah und Modim. 1) Landau im Aruch zum Worte לק sagt: daher hieß der Vorbeter <Chasen,^weil dieses Wort auch ״feljen“ bedeutet; er allein hat im geschriebenen Gebetbuche gesehen, die Gemeinde hat ihm nachgebetet. Es bleibt also entweder beim llsus, dass die Gemeinde erst die achtzehn Benedictionen bete und der Vorbeter sie wieder« hole, damit man Kednschah und Modim wie auf jede Eulogie ein Amen sage, oder man befolge den Beschluss, welchen die Synode in Augsburg im Jahre 1871 ausgesprochen hat, der in Wien wie in Gr.-Kanizsa befolgt wird, dass die Gemeinde im Stillen betet und der Vorbeter nur bis nach Keduschah recitirt. Dass aber der Vorbeter mit den Gemeinden zusammen laut beten soll, ist nicht nachdem Codex und auch ^lächerlich. Wozu soll der Vorbeter laut beten, wenn Niemand auf seine Worte merken kann? Nun beziehen sich viele Reformen auf einen Brief, den Maimonides an die Türken in arabischer Sprache geschrieben hatte, dass die Gemeinde und der Vorbeter zusammen die achtzehn Benedictionen laut beten sollen, oder dass der Vorbeter allein sie recitire. Erstens sind die Meinungen über diesen fraglichen Brief sehr verschieden, und dann ist unser GebetrituS von dem der Sephardim sehr abweichend. Wir Hallen uns strict am Talmud, wo es heißt, dass sowohl die Gemeinde alS der Borbeter die achtzehn Benedietionen beten sollen, und wenn wir bedenken, dass zur Zeit des Maimonides noch nicht die gedruckten Bücher waren, und es Viele gab, welche trotz der gründlichen Kenntnis der hebräischen Sprache doch nicht wussten, wie man der Ordnung nach zu beten habe, war eS genug, wenn der Vorbeter allein gebetet hat, weil er die Gemeinde מוציא gewesen. Daher hat er gerathen, dass Vorbeter allein vorbete und die Gemeinde auf seine Worte horche. Es gibt noch viele scphardische Gemeinden, wo die Gemeinde nicht die Benedictionen im Stillen betet, sondern der Vorbeter sie rccitirt, weil sie die Ansicht Raschis acceptiren, dass der Vorbeter auch den אינו בקי in dem Sinne, wenn die Gemeinde auch nicht die hebräische Sprache versteht, מוציא ist. Dann ist noch ein weiterer Unterschied zwischen uns und den Sephardim. Wir reslecliren nämlich bei Besetzung eines Cantorpoftens weniger auf vollkommene Kenntnis der hebräischen Sprache, sondern wünschen mehr׳ dass der Angestellte ein tüchtiger Sänger sei. welcher mit seinem gediegenen Vortrage die Zuhörer ergötze. Wenn er also selber kein בקי ist, so kann er keinesfalls die Gemeinde מוציא sein, während die Sephardim darauf sehen, dass der Vorbeter mebr Kenner der hebräischen Sprache als geschickter Sänger sei, daher ist er die Gemeinde מוציא Nach meiner unmaßgeblichen Meinung soll also entweder der Usus nach dem Codex bleiben, dass die Gemeinden erst im Stillen die achtzehn Benedictionen beten und dann der Vorbeter sie recitire, oder wenn die Gemeinde die Zeit der Gebete ab» kürzen will oder aus andern Opportunitätsrücksichten, so möge der Cantor bis nach K6du36bab und dann vor Modim bis Ende recitire«. damit die Gemeinde, wenn auch der Vorbeter in unserer Zeit nicht mehr מוציא ist, doch einerseits von dem Gesänge des Cantors erbaut werde und anderseits in Keduschah und Modim mit dem Cantor bete. Die Kritik hat bewiesen, dass nur die drei ersten und die drei letzten Eulogien der achtzehn Benedictionen von den Männern der großen Versammlung verfasst wurden, und daher werden sie an Sabbath und Festtagen gebetet.O da fie die wichtigsten Gebete in den achtzehn Benedictionen sind. ' Diese Abänderung gegen den Usus verstößt nicht gegen das Gesetz, weil die Stelle, welche M. Abraham K. 68. auS dem Jeruschalmi citirt, wo es im Jeruschalmi heißen sollte: ״Ihr sollt nicht die בדר ההפליות abändern", eine irrige ist; in Jeruschalmi ב) Siehe לול ולול ולולשץ vom Lector Weiß in Wien 1. Th. S. 6S.