Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-03-11 · Heft 8 (11.3.1890) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 8 (11.3.1890)
Date
1890-03-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1304829-3453172-3453180--2796-3457083
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wurde, selbst einen Augenblick ohne Cantor sein, oder auch nur schein en zu müssen. Vielleicht ssndet man auch in dieser hier angeführten Stelle die allein richtige Bedeutung vom Worte חי}״" als Cantor, worüber man noch immer, trotz der Erklärungen des ״Oruch“ And seines Landau'schen Commentars, sowie der von Lewinsohn Ln seinem ״Bes jebudo״ nicht recht klar ist. Sodurch wird dieses Wort in jener Bedeutung so viel heißen, wie,Zuschauer׳' {»mi חזה״" .schauen'), nämlich Derjenige, der beim Vorlesen, wo er sonst unthätig ist, als Vermittler zu- und nachschauen und vor der Gemeinde sich auch schauen lassen muß, um damit Jedem vor Augen zu führen, dass er der von der Gemeinde Erkorene und von ihr zum Vorbeter Lesignirt ist. (Fortsetzung folgt.) Das Moschol. ״Nach feiner Bedeutung und Anwendung in biblischen und nachbiblischen Schriften. H. Veranlassung zu mündlichen Vorträgen fanden die Nabbinen nicht blos in den Verhandlungs- und Lehrhäusern, sondern auch Lei verschiedenen Gelegenbeiten, bei Hochzeiten. Leichenbezängnißen. Tischgesellschaften und bei sonstigen Lebens- und Familienereignißen, woselbst daS Moschol eine Hauptrolle spielte. So verschieden aber auch der Inhalt solcher Vorträge war, immer bildete die heilige Schrift den Mittelpunkt dazu. ״Hafoeli boh w’hafoch boh d’kulo boh, wende die Thora um und wieder um, Du wirst Alles in ihr finden', so lautete der Wahlspruch des Len Bag Bag <Ab. 5, 24.) DaS Material unseres Gegenstandes ist zu groß und zu umfangreich, greift so sehr in die jüdische Litteratur ein, dass es uns nicht einfällt, dieses Thema ei schöpfend zu behandeln. Aber wir wollen uns bemühen, allseitige Proben zu liefern, um den Gegenstand so viel als möglich nützlich und angenehm, wissenschaftlich und unterhaltend darzustellen und zwar nach folgenden fünf Abtbeilunzen: 1. Das Moschol nach seiner allegorischen Bedeutung. 2. In der Auffassung als Parabel. 3. Als Spruch und Sprichwort im weiteren Sinne. 4. Dessen Anwendung als Fabel. 5. Das Moschol im Dienste der jüdischen Derasohab. Ad. 1. Allegorie ist ein griechisches Wort und bezeichnet seinem Ursprung nach: .anders reden', eine Darstellung, in welcher die Zeichen, wodurch man darstellt, noch etwas Anderes bedeuten sollen, als sie unmittelbar ankündigen. Im Allgemeinen «ennt man Allegorie jede Darstellung, in welcher ein Gegenstand durch einen ähnlichen und verwandten ausgedrückt wird. Der Hebräer hat keinen andern Ausdruck dafür als die vieldeutige Bezeichnung ״Nosebol". Die Allegorie, die sinnbildliche Darstellung eines Gedankens, und die allegorische Auslegung, die Entkleidung desselben von seiner sinnbildlichen Hülle, beide sind im biblischen und nachbiblischen Schriftthum vorhanden und wird häufig davon Gebrauch gemacht, späterbin aber auch starker Missbrauch damit getrieben. Schon im Pentateuch finden wir eine solche Bildersprache, als: ״Beschneidet die Vorhaut eures Herzens!" (p. M. 10, 15.) Reichhaltiger an Allegorien ist die Sprache der Propheten, von denen wir einige Musterbilder anführen wollen. Die drei großen Propheten, Jesaias, Jeremias und Ezechiel, beginnen ihre prophetische Wirksamkeit, jeder mit einer Vision, dargestellt durch eine Allegorie, die für den ganzen Charakter eines jeden von ihnen bezeichnend ist. Die Berufung Zesaias als Propheten wird von einer Crfcheinung eingeleitet, in welcher er Gott auf einem erhabenen Throne sitzen sieht, dessen Säume den Raum des Tempels füllen. Oberhalb des Thrones stehen Seraphim, die einander zurufen: .Heilig, heilig, heilig ist der Ewige Zebaotb, voll ist die ganze Erde von seiner Herrlichkeit!' (Ies. K- 6.) Diese Allegorie war der klarste Ausdruck seiner, des Jesaias, inneren Gedankenwelt, entsprach ganz seiner Vorstellung von Gott und enthielt die Zeichnung seiner Prophetenthätigkeit. Sie drückt die Weltregierung und Weltleitung durch Gott aus, wie er sich in derselben als der Heilige offenbart. Der Tempel bedeutet hier die Welt und dien! als bildlicher Ausdruck seiner Verehrung auf der ganzen Erde. ,Voll ist die ganze Erde von seiner Herrlichkeit' war die Idee, die ihm diese Erscheinung versinnbildlichte und den Gott Israels, als den Gott aller Welten und Wesen, der Alles umfasst und Nichts ausschließt, darstell'.e. Hiermit erhielt er Aufklärung über Israels Bestimmung und seine eigene Aufgabe, die nicht in der Begründung eines großen Weltreiches, sondern in dem Aufbau eines Gottesreiches besteht; nicht in den leiblichen, sondern in den geistigen Eroberungen, wie der reine Gotteßglaube mit seinen Ideen des Rechles und der Sittlichkeit einst von allen Menschen erfasst und beherzigt werden soll. Bedeutsam ist eine Betrachtung des Midrasch (Jalk. Ies., P. 272, und Nab. 3 M. K. 20.): An die Engel ergeht nur ein Ruf zur Heiligkeit, an Israel ergeht dieser Nus, .heilig zu!ein' gar oft. das erklärt der Midrasch durch ein Moschol. Ein König Halle zur Wartung und Bewahrung seiner großen Weinvorrälhe eine zahlreiche Dienerschaft. Darunter waren solche, die mehr dem Trünke ergeben waren, diese erhielten einen größeren Lohn als die anderen. Denn, sprach der König, sie haben ein größeres Bedürfnis, als die Enthaltsamen. So haben auch die himmlischen Diener keinen bösen Trieb, und ein Ruf zur Heiligkeit genügt; die irdischen Gottesdiener besitzen aber, viele böse Triebe, die sie oft berauschen, und der Ruf, ,ein heiliges Leben zu führen', muß öfter an dieselben ergehen. Israel soll nun als Diener Gottes, selbst mit Schwächen behaftet, diese Heiligkeit und den sittlichen Ausbau bei dem'mit bösen Trieben behafteten Heidenthumc bewerkstelligen. Dazu gehört ein großes Quantum geistiger, sittlicher und heiliger Kraft. Der Prophet Jesaias hört nichts als ,Heilig, heilig!' rufen [ mit dem Schlüsse: .Die ganze Erde ist voll von seiner Herrlichkeit." Er erkennt daraus sein- und Israels Mission. Der Prophet erschrickt, ciue solche Aufgabe erscheint ihm für sich und sein Volk zu gewaltig, und er ruft aus: .Wehe mir, ich bin vernichtet, denn ein Mann von unreinen Lippen bin ich, und unter einem Volke von unreinen Lippen wohne ich!' Aber da wird ihm die Furcht vor eigener Sündhaftigkeit durch eine symbolische Handlung, die sein Weiheact sein soll, genommen. .Ein Engel berührte mit einem Glutftein seine Lippen unter den Worten: ״So dieser deine Lippen berührt, ist deine Sünde gewichen und dein Fehl gesühnt.' Erft durch diese Prophetenweihe, die ihm seine sittliche Läuterung andeutet, fühlt er sich für seine Sendung stark genug. Das Altarfeuer, das erst seine Lippen berührte, brennt jetzt in seinem Innern, und entschlossen durch den an ihn ergehenden Gottesruf: ,Wen sende ich, und »ver geht für uns?' antwortete er: .Hier bin ich, sende mich!' Es wird ihm nun das Volk in dessen Mitte er wirken soll, mit seinen Sünden und Mängeln vorgesührt, aus dem er ein neues, für Gott und seine Lehre begeistertes Israel unterweisen und erziehen soll. Wir haben uns nur bei diesen so großartig angelegten allegorischen Bildern so lange aufgehalten und beabchsichtigen, die andern kürzer zu behandeln. w ..... r. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.