Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 8 (11.3.1890)
- Date
- 1890-03-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Meister der modernen Cantoren ist in der Geschichte längst festgestellt und bedarf keiner weiteren Worte. Aber minder bekannt dürfte der große Einfluss sein, den er auf alle Verhältniße in der Wiener Cultusgemeiude genommen. Wer noch in den letzten < Jahren Gelegenheit hatte, mit Meister Sulzer in näheren Verkehr zu treten und dem beredten Munde zu lauschen, der so gerne Erinnerungen - aus den Kinde!fahren der Wiener Cultusgemeinde wicdergab, dem wurde es klar, dass Sulzer nicht nur in der Synagoge als begeisterter Interpret seiner Tonschöpfungen die andächtigen Gemüther beherrschte, sondern auch außerhalb derselben in allen wichtigen Cultus- und Gemeindefragen durch seinen scharfen Geist, seinen klaren Blick, die starke Willenskraft, überhaupt durch die ganze Bedeutsamkeit seiner ausgeprägten Individualität bestimmenden Einfluss nehmen musste. Am 2. April 1881 schied Sulzer von der Stätte seines ehren- und erfolgreichen Wirkens. Einundsechzig Jahre lang, zwei Mcnschenalter hindurch, waltete er seines heiligen Amtes und nur ungern, dem sorglichen Drängen seiner Freunde nachgebend, machte er Feierabend. An dem Sabbathe, an dem er zum letzten Male vor den Altar trat, um Gottes Lob und Preis zu singen, war der Stadtlempel viel zu klein, um alle Jene zu fassen, die gekommen waren, noch einmal auf die herzerbebenden Töne des gefeierten Mannes zu lauschen. Wenn auch das hohe Alter die einst rolossallen Stimmmittel des Säugers geschwächt hatte, die Innigkeit und Hoheit seines Vortrages wurde durch dasselbe in keiner Weise beeinträchtigt. In andachtsvoller Weihe nahm die versammelte Gemeinde Abschied von dem größten Zionssänger. Sulzer wurde nun abermals der Gegenstand zahlreicher Ovationen. Gemeinden, Vereine und Private wetteiferten in dem Bestreben, dem scheidenden Meister ihre Verehrung durch Widrnungcn, Adressen und sinnige Geschenke zum Ausdruck zu bringen. Ein prachtvoller goldener Kranz mit kalligraphischer Widmung wurde ihm aus diesem Anlasse von einer Deputation der israelitischen Frauen Wiens überreicht. Von jetzt ab lebte Sulzer in stiller Zurückgezogenheit und sorgenfreier Muße, die ihm die dankbare Munificenz der Wiener Eultusgemeinde bereitet batte. Nur einmal noch trat er in die Oeffentlichkeit. als seine Jünger daran schritten, den österreichischungarischen Cantoren-Verein in's Leben zu rufen. Bereitwillig stellte er sich an ibre Spitze und nahm, wenn auch, wie er selbst oft betonte, seine Kräfte zu wirksamer Thätigkeit zu schwach seien, die Stelle eines Ehrenpräses des Cantoren-Vereines an. Unvergesstich wird uns der Moment bleiben, als Sulzer die vorberathende Generalversammlung, au welcher nahezu hundert Eantoren aus allen Ländern der Monarchie tbeilnahmen, mit der Verrichtung des Abendgebetes eröffnete. Viele der Anwesenden hatten den Nestor bisher nicht gehört, und wenn auch der ehrfurchterregende Greis mit dem schneeig weißen Lockenhaupte nur mehr ein Schatten seiner einstigen Größe war, so drang dennoch sein Gebet tief in ihre Seele ein, und sie konnten erst jetzt sich eine Vorstellung machen von dem gewaltigen Zauber, den Sulzer als ein wahrhaft gottbegeifterter Sänger auszuüben vermochte. Sein letztes Gebet, sein letzter Sang hat seinen Schülern und Jüngern, seinen Kindern im weiteren Sinne, gegolten. Als Anhang zu Sulzer's Biographie werden unseren Lesern gewiss auch einige Mittlheilungen über dessen Familie willkommen fein. Sulzer hatte sich mit einer Landsmännin, Fanny Hirschfeld -aus Hohenems, in noch jungen Jahren vermalt. Die Gattin gebar ihm sechzehn Kinder, von denen sich mehrere der künstlerischen Laufbahn widmeten. Marie, das älteste Kind, war eine Schülerin deS Professors Felice Ronconi am Conservatorium in Mailand und begann im Scalathealer daselbst ihre Künstlerlaufbahn, welche sie nach Frankreich, Spanien und den kleineren Staaten des damaligen Italien führte, wo sie überall in den ersten Solopartien mit glänzendem Erfolge auftrat. 'Sie ließ sich auch in Wien, im Kärnthnerthor-Theater Horen, kehrte aber wieder nach Spanien und zuletzt nach Frankreich zurück. In Paris lernte sie den Sohn des spanischen Generals Bonäventurä äs Lslart kennen, wurde dessen Gattin und nahm Abschied von der Bühne. Aber bald verwittwet, kehrte sie nach Wien zurück und wirkte durch vier Jahre als Profestorin des Gesanges an der bestandenen kaiserlichen Opernschule in Wien. Nachher gab sie privaten Gesangsunterricht, - und Damen ans den höchsten Kreisen der Wiener Gesellschaft zählten zu ihren Schülerinnen. Nach dem frühzeitigen Ableben der Gattin Sulzer's stand Marie dem Haushalte ihres Vaters vor und ließ demselben biß zu seinem Tode die aufmerksamste und liebevollste Pflege angedeihen. Eine Schwester Mariens, Henriette, widmete sich, mit schöner Stimme begabt, ebenfalls der Gesangßkunst und sang zugleich mit der früher Genannten in den erwähnten Ländern. Dann segelte sie über den Ocean, sang in Amerika, zumeist in Mexiko, wo sie den seinerzeit berühmten Bassisten Biaccbi heiratete, welcher zur Zeit des Kaisers Maximilian Director der kaiserlichen Oper in Mexiko war. Später kehrte die Künstlerin mit ihrem Gatten nach Europa zurück, wo Beide, von der Oeffenllichkeit zurückgezogen, bald aus ihrer Besitzung in der Nähe von Florenz, bald in Wien lebten. Fanny. Sulzer's jüngstes Kind, vermälte sich im Novcmber 1877 dem Pariser Journalisten kaul d’Abrest, unter welchem Pseudonym sich der Schriftsteller Friedrich Kohn aus Prag birgt, der gegenwärtig bei einem Wiener Journale thätig ist. Von den Söhnen sind außer Julius, bis vor Kurzem Capellmeister am Hofburgtheater in Wien, noch zu neunen: Joseph, der als Virtuos am Violincello im Orchester des Wiener Hofoperntheaters angestellt ist und viele Jahre hindurch auch im Hellmesberger-Quartett mitwirkte; ferner Emil und Carl, crsterer lebt in Galatz, letzterer in Wien. Ein Beitrag zur Klärung der Frage der traditionellen Tonarten. XVII. Es kommen manchmal in unseren Fachblättern Artikel zum Vorschein, die sich mit sehr wichtigen Fragen befassen, aber die Behandlungsweise derselben fällt schließlich nichts weniger als der Wirklichkeit entsprechend aus und erscheint nicht immer als nothwendigcs Ergebnis eines eingehenden Studiums. Was der Verfasser über den angeregten Gegenstand denkt, stellt er als unbestrittenes Grundprincip auf, und wie das betreffende Object in seinem Bereiche und im Kreise seiner Erfahrung eine Behandlung erfährt, so wird es von ihm als unumstößlich maßgebend für alle Zeiten und Verhältniße zur Darstellung gebracht. Zum Ueberfluße wird noch die ganze Collegenschaft zur Mitarbeit an diesem »großen Werke* behufsBearbeitung dieses ,noch unbebauten Feldes* — natürlich nur im Sinne des Artikclschreibers — aufgerufen, und wenn noch die verehrliche Redaction sich wohlwollend zur Aufnahme der dargebrachten ,Scherflein*' bereitwillig erklärt, dann ist der vornehme Artikel fix und fertig und damit auch ausgemachte Sache. - Einem solchen Erzeugnis schriftstellerischer Thätigkeit begegnen wir im Artikel: »Der Hohepriester und seine Nachfolger* in