Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 7 (1.3.1890)
- Date
- 1890-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453172-3453179--2786-3457072- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 Freiheit und Gleichberechtigung zu erfreuen haben wirft, so brauche nicht die Freiheit, werde nicht stolz, hoch- und übermütbig und gottvergessen, sondern timche es secher Araalek, suche sorgfätlig alle» da» zu vermeiden und zu entfernen, was geeignet wäre. Amalek Veranlassung zu geben, dich anzngreifen. vergiss eS ja nicht! Minder schädlich und minder gefährlich war der Sprosse Amalek'S, war Hamau, der Vater dcS persischen Antisemitismus. In Persien lebten die Inden unter der Negierung des Achaschwerosch unangefochten. Sie durften überall wohnen, konnten nagestört Handel und Gewerbe treiben, alle BildungSanstalten standen ihnen offen, sie kannten keine Beschränkungen und erfreuten sich der vollständigsten Freiheit und Gleichberechtigung. . Zn Folge dessen haben sie ihre eigenen Sitten, Bräuche und Formen ver« nachlässigt und sich hiesür die persischen angeeignet. Der König Achaschwerosch selbst war freisinnig, tolerant und milde, was schon aus dem Umstande ersichtlich ist, dass er sich bei der Wahl seiner Gattin nicht nach deren Herkunft, Abstammung und Glaubensbekenntnis erkundigte. Allein er war eroberungssüchtig im höchsten Grade. Sein ganzes Streben war dahin gerichtet, sein Reich zu vergrößern, zu erweitern. Er wollte ein großes, einiges persisches Reich gründen, was ihm auch thatsämlich im vollsten Maße gelungen ist, denn er beherrschte hundert sieben und zwanzig Provinzen. Da er fedoch die Vergrößerung seines Reiches, die Nealisirung seines sehnlichsten ,Wunsches einzig und allein den trefflichen Plänen und Rathschläzen seines Günstlings Hamau verdanken zu müssen glaubte, so wurde dieser von ihm mit allen möglichen Ehren und Auszeichnungen überhäuft, überschüttet, der kleine untergeordnete Diener des Staates wurde zum ersten Würdenträger ernannt. In Folge dieser Standeserböhung wurde Haman stolz, hoch- und übermüthig, litt an Größenwahn, vergötterte sich selbst und wünschte auch vom Volke abgöttisch verehrt zu werden. Alles musste vor ihm das Knie beugen und niemand durfte es wagen, ihm zu opponiren. Allein in der Hauptstadt Susan lebte ein Jude׳ Namens Mordechai. Dieser hatte den Muth, dem großen allgewattigen Haman'zu opponiren und ihn oft seines Nimbus zu entkleiden. Mordechai duckte sich nicht und beugte sich nicht vor Haman. Darob sehr erbittert, belchloss Haman, ihn zu ver* nichten. Da man jedoch dem Haman gesagt, kl higidu lau es Am Mordeckai, dass die Kühnheit und Unerschrockenheit Mordechai's nicht etwa die Folge mosaischer Religion, sondern eine Eigenthümlichkeit der jüdischen R a c e Am Nordcckai sei, so beschloss er, die ganze Nace moralisch zu vernichteu. Er griff zu einem neuen Mittel, zur Verleumdung. Er kam zum König und sprach: Jesckno Am eckod, hier lebt ei« Volk, zerstreut unter allen Völkern der .sämmtlichen Länder deines Reiches. Die Juden, so sagte Haman,* haben sich zwar mit den anderen Nationen, unter denen sie zerstreut leben mekusor umskbrod keu hoamim, amalgamirt, ja sogar assimilirt, haben ihre eigenen Sitten, Formen und Traditionen verleugnet, und persische Sitten, Bräuche und Formen sich angeeignet, vernachlässigen ibre religiösen Satzungen nnd Feste und feiern mit uns die persischen Feste, und dennoch bilden ssie Am eckod eine besondere, ja eine eigenthümliche Nace, die durchaus nicht geeignet ist, das Heil und Wohl des Staates zu fördern. Die Juden sind, so fuhr Haman fort, NevolutionSgeister, Soeialisten, Demokraten, die die Staatsgesetze nicht im Entferntesten beachten wees dose Hameleck enom ossim. Es würde daher weder dir noch dem Staate Vortheil bringen, wenn du sie auch ferner frei entwickeln ließest. Mein Rath wäre, dieses Volk moralisch zu vernichten. Die Journalistik muß aufgeboten und überhaupt die maßgebendsten Journalisten müssen für unsere Sache gewonnen werden. In TageS-, Wochen- und Monatsblättern, in großen historischen und wiffenschaftlichen Werken wie in kleinen Brochüren muß der NacenhasS, der Autisemitismus gelehrt, gepredigt, gefördert und verbreitet werden. Jikosef leabdom, nur durch Journalistik können sie der tiefsten Verachtung preisgegeben, moralisch vernichtet und unschädlich gemacht werden. Du wirst aber einwenden, dass die Erhaltung einer besonderen antisemilischen Presse große materielle Opfer erheische, dass hiezu ein besonderer Fond nöthig wäre, nun denn, ich, so ries Haman pathetisch auS, erkläre mich erbötig, zehntausend Kikar Silber diesem so schönen und löblichen Zwecke zu widmen. Der König zog in Folge dessen seinen Ring aus und übergab ihn dem Haman als Zeichen, dass er. ihm das Recht verleihe, nach seinem Gutdünken mit den Juden zu verfahren. Sofort wurden die officiellen Schreiber sokoro kameleck einberufen und erhielten den Auftrag, den NacenhasS in allen Landessprachen iw Namen der Negierung zu verbreiten. Und so kam cS, dass in Susan, wo die Inden bis dahin unangefochten gelebt und als treue und nützliche Staatsbürger betrachtet und behandelt wurden, der Antisemitismus mit einem Male Orgien feierte. Als Mordechai dieses erfuhr, verfügte er sich, in tiefste Trauer gehüllt, in den königlichen Palast nnd klagte sein Leid der Königin. Die kluge Ester entgegnete: Es ist gewiss betrübend zu sehen, wie nichtswürdize Geschöpfe sich erkühnen, eine ganze Classe nützlicher Menschen dem Hohn und Spott, der Verachtung und den Mißhandlungen deS Pöbels preiszugeben, allein frei von aller Schuld sind unsere Glaubens- und Stammesgenossen nicht zu sprechen, denn sie haben die hier errungene Freiheit mißbraucht. Sie haben sich im Inneren zerklüftet, wollten keine Autorität anerkennen, verleugneteu ihre eigenen Traditionen und huldigten fremden Sitten und Bräuchen, daher sie es jetzt so schwer büßen müssen. Das einzige Mittel, das uns noch retten kann, ist die Rückkehr zum Glauben der Väter, keck kenos es kol kajekudim. Vor Allem versuche es durch die Macht deiner Beredsamkeit, fämmtliche Juden, die hier in der Hauptstadt wohnen, zu vereinigen, sie für die Lehre Gottes zu begeistern, suche daS Selbstbewusstsein in ihnen wachzurusen, damit sie lebhaft daS Bedürfnis fühlen, fest zusammenzuhalten, dann wird es uns leicht gelingen, die Pläne und Entwürfe unserer erbittertsten Feinde zu vereiteln und dem Könige die Ueberzeugung zu verschaffen, dass der Antisemitismus nichr, wie Hamau vorgeben zu können glaubte, geeignet sei, das Heil und Wohl des Staates zu fördern, sondern vielmehr den Staat in seinen Grundfesten zu erschüttern, denn der Antisemitismus führt zum Anarchismus. Mordechai beherzigte und befolgte den Rath der Königin, und so gelang es den persischen Juden, den Antisemitismus glänzend zu besiegen. Treffend bemerkt daher der Talmud *> Gedaulo kasoras liatabaat. Der Moment, in welchem König Achaschwerosch seinen Ring auszezogen und ihn dem Hamau überreichte, als Zeichen, dass er ihm das Recht und die Macht verliehen, mit den Juden nach seinem Gutdünken zu verfahren, hat mehr zur Hebung und Förderung des religiösen Lebens der Juden beigetragen, als die zahlreichen begeisterten und begeisternden Reden, die achtundvierzig Propheten und sieben Prophetinnen gehalten hatten. *) Megila 13.