Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 6 (21.2.1890)
- Date
- 1890-02-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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höh eres, wifsenschafftliches Streben, Gabriel'» schriftliche Arbeiten überzeugten, gar bald seine Lehrer, dass er auf seinem eigenthümlichen Wege nicht nur die Resultate des Unterrichts erreichen, sondern weit darüber hinaus gelangen würde, wie dies auchentschieden, seine griechische Abitnrientenrede bewies. Die gesellige Gastfreundschaft des elterlichen Hauses verschaffte dem Jüngling den so nöthigen Schliff und die erforderlichen Umgangsformen im gesclischafftlichen Leben, dis man sonst bei ernsten Studien nicht so leicht sich aneignen kann. Gabriel lebte heiter und sorglos, war in Gesellschaft ein gerngesehener, anregender und belebender Theilnehmer, . wniche überall gern gesehen uud schloss sich leicht und Jedem an, an dem er eine achtnngswerte Seite endeckte. Unter. seinen Mitschülern fühlte er bald die ausgezeichneten heraus, und die,Namen derer, mit denen er hier ein Freundschaftsbündnis schloss, gelangten im späteren Leben zu Bedeutung. irnd.^wurden einflussreiche Staatsmänner. Gabriel Richer-bezog 1824 die Hochschule zu Kiel, um dort seiner Neigung gemäß Jura zu studieren. Obgleich damals für ihn als.Juden dieses Studium keine Aussicht zur praclischen Thäligkeit und Verwertung desselben bot, willigte der Vater dennoch in den Wunsch seines Lieblingssohnes. Er erblickte in dem Verhältnis der Hamburger Judengemeinde zu Holstein und Dänemark einen Anhaltspunkt zur Verwirklichung der Pläne seines Sohnes. Seit der Vereinigung Hamburgs mit dem Reiche Napoleons war dies Verhältnis ein sehr lockeres geworden. Die freien Bürger, des französischen Staates konnten nicht, zugleich .Unterthanen des.Königs von Dänemark sein. Selbst nach Wieder- Herstellung der früheren Hamburger Verfassung stellten die Juden, dem. Wunsche dcö Staates gemäß, die frühere Verbindung mit Holstein und Dänemark nicht ber, obgleich ihnen die gewonnencn Rechte sofort entzogen wurden. Der König von Dänemark hatte seinen Rechten nicht entsagt und man ließ in einigen. Punkten das ehemalige Band noch bestehen, namentlich darin, dass die Juderr Hamburgs ihre Todten auf Holstein'» Grund bestatteten. Selbst neue Gesetze für Holstein schlossen die Juden. Hamburg's als zu ibnen gehörig eiu. So z. B. fanden jüdische Hamburger Handwerker in Holstein ein besseres ungestörteres Unterkommen als im heimatlichen Hamburg. Auf diese schwache Aussicht gründete Nießec seine Hoffnung, dass ein Advocal jüdischen Bekenntuißes, wenn auch geborener Hamburger, dorr die Erlaubnis zur Niederlassung und Ausübung, juristischer Praxis erlangen würde, zumal am jüdischen Gericht zu Altona, wo sei». Großvater Raphael Cohen einst Präsident und sein Vater Seeretä^ war, bis jetzt noch kein academisch gebildeter RechtSgelehrter eine Thätigkeit gesucht und gesunden hatte. Aus diesem Grunde bezog Gabriel die Universität Kiel, um Jurisprudenz zu studieren. Das innig zärtliche Familienleben, das im elterlichen Hause waltete, ist ans dem Briefwechsel. der zwischen Vater und Sohn ftattfand, am ersichtlichsten, von dem ich nur einen aus der Fülle, die uns sein Biograph Dr. Jslcr geboten, heraushebe und zur näheren Characterisirung dieses wahrhaft großen Mannes mitzutheilen gedenke. Ebenso sollen Briefe seine Anschauungen als Jude, als ftaalsmännischer Parlametarier, Hauptmirbearbeiter der Verfassung des deutschen Reiches bekunden. Auf Wunsch seines Vaters musste es Gabriel so einrichten, dass seine Briese immer am Sonnabend zur Erhöhung der Sonnabendfeier und Freude eiutraseu, die vom Vater ausführlich beantwortet und von der Mutter und den Geschwistern ergänzt wurden. Das erste Jabr verlies schnell, und es ward in ihm der Wunsch rege, die damaligen, berühmten Rechtsgelehrten Heidelberg'» zrt hören. Die ausgezeichneten Lehrer sowohl, wie die Nalurschönheiken der Umgebung Heidelberg'» zogen damals ebenso wie jetzt die Studenten hin. Nießer blieb da'elbst 2V2 Jabre und genoss die gebotenen Freuden, wie ibm überhaupt Heidelberg während seines ganzen Lebens lieb und wert blieb. Den Vorträgen jener berühmten Pcosessoreu. wie Tbibaur, Miitermaier u. A-, folgte er mit reger Aufmerksamkeit und eignete sich die Ergcbuiße durch emsiges Ouellenstudium au. Seine leichte Auffassung, iein vortreffliches Gedächtnis, wie sein ausgezeichneter Scharfsinn ererleichterten ihm sein Studium nngemem. Hier traf er auch viele seiner früheren Jugendfreunde wieder und erwarb sich neue in großer Zahl. Der Mitagstisch in der so sehr gebildeten Famile Hofmeister vereinigte einen regern Kreis seiner gewonnenen Freunde uud ich erwähne nur F. Haller, (später Secretär in Hamburg), L. Oppenheimer (Gerichtsrath in Lübek) namentlich Gustav v. Slruwe, berühmter Phrenolozc und bekannter Theilnehmer an den politischen Kämpfen des Jabres 1848. Ein innig sreundschafttiches Verhältnis gestaltete sich zwischen Nießer und den beiden hochgebildeten Töchtern Hofmeister'», Elite und Sophie, da» irr der Folgezei! durch klassische Briese bis ein Haarbreit Silte oder Anstand übertreten, nie mich unwürdig gezeigt!" Der Vater schloss feine Tochter in die Arme und thränenden Auges sprach er: ,Ick vergebe." - . Einsilbig fand Ruth den Vater des Morgens, und das siel ihr umsomehr auf, als er sonst mit der heitersten Miene das Frühstück würzte. Der Ausdruck seiner Zuge schien ihr sehr verändert, er hatte eine schlaflose Nacht zugebrachl. in der ihn die Zukunft seiner Tochter beschäftigte, ja, es war sogar in ihm der Eutschlus; gereckt, sein Amt uiederzulegen und in die Ferne zu ziehen, um alt' den llubillen, die er erlitten und noch erleiden könnte, zu entgehen. * * * ,Viele Gedanken sind im Herzen des Mannes, aber der Rathschluß Gottes, er bleibt." Carl Joelsohn hatte sich seinem ehemaligen Lehrer, Herrn De. Lob, entdeckt und seine Liebe zu Fränlein Ruth bekannt. Er bat den'ehrwürdigen Mann, seinen Vater für diese Verbindung günstig zu stimmen. Inzwischen war Rosch haschono herangenaht, und der Cantor hatte wie immer die Gemeinde zur Andacht und Buße gestimmt. Es kamen und gierigen-Besuche, und leise Andeutungen von einer bevorstehenden Verlobung wurden ihm gemacht. Dr. Löh hatte seine Schuldigkeit mit dem besten Erfolg gethau, doch sollte Alles noch geheim bleiben. Das Versöhnuugsfest versammelte wieder die Gemeinde in das .Hans Gottes, und als Engelmaun die AI chet in erhebender, alter \ Weise vortrng. stand David Joelsohn audächti.r, in sich versunken vor seinem Betpnite, und ein leises Schluchten wurde hörbar. Sein ganzes Wesen war vollends wie zerknirscht. Er wankte und musste sich mir der einen Ha.rd ans das Pulk lehnen. Das bemerkte sein Lohn Cart und stützte seinen Vater. Joelsohn streckre ihm die zitternde Hand freundlich entgegen und ließ sich in den Lebnsitz nieder. Dann rollten zwei große Tbränen über die׳ Wangen. Das liebende Vaterherz er׳ wacht-.׳ in ihm, er verhüllte still mit dem TalliS sein Antlitz und betete: w’al kulom eloha slickos, selaek loau, mechal lonu, lcapper lonu. .Und für Alles, Gott der Verzeihung! verzeih uns, vergib n»S, sühne uns!' Der heilige Tag war glücklich beendet, und wir sehen noch an demselben Abend drei Männer in taS Hans LeS Cantors eilen. Dr. Löb, David und Carl Joelsohn. ,Gut' Wvch, Herr Cantor!" riefen ihm die Eintretenden zu. ״Jejascher kochacha!“ ,Reichen Sie mir Ihre Hand zur Versöhnung. Mechuten“, sprach Joelsohn. Engelmann antwortete: ״Sol acht!.“ Rnth, die noch mit der Herrichtnnz des Abendbrotes beschäftigt war. wurde von Dr. Löb in das Zimmer geführt, und indem er ihre Hand ergriff und in Carls Rechte legte, ries die kleine Versammlung ^Nassl tovv